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Markus Hürlimann mit einer Schülergruppe vor dem Eingang zu den unteren Grotten. (Bild: Marc Benedetti)

Sommerserie «Aus der Kälte» Grottenschön

5 min Lesezeit 13.08.2013, 14:53 Uhr

In den Höllgrotten Baar herrscht das ganze Jahr über eine Temperatur von zehn Grad Celsius. «Ein angenehmer Arbeitsort, wenn es draussen heiss ist», sagt Höhlenführer Markus Hürlimann. Die bekannten Tropfsteinhöhlen sind sein Arbeitsort. Doch auch für die Reifung von Whisky sind die Temperaturbedingungen ideal.

Dass die Höllgrotten noch existieren, ist einem Zufall zu verdanken. Respektive einem Arbeiter, der 1863 mit seinen Kameraden im Lorzentobel Tuffstein abbaute. Der erwähnte Arbeiter setzte also den Meissel an, als sich urplötzlich ein Loch im Hang auftat, sein Werkzeug fiel ins Dunkel hinunter. Was ist wohl da unten, fragten sich die Arbeiter. Das Staunen war gross, als sie die erste Grotte entdeckten. Man nannte sie wegen ihrer Höhe und der schönen Stalaktitenkuppel den Dom. 1892 und 1902 kamen das Zauberschloss und die Bärenhöhle dazu.

Die Besitzer und ihre Nachkommen erkannten den Wert der Naturschönheit und zerstörten sie zum Glück nicht. Heute, 150 Jahre später, sind die Höllgrotten eine Touristenattraktion der Zentralschweiz. Rund 50’000 Besucher besichtigen sie jedes Jahr während der Öffnungszeiten von April bis Oktober.

Mittlerweile kann man zwölf Grotten auf zwei Ebenen bestaunen, die durch Gänge verbunden sind. Bei der Besichtigung legt man rund 800 Meter zurück. Die letzte Modernisierung erfolgte 2012, als die Beleuchtung vollständig erneuert wurde. Über 300 LED-Leuchten in verschiedenenen Farben tauchen die Stalaktiten in ein zauberhaftes Licht.

Einer von rund 30 Führern

Markus Hürlimann führt Besucher auf Wunsch durch die Höllgrotten. Er ist einer von zirka 30 Höhlenführern, die man über Zug Tourismus buchen kann. «Ich bin selber fasziniert von den Kreationen der Kalkablagerungen und den Launen der Natur», sagt der 64-jährige pensionierte Sekundarlehrer.

Eine solche Vielfalt an Formen auf so kleinem Raum sei einmalig. «Das  findet man in der Schweiz nur noch in den Grotten von Réclère im Kanton Jura», weiss Hürlimann. Das vom Namen her ähnliche Hölloch im Schwyzer Muotathal ist keine Tropfsteinhöhle, sondern eine Höhle mit glatten Wände. Sie ist ausserdem nur für ausgerüstete Forscher und Höhlengänger zugänglich und das unterirdische Gangsystem erstreckt sich über 200 Kilometer. Hürlimann ist früher selber in Höhlen geklettert.

Zum Job als Höhlenführer in Baar kam Hürlimann durch Zufall. Seit über 20 Jahren ist er als Stadtführer in Zug tätig. Als die von einer Familien-Stiftung betriebenen Höllgrotten 2009 Verstärkung suchten, sagte er zu. «Ich fand es eine gute Abwechslung», sagt der Höhlenführer. Er habe ja genug Zeit, und zudem halten ihn die Führungen fit, denn er läuft immer durchs Lorzentobel zu seinem Arbeitsort und zurück.

Unter Tag zehn Grad Celsius

Ist Hürlimann einmal dort angekommen, tief im Wald, erwartet ihn die Kühle. Denn in den Höllgrotten Baar ist es sommers wie winters immer zehn Grad kalt. «Wenn wir draussen 35 Grad haben, ist das ein sehr angenehmer Arbeitsort», sagt der Höhlenführer.

Für die Führungen zieht er eine Jacke oder ein Gilet an, auch die kleinen und grossen Besucher ziehen sich oft warm an. Wenn man aus der Höhle rauskommt, ins Freie, ist es plötzlich sehr warm. Der Temperaturunterschied ist im Sommer so gross, dass sich die Brillengläser beschlagen – man fühlt sich ein wenig wie im tropischen Regenwald.

Die Kälte der Grotten wird übrigens auch produktiv genutzt. Auch wenn die Führer nicht gerne darüber sprechen: In einem unterirdischen Grotten-See reift in Fässern Schweizer Whisky. Der Swiss Single Malt Whisky «Johnett» der Distillerie Etter Söhne in Zug lagert dort.  In den Tropfsteinhöhlen produziert die Natur ein sehr reines Wasser. Zehn Jahre soll es dauern, bis ein Regentropfen die Höhlendecke erreicht hat und ins Quellbecken fällt. Dieses Wasser wirkt durch Osmose auf den Whisky im Fass ein.

7000 bis 8000 Jahre alt

An einem heissen Sommertag führt Hürlimann eine Gruppe von Schulkindern aus Pfäffikon durch die Grotten, deren Alter auf 7000 bis 8000 Jahre geschätzt wird. Zuerst fragt Hürlimann die Kids, ob sie den Unterschied zwischen Stalaktiten und Stalagmiten kennen (erstere wachsen von oben nach unten).
Kein Wunder, dass die Höhlen sehr gerne von Familien mit Kindern besucht werden, der Ort regt die Fantasie an. Das Wasser und der Kalk haben im Laufe der Jahrhunderte wundersame Formationen und Geschöpfe entstehen lassen.

Baumwurzeln, die von der Decke in die Höhle hinein wuchsen, verwandelten sich in märchenhaft anmutende Tropfsteinformationen, es gibt unterirdische Seen, und in Nischen entdeckt man allerlei «Fabelwesen».

Allerlei Fabelwesen

Hürlimann zeigt den Kindern zum Beispiel einen Adler, einen Hummer oder einen Hecht. «Hier in dieser Nische sieht man eine Muttergottes», erklärt er den staunenden Kindern an einem Ort. Manche Kinder fürchten sich ein wenig, denn es ist dunkel und still in den Grotten, man hört nur das Tropfen des Wassers.

«Als Führer muss ich gar nicht so viel erzählen, sagt Hürlimann, «jeder stellt sich etwas anderes vor.» Der Höhlenführer freut sich, wenn er die Besucher begeistern kann. Und wenn ihn die Besucher etwas fragen, was er noch nicht weiss, stellt er Recherchen an.  «Einer wollte das letzte Mal den Härtegrad des Wassers wissen, das muss ich noch abklären.»

Nach dem Abschluss des Rundgangs, der rund 45 Minuten dauert, zieht Seraina (8) ein Fazit. «Extrem cool», sagt sie. Und Nico (13) meint: «Ich fand es megaschön!»

Die Höllgrotten sind vom 29. März bis 31. Oktober täglich von 9 bis 17 Uhr offen. Der Eintritt kostet für Erwachsene 10 Franken und für Kinder von 6 bis 16 Jahren 5 Franken. Für Schulklassen und Gruppen gibt es Ermässigungen. Eine Gruppenführung bis maximal 12 Personen kostet 140 Franken (zusätzlich zum Eintrittspreis). www.hoellgrotten.ch

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