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Gratis-ÖV für bessere Luft und weniger Stau: Warum nicht in Zug?
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Würden nicht deutlich mehr Zuger die Umwelt schonen und weniger Staus verursachen, wenn Bus und Bahn gratis wären? (Bild: lob)

Zuger Verkehrsexperten nehmen Stellung Gratis-ÖV für bessere Luft und weniger Stau: Warum nicht in Zug?

8 min Lesezeit 25.02.2018, 05:02 Uhr

Pendler stauen sich in Zug morgens und abends. In Deutschland wird die Luft in vielen Städten durch die vielen Autos inzwischen immer schlechter. Damit es keine Fahrverbote hagelt, haben Politiker nun den Gratis-ÖV ins Spiel gebracht. Dieser soll in fünf Städten getestet werden. Mit rund 30 Millionen Franken wäre man im Kanton Zug kostenmässig schon dabei.

Zuletzt keimte die Euphorie für den Gratis-ÖV 2012 im Kanton Zug auf, als der Unternehmer Beat Grob diese Idee bei einer Diskussionsrunde im Casino Zug aus der Versenkung holte. Die sagenhafte Zahl von 15 Millionen Franken, die den Kanton Zug die Finanzierung der «Freien Fahrt» mit Bus und Bahn pro Jahr kosten würde, machte damals die Runde. Zahlreiche andere politische Vorstösse und Abstimmungen sprachen sich in der Vergangenheit ebenso für Gratis-ÖV aus – wurden aber abgelehnt (siehe Box).

Mehr als 100’000 Fahrzeuge auf Zugs Strassen

Wäre der Kanton Zug also heute bereit für den Gratis-ÖV? Schliesslich stauen sich die Pendler auf Zugs Strassen morgens und abends immer länger. Und die Autos mit mittlerweile über 100’000 Fahrzeugen haben auch immer knapper Platz. Und es werden nicht weniger.

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Ganz zu schweigen von manchen Strassenabschnitten in Zuger Gemeinden, wo die Luft von Abgasen belastet ist. Wie zum Beispiel die Neugasse in der Stadt Zug.

Bei einer Überprüfung der Luftqualität in der Zentralschweiz konnte vor einigen Jahren nachgewiesen werden, dass der Jahresmittelgrenzwert für Stickstoffdioxid entlang wichtiger Verkehrsachsen und in grossen Ballungsgebieten überschritten wird. Auch geringfügige Überschreitungen des Tagesmittelgrenzwertes von 80 Mikrogramm pro Kubikmeter, wie sie jetzt in Deutschland beklagt werden, traten an solchen Standorten vereinzelt auf.

Die ZVB ist sprachlos

Fakt ist: In Zug ist der Gratis-ÖV in manchen Köpfen noch gar nicht angekommen. Fragt man bei den Zugerland Verkehrsbetrieben (ZVB) nach, ist man verblüfft, dass man sich dort offenbar mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt hat. «Weil wir bei der ZVB diese Diskussion noch gar nicht so geführt haben, als dass wir ein Statement dazu machen könnten», lautet die Antwort von Mediensprecherin Katrin Howald.

Viel Verkehr herrscht abends auf der Zuger Nordzufahrt Richtung Autobahn.

Viel Verkehr herrscht abends auf der Zuger Nordzufahrt Richtung Autobahn.

(Bild: woz)

Andere Zuger und Luzerner Verkehrsexperten haben sich dagegen schon sehr wohl mit dem Thema Gratis-ÖV auseinandergesetzt. Martin Bütikofer, CEO des Verkehrshauses Schweiz in Luzern und Vater der seit Jahren erfolgreichen Zuger Stadtbahn, ist einer von ihnen. Er hält allerdings nicht viel von Gratisfahrten in Bus und Bahn (siehe Video).

«Die Sicherheit und Sauberkeit würden sinken, der Zustand der Fahrzeuge unattraktiv werden.»

Martin Bütikofer, CEO Verkehrshaus Schweiz und Initiator der Zuger Stadtbahn

Für den Hünenberger steht zum einen der Preis von sechs Milliarden Franken, den die Finanzierung eines Gratis-ÖV in der ganzen Schweiz kosten würde, nicht im Verhältnis zum «Umsteigesaldo» von Personen, die man durch eine solche Massnahme gewinnen könnte. Entsprechende Erkenntnisse habe man schon in Zug in den 1990er-Jahren gesammelt bei dem Landis&Gyr-Testversuch. Damals gab es den Zuger Pass umsonst.

«Man hat zwar gemerkt», so Bütikofer, «dass sich plötzlich mehr Leute überlegten, künftig nur noch den öffentlichen Nahverkehr benützen zu wollen. Aber um damit das Verkehrsverhalten gänzlich zugunsten des ÖV ändern zu können, ist eine solche Massnahme nicht geeignet genug.»

Obdachlose in Gratiszügen?

Zum anderen würde nach Bütikofers Ansicht auch die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs durch die Einführung von Gratisbilletts leiden.

«Es fände eine Abwertung statt.» Er hätte die Befürchtung, dass gerade in den Wintermonaten einige den «öffentlichen Raum ÖV» ausnutzen und sich in der Wärme von Bus und Bahn einfach durch die Gegend gondeln lassen würden. «Die Sicherheit und Sauberkeit würden sinken, der Zustand der Fahrzeuge unattraktiv werden. Man muss ja grundsätzlich auch in die Zürcher Oper mit Bus und Bahn fahren können.»

Martin Bütikofer, CEO des Verkehrshauses in Luzern und Vater der Zuger Stadtbahn, befürchtet eine Abwertung des Nahverkehrs durch Gratis-ÖV.

Martin Bütikofer, CEO des Verkehrshauses in Luzern und Vater der Zuger Stadtbahn, befürchtet eine Abwertung des Nahverkehrs durch Gratis-ÖV.

(Bild: woz)

Wenn Bus und Bahn gratis wären, würde sich laut Bütikofer auch das politische Standing des Nahverkehrs verringern. Sprich: «Wenn die öffentliche Hand im Service public keinen Ertrag mehr erzielt, wird dieser politisch extrem angreifbar.»

Gar nicht zu reden von praktischen Aspekten. «Der öffentliche Nahverkehr in der Schweiz ist ja jetzt schon am Limit – wie wollte man da noch weitere Kapazitäten in den Spitzenzeiten schaffen, die durch den Gratis-ÖV zusätzlich entstünden», so Bütikofer. Für ihn muss der Nahverkehr ein Premiumprodukt bleiben, das einer Region wie dem Kanton Zug durch die Stadtbahn einen Standortvorteil bietet.

Steuerlichen Druck auf die Autofahrer erhöhen

Aber was ist mit den zunehmenden Staus in Zug und der leidenden Luftqualität, wenn der Individualverkehr weiter so wächst und der ÖV weiter so teuer bleibt?

Bütikofer würde zur Lösung dieser Probleme den steuerlichen Druck auf die Autofahrer erhöhen – auch durch Road-Pricing. Was die teuren Bus- und Bahntickets angeht – «Wir sind in der Schweiz wirklich teuer» –, würde er versuchen, die Struktur zu verschlanken. Nach dem Motto: mehr digitale Lösungen statt teure Ticketautomaten. Mehr Kooperation und Zusammenarbeit unter den regionalen Anbietern.

«Es gibt eben viele Gründe, ein eigenes Auto zu haben. Und im Kanton Zug ist dieser Wagenpark bedeutend.»

Matthias Michel, Zuger Volkswirtschaftsdirektor

Auch Zugs Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel ist kein Anhänger von Gratis-ÖV. «Ich habe damals 2012 gesagt, der Kanton könnte sich einen Gratis-ÖV leisten, das sei aber nicht die Frage. In der grundsätzlichen Frage war ich klar gegen Gratis-ÖV.»

Grund: Angesichts der ohnehin steigenden Mobilitätsnachfrage sollte diese nicht durch finanzielle Anreize weiter angeheizt werden, so Michel. Inzwischen sei auch die Überzeugung mehr und mehr verbreitet, dass die Mobilitätsnutzer ihre Kosten selber bezahlen sollen. «Im Kanton Zug zahlt der Steuerzahler immer noch die Hälfte der Kosten.»

Für Zugs Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel würden sich durch Gratis-ÖV die Verhältnisse auf Zugs Strassen nicht ändern.

Für Zugs Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel würden sich durch Gratis-ÖV die Verhältnisse auf Zugs Strassen nicht ändern.

(Bild: mbe.)

Gleichzeitig räumt der Zuger FDP-Regierungsrat aber ein, dass mit Gratis-ÖV die Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr sicher steige.

«Auf der Strasse wird sich dadurch aber wenig ändern.» Dies zeigten auch die Erfahrungen aus Tallinn (siehe Box) und anderen Städten. «Es gibt eben viele Gründe, ein eigenes Auto zu haben. Und im Kanton Zug ist dieser Wagenpark bedeutend – das hängt auch mit der hohen Kaufkraft im Kanton Zug zusammen.» Michel erwartet eher, dass vor allem bisherige ÖV-Kunden vermehrt Bus und Bahn fahren – wenn deren Benützung nichts kostet.

Nur rund 30 Millionen Franken für den Gratis-ÖV im Kanton Zug?

Apropos: Was würde denn nun eigentlich der Gratis-ÖV im Kanton Zug kosten? «Die finanziellen Folgen sind sehr schwer abzuschätzen und hängen stark vom gewählten Modell ab und davon, wie viele Menschen schlussendlich gratis fahren», sagt Hans-Kaspar Weber, Leiter des Amts für öffentlichen Verkehr im Kanton Zug.

«Mittlerweile wären alleine für die damals berechneten 100’000 Zugerpässe rund 10 Millionen Franken mehr zu entrichten.»

Hans-Kaspar Weber, Leiter Zuger Amt für öffentlichen Verkehr

Im Jahr 2009 seien für die Beantwortung einer Interpellation zum Gratis-ÖV die Mehrkosten des Kantons mit 21,4 Millionen Franken veranschlagt worden. «Mittlerweile wären alleine für die damals berechneten 100’000 Zugerpässe rund 10 Millionen Franken mehr zu entrichten», so Weber.

Rund 30 Millionen Franken erscheinen insgesamt gesehen aber nicht mal so viel. Eigentlich fast ein Schnäppchen – wenn man bedenkt, dass der an der Urne gescheiterte Zuger Stadttunnel fast eine satte Milliarde gekostet hätte. Ohne dabei viel Verkehrsentlastung zu bringen.

Andreas Lustenberger von den Zuger Alternativen – die Grünen ist überzeugt: «Gratis-ÖV würde die Verkehrsspitzen in Zug entschärfen.»

Andreas Lustenberger von den Zuger Alternativen – die Grünen ist überzeugt: «Gratis-ÖV würde die Verkehrsspitzen in Zug entschärfen.»

(Bild: zvg)

Für Volkswirtschaftsdirektor Matthias Michel ist unterm Strich klar: Falls die Mehrheit im Kantonsrat möchte, dass die Reisenden nichts mehr an den ÖV bezahlen, müsste dieser auch bereit sein, die Mehrkosten des Angebots zu tragen.

«Es wäre ein Schildbürgerstreich, wenn das Angebot im Nahverkehr zusammengestrichen würde, um den Gratis-ÖV zu finanzieren. Es wäre mir lieber, das Angebot ausbauen zu können und dass die notwendige Infrastruktur dafür bereitsteht.»

«Der Gratis-ÖV würde die Verkehrsspitzen in Zug sicher entschärfen.»

Andreas Lustenberger, Kantonsrat ALG

Für Andreas Lustenberger, den Verkehrsexperten der Alternative – die Grünen Zug (ALG), wäre dagegen ein «sehr ausgebauter und kostengünstiger öffentlicher Nahverkehr das Ziel». Ob er ganz gratis sein müsse, wisse er nicht. Da hätte er doch Bedenken, ob so etwas realpolitisch durchsetzbar sei. 

«Aber grundsätzlich macht so etwas natürlich schon Sinn», meint er. Er ist auch davon überzeugt, dass sich im Fall von Gratis-ÖV die gesamte Verkehrssituation im Kanton Zug entspannen würde – wenn man allein von den Platzverhältnissen ausgeht, die Busse im Vergleich zu den vielen Autos einnehmen. «Der Gratis-ÖV würde die Verkehrsspitzen in Zug sicher entschärfen.» Allerdings müsste man langfristig auch etwas für die Förderung des Langsamverkehrs unternehmen. 

In Tallinn kann man seit 2013 gratis Bus und Bahn fahren

In der estnischen Hauptstadt Tallinn gibt es Gratis-ÖV schon seit 2013. 20 Millionen Euro kostet der Gratis-Nahverkehr in der 400’000-Einwohner-Stadt. Durch Umstrukturierungen bei den öffentlichen Nahverkehrsbetrieben und durch das städtische Budget soll die «Freie Fahrt» für alle finanziert werden.

Mehrheit der Schweizer im Prinzip für Gratis-ÖV

Auch in der Schweiz stand der Gratis-ÖV schon häufiger auf der Tagesordnung. Bei einer repräsentativen Umfrage 2009 sprachen sich 51 Prozent der Deutschweizer und 57 Prozent der Romands für den Gratisverkehr aus.

Bei Abstimmungen 2008 in Genf sowie 2010 bei der Landsgemeinde in Glarus scheiterten solche Vorlagen aber jeweils haushoch. Auch im Kanton Freiburg gingen 2011 ähnliche Pläne bachab. Zu teuer sei die Finanzierung mit sechs Millionen Franken, argumentierten die Gegner. Jüngst forderte die SP im Kanton Aargau, Zug und Bus gratis anzubieten, und plädierten dafür, Tests in Bern und Zürich zu lancieren.

In Zug: «Nulltarif gegen Umweltbelastung und Waldsterben» abgelehnt

In Zug reichte schon am 24. Juli 1985 die damalige Sozialistische Arbeiterpartei die Volksinitiative «Nulltarif gegen Umweltbelastung und Waldsterben» ein. Fast gleichzeitig reichte die SP eine Initiative bezüglich Verbilligung der ÖV-Tarife um mindestens 50 Prozent ein. «Und der Kantonsrat hat darauf einen Gegenvorschlag erarbeitet, der zur eigentlichen Geburtsstunde des Tarifverbunds wurde. Der Nulltarif wurde in der Abstimmung mit 86 Prozent abgelehnt, die Verbilligung mit 60 Prozent. Der Gegenvorschlag des Kantonsrats wurde hingegen mit 51 Prozent angenommen», so Weber.

Im Jahr 2009 wurde die Motion der SP zum Gratis-ÖV eingereicht, die vom Kantonsrat aber nicht in den Regierungsrat überwiesen wurde.

2014 behandelte der Zuger Kantonsrat zudem eine Interpellation, welche ebenfalls mittels Gratis-ÖV eine «wesentliche Verringerung des motorisierten Individualverkehrs» ins Ägerital wünschte.

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