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«Gratis mitzunehmen»: So entsorgen Luzerner ihren alten Hausrat
  • Regionales Leben
Schlug als Erster zu und ergatterte sich vier der 40 Jahre alten Stühle: Adolf Stadelmann aus Hochdorf. (Bild: bic)

Auch alte Möbel finden blitzschnell neue Besitzer «Gratis mitzunehmen»: So entsorgen Luzerner ihren alten Hausrat

5 min Lesezeit 1 Kommentar 28.08.2018, 11:21 Uhr

25 alte, verstaubte Plastikstühle stapeln sich an einem Donnerstagmorgen am Hirschengraben. «Gratis» steht auf einem Schild. 24 Stunden später ist keiner mehr da. Doch dies ist längst kein Einzelfall, immer häufiger wird Luzerner Hausrat entsorgt, indem man ihn einfach vor den Hauseingang stellt. Ein Problem?

Man sieht sie in den Luzerner Quartieren immer öfter: alte Möbel, die auf den engen Trottoirs stehen. «Zum Mitnehmen» steht meistens auf einem Zettel. Es könnten genauso gut auch Schallplatten, Kleider oder Elektrogeräte sein.

An einem Morgen in diesem Sommer sind es plötzlich gut 25 alte, verstaubte Plastikstühle mit dicken, runden Holzbeinen, die sich am Hirschengraben hinter einer Abschrankung stapeln. Hingestellt wurden sie vom Naturmuseum, wie Muriel Utinger, technische Leiterin vor Ort, sagt.

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«Die Stühle sind ziemlich in die Jahre gekommen. Deshalb haben wir uns letztlich dazu entschieden, sie aus dem Inventar zu nehmen.» Vielleicht habe aber noch jemand Freude daran und könne sie gebrauchen. Sollten sie mitgenommen werden, könnte man zudem noch die Entsorgungskosten sparen, sagt Utinger schmunzelnd. Das Kilogramm Sperrgut kostet in Luzern 30 Rappen.

Ab in die Garage damit

Rund vier Stunden stehen die Stühle in der prallen Sonne, bis sich eine erste Person ihrer annimmt. Adolf Stadelmann aus Hochdorf hält spontan an und lädt vier der Stühle in seinen kleinen PW. Mehr scheinen nicht reinzupassen. «Ich bin nicht viel in der Stadt und kam eher zufällig hier vorbei», erzählt er.

Die Stühle kommen für ihn wie gerufen. Stellt er sie nun etwa in die Wohnung? Stadelmann verneint: «Ich habe eine kleine Werkstatt, in der ich mit Freunden regelmässig am Herumwerklen bin. Die alten Stühle musste ich kürzlich entsorgen. Nun habe ich aber zum Glück wieder ein paar Exemplare, die ich bei der Kaffeemaschine hinstellen kann», sagt er erfreut.

Nach Stadelmann kommen regelmässig Leute vorbei, die eines oder mehrere Exemplare mitnehmen. Auch, als die Stühle an der Wand etwas abseits gestapelt werden.

Ein etwas gebrechlicher Mann mittleren Alters nimmt vier Exemplare mit, auch wenn sie für ihn etwas schwer scheinen, und verschwindet irgendwo im Bereich des Kasernenplatzes. Am nächsten Morgen sind sämtliche Stühle weg. Gegenstände, die es umsonst gibt, sind begehrt. Auch wenn sie noch so alt sein mögen.

«Möbeltausch» kommt häufig vor

Das Phänomen beobachten auch Bewohner des angrenzenden Bruchquartiers: «Ich wohne seit einiger Zeit hier und es gibt in der Nähe meiner Wohnung ständig alte Möbel, die vor den Häusern abgestellt werden. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell es jeweils geht, bis sie dann weg sind», sagt der 29-jährige Gregor Bühlmann. Er erinnert sich an mehrere Sofas, die gleichzeitig vor einem Haus standen und innert kürzester Zeit von irgendwelchen Leuten abgeholt wurden.

Bei der Stadt zeigt man sich auf dem gesamten Gemeindegebiet denn auch mehr oder weniger zufrieden, was abgestellte Möbel betrifft. «Die Fälle, in denen auf öffentlichem Grund abgestellte Gegenstände zum Problem werden, halten sich in Grenzen», sagt Manimaran Visvalingam von der Dienstabteilung Abfallbewirtschaftung und Logistik.

«Wir finden es gut, dass Gegenstände weitergegeben und nicht unnötig entsorgt werden. Auch wenn es nicht in unserem Sinn ist, dass die Gegenstände einfach so auf die Strasse gestellt werden», so Visvalingam.

Problemzonen Altstadt und Ausgehmeilen

Man versuche, die Bevölkerung entsprechend zu sensibilisieren, und appelliere an die Disziplin der Stadtbewohner. Auch wenn dies bei 80’000 Einwohnern entsprechend schwierig sei. «Gemäss den geltenden Vorschriften dürfen keine Gegenstände auf den öffentlichen Grund gestellt werden. Dafür gibt es Brockenhäuser oder Institutionen wie die Caritas», sagt Visvalingam.

Weiter führe zum Beispiel der Quartierverein Littau Dorf jeden Juni einen Bring- und Abholmarkt für genau solche Dinge durch. Hotspots, bei denen besonders viel einfach vor die Fassade gestellt wird, kann Visvalingam auf Stadtgebiet nicht ausmachen.

Die einzelnen Quartiere würden sich nicht gross unterscheiden, was problematische Situationen betreffe, sagt er. Das müsse aber nicht heissen, dass es keine Differenzen gebe. «Wenn die Möbel mitgenommen werden, bevor sich jemand beschwert, oder sie auf einem privaten Grundstück stehen, bekommen wir das natürlich nicht mit», so der Entsorgungsprofi.

Auch wenn es mengenmässig also keine feststellbare Diskrepanz gibt, spiele es für die Behörde aber dennoch eine Rolle, wo die Gegenstände abgestellt werden. «In den engen Gassen der Altstadt müssen wir schneller eingreifen als anderswo», so Visvalingam.

Anhalten, einladen, losfahren: So ging das den ganzen Tag.

Anhalten, einladen, losfahren: So ging das den ganzen Tag.

(Bild: hch)

Problematisch könnten «entsorgte» Dinge vor allem auch in den Ausgehmeilen sein. «Hier besteht immer die Gefahr, dass Möbel und Gegenstände angezündet, zerstört und auf der Strasse verteilt werden, was das Ganze noch schlimmer machen würde.»

Wie viel die Mitarbeiter der Stadt jährlich wegräumen müssen, kann Visvalingam nicht beziffern. «Wir machen eine Mischrechnung und schlüsseln die einzelnen Posten nicht separat auf.» Das Gleiche gelte für die entstehenden Kosten.

Dass sich genervte Anwohner melden, komme pro Monat einige Male vor, sagt Visvalingam. «Wir versuchen dann, den Sünder ausfindig zu machen und ihn zu ermahnen.» Ab und zu müsse man auch Aufwendungen in Rechnung stellen, denn das Abstellen von Möbeln auf öffentlichem Grund ist nicht zulässig.

Zügelsaison als Blütezeit

Laut Visvalingam gebe es Zeiten, in denen die städtischen Entsorgungsmannschaften vermehrt ausrücken müssten, um Gegenstände abzutransportieren. «Insbesondere während der beliebten Zügeltermine häufen sich die illegal abgestellten Gegenstände.» 

Er vermute, dass es vielen Leuten jeweils nicht darum gehe, dass jemand Anderes die Möbel noch benutzen könne. Vielmehr wolle man sich wohl einfach den Aufwand ersparen, sie sachgerecht zu entsorgen oder sie ausreichend mit Sperrgutmarken zu versehen, so Visvalingam.

Nicht bestellt, aber abgeholt: Die alten Stühle erhielten alle noch eine Chance.

Nicht bestellt, aber abgeholt: Die alten Stühle erhielten alle noch eine Chance.

(Bild: bic)

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1 Kommentare
  1. WH-Räumungen, 08.08.2019, 10:03 Uhr

    Ich finde das ist nicht gerade die feine Art, seinen Hausrat zu entsorgen und es stört das schöne Stadtbild! Die Entsorgung von Sperrgütern ist nicht schwer oder man kann sie auch reinigen und spenden, sei es in CH oder im Ausland.