Grandios: Letzter Auftritt von Simon Rattle und Berliner Philharmoniker in Luzern
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Der letzte gemeinsame Auftritt in Luzern von Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Sinfonien von opernhaften Ausmassen Grandios: Letzter Auftritt von Simon Rattle und Berliner Philharmoniker in Luzern

4 min Lesezeit 01.09.2017, 11:26 Uhr

Am Donnerstag standen am Lucerne Festival zwei grosse Sinfonien des sowjetischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch auf dem Programm. Es war eine berauschende Leistung – und die letzte Möglichkeit, Rattle und die Philharmoniker gemeinsam in Luzern zu erleben.

Luzern steht wieder einmal in einer Reihe mit Berlin, Salzburg und Paris – dies sind die weiteren Stationen der Berliner Philharmoniker diesen Sommer. Deren Konzertabend am Donnerstag im KKL war in vielerlei Hinsicht besonders programmiert.

Statt der üblichen Dreifaltigkeit aus moderner Ouvertüre, Konzert und Sinfonie gaben die Berliner Philharmoniker zwei grosse Sinfonien des sowjetischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch zu Gehör. Darunter nicht die üblichen Verdächtigen, wie etwa die fünfte oder die siebente Sinfonie, sondern die erste (1925, op. 10) und die letzte, also die 15. (1971, op. 141).

Viel Witz und musikalische Ideen

Schostakowitschs erste Sinfonie entstand in dessen 20. Lebensjahr als studentische Abschlussarbeit für das Leningrader Konservatorium und erreichte schnell weltweite Popularität. Schon 1946 war das Werk an den Internationalen Musikfestwochen Luzern zu hören.

Die ersten beiden Sätze sprühten vor musikalischen Ideen, die collageartig durch das Orchester geführt wurden. Schostakowitsch-typisch war schon der Beginn der Sinfonie fragmentiert nur ironisch zu verstehen. In der Sinfonie liegt so viel Witz und Überfluss, wie sie nur in Jugendwerken grosser Komponisten zu finden sind. Der Fehlschluss am Ende des zweiten Satzes, der stockend vom Klavier «berichtigt» wurde, entlockte den Hörern zuverlässig ein Lachen.

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle am Donnerstagabend am Lucerne Festival.

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle am Donnerstagabend am Lucerne Festival.

(Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival)

Unerhört präzise

Den Berliner Philharmonikern kam hier nebst ihrer unerhört präzisen Ausführung zugute, dass Sir Simon Rattle sie zu grösstmöglicher Klangtransparenz anhält. So liessen sich wunderbar die Melodien zwischen den Holzbläsern nachverfolgen, obwohl Streicher und Blechbläser gegenläufige Figuren spielten. Das erste Pult der Violinen trat mehrfach solistisch in Erscheinung, ihre Aufgaben meisterten Daniel Stabrawa und Daishin Kashimoto sehr schön – und hier schien ein wenig durch, dass in diesem Spitzenorchester jeder Musiker die herausragende Qualität eines Solisten besitzt.

Im langsamen Satz, der mit einem langen Oboen-Solo eröffnete, begann jedoch eine Transformation der Musik. Das Solo-Cello griff die ausdrucksvolle Melodie auf und die vielen musikalischen Zitate aus den Opern Richard Wagners, die zuvor nur parodistisch behandelt wurden, «betörten» nun doch. Aus dem frechen Anfang entwickelte sich eine Sinfonie opernhaften Ausmasses. Die Leistung des Orchesters war berauschend, alle Musiker waren auch im wildesten tutti absolut präzise.

Ironie als Spiel

Zwischen der ersten und der 15. Sinfonie liegen 45 Lebensjahre Schostakowitschs, 26 Jahre Gewaltregime Stalins und der Zweite Weltkrieg. 1929 wurde der Widmungsträger der ersten Sinfonie Schostakowitschs wegen «antirevolutionärer Umtriebe» exekutiert.

Für den Komponisten waren vor allem die Regierungsjahre Stalins eine Zeit panischer Angst. 1936 erschien im Parteiorgan der KPdSU ein vernichtender Artikel über eine Opernmusik von Schostakowitsch, was zur Ächtung führte. Formale Verbote oder Anklagen waren der Diktatur nicht nötig, um zu einem faktischen Verbot seiner Werke zu führen und den Komponisten für Jahre in depressive Angstzustände zu stürzen.

In dieser Zeit entwickelte Schostakowitsch einen Stil, den Julien Barnes in seinem Roman über den Komponisten «Ironie als Verkleidung der Wahrheit» nannte. Ironie als Spiel und Spass wie in der Ersten Sinfonie konnte sich Dmitri Schostakowitsch nicht mehr leisten.

Alles endet mit Wagner

Eine Gemeinsamkeit der ersten und der letzten Sinfonie Schostakowitschs sind Wagner-Zitate. Die 15. Sinfonie ist überhaupt voller bekannter Motive. Am deutlichsten trat das Zitat der Blechbläserfanfare von Rossinis Wilhelm Tell hervor, das im ersten Satz prominent auftrat, was die Luzerner Gäste mit überraschtem Lachen quittieren.

Die Sinfonie war vielfach spärlich instrumentiert und ein Flickenteppich von Motiven. Die Ideen gingen auch dem alten und kranken Komponisten nicht aus, nur ersetzte eine ernste Doppelbödigkeit jetzt die fröhlich-groteske Gewitztheit des Studenten Schostakowitsch. Der gespenstische Schluss stellte die Qualitäten der Schlagzeuger unter Beweis. Die Streicher blieben wie erschlafft auf dem Grundton liegen, während über ihnen auf dem Glockenspiel und dem Xylophon die Dur-Harmonien leise anschlugen. Viel «Lärm» quer durch die Tonarten endete schliesslich in letzter fragiler Harmonie.

Rattles 16-jährige Amtszeit endet

Der grosse Jubel im KKL galt der Leistung dieses Abends ebenso wie der Leistung Rattles bei den Berliner Philharmonikern. Vor 20 Jahren kam er mit dem City of Birmingham Orchestra zum ersten Mal ans Festival in Luzern.

Seine 16-jährige Amtszeit in Berlin endet nun im kommenden Jahr. Dem Publikum ersparte er eine Zugabe, denn den Sinfonien war an diesem Abend nichts hinzuzufügen. Das Publikum wird es verschmerzen, denn man kann davon ausgehen, dass Dirigent und Ensemble bald wieder zur Festivalstadt Luzern zurückkehren.

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