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«Gott ist der Hintern einer Frau»
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Der Waldarbeiter sehnt sich nach einem Bier. Auch das ist Sehnsucht. (Bild: Ingo Hoehn)

Premiere im Luzerner Kleintheater «Gott ist der Hintern einer Frau»

5 min Lesezeit 31.08.2016, 15:55 Uhr

Das Theater Zell:stoff feiert Premiere. Und das neue Stück «Der Weg der Lachse» von Dominik Busch überzeugt mit Witz und Tiefe. Doch obwohl es berührt, lässt es den Zuschauer etwas ratlos zurück.

Sehnsucht. Es geht einmal mehr um Sehnsucht. Sehnsucht, die Menschen antreibt, etwas zu tun. Oder vielleicht tun sie es nicht und bleiben mit ihrer Sehnsucht genau da, wo sie sind.

Volles Haus an diesem Mittwochabend im Luzerner Kleintheater. Das einheimische Theater Zell:stoff feiert die Premiere seiner neusten Produktion. «Der Weg der Lachse – Ein Abend mit Menschen die nicht da sind» von Dominik Busch, derzeit einer von drei Hausautoren am Luzerner Theater. «Eine theatrale Spurensuche zu Aufbruch und Rückkehr, zu Sehnsucht und Heimweh», nennt dieser das Stück.

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Die gemeinsame Produktion von Sophie Stierle, Patric Gehrig und Dominik Busch enstand im Rahmen des Innerschweizer Kulturprojekts «Sehnsucht» der Albert Koechlin Stiftung. Eben, die Sehnsucht.

Und damit beginnt das Stück auch. Mit einem Gespräch zweier Lachse. Einem alten und einem jungen. Der alte ist heimgekehrt, um zu sterben, zurück aus dem Meer. Der junge sehnt sich nach dem Meer, welches er in den Augen des alten sehen kann.

Fabel-haft

Gespielt wird die Szene mit Fischköpfen aus Papier – eine grossartige Idee von Kostüm- und Bühnenbildnerin Saskya Germann. Es ist eine fabelhafte Fabel-hafte Umsetzung der ersten Szene. Durch sprechende Tiere lassen sich die Menschen einfach mehr sagen.

Die grossartigen Lichtstimmungen und Videoprojektionen von Kevin Graber kündigen sich bereits in der ersten Szene an. Von Unterwasser über Refklektionen, sphärischem Flackern, hin zum Wald und einer Bilderflut aus der Geschäftswelt – es funktioniert perfekt projiziert auf die fast leere Bühne – zwei Stühle, eine durchsichtige Gase als Leinwand und ein felsartiges Gebilde im Vordergrund. Das ist alles. Es dient den Spielern und dem Licht zu.

Dominik Buschs «Der Weg der Lachse» handelt von der Heimkehr. (Bild: Ingo Hoehn)

Dominik Buschs «Der Weg der Lachse» handelt von der Heimkehr. (Bild: Ingo Hoehn)

Das Stück besteht aus verschiedenen kurzen Geschichten:

Das Paar, welches zum ungeborenen Kind spricht. Liebevoll erst, flüsternd. Es ist totenstill im Theater. Man hört jedes Wort. Fast jeder Satz beginnt mit einem «Ich werde» oder «Du wirst». Eine Zukunft wird gezeichnet, die schön scheint – bis sie in fanatischen Rache- und Machtgedanken mündet.

Dann ein Videoeinspieler: Zwei Männner rennen fluchend und aufgebracht durch die dunklen Luzerner Strassen – rein ins Kleintheater – und tauchen im Zuschauerraum auf. Die Filmeinspieler würden live wirken, hätte das Wetter mitgespielt.

Textflut, Bildflut

Ein anderes Paar, welches jeden Tag dasselbe Gespräch führt, oder vielleicht doch nicht ganz. Ein wunderschöner Dialog – witzig und traurig zugleich.

Der Monolog von Adrian Furrer ist wortgewaltig. Vom Klackern der Rollkoffer, vom Spruch «Gott ist der Hintern einer Frau» bis hin zum HIV-Test. Unterstrichen wird er von einem Video, dessen Bilder das Ausgesprochene in wildem Zusammenschnitt zeigen. Manchmal ist Furrer den Videoaufnahmen voraus, dann wieder hetzt er hinterher. Man konzentriert sich auf die Wort-Bild-Beziehung und die Szene wird fast hypnotisch. Als er am Schluss vor der leeren Leinwand steht, ist man beinahe so nervös wie der Mann im Wartezimmer.

Wer uns den ganzen Abend über nicht verlässt, das ist der Mann im Wald, Patric Gehrig. Mit einem eingeklemmten Bein unter einem Baumstamm verzehrt sich der Waldarbeiter nach einem Bier, nach Tabak, nach der Rosie im Bären und ihrem Gang zurück hinter den Tresen. Und das immer wieder. Das Publikum schwankt zwischen Ekel und Amüsement, wenn er bis ins Detail plant, wie er sein Bein mit dem Sackmesser selbst amputieren will. Mit welchem Messer er Fleisch, Muskeln, mit welchem er Sehnen durchtrennen will. Als er sich überlegt, ob die kleine Säge es durch den Knochen schafft, gibt sogar das schweizerisch zurückhaltende Publikum entsetzte Geräusche von sich.

Heimkehr per Video

Hinter dem feststeckenden Waldarbeiter und der Projektion von Bäumen und Fischschatten auf die Gase geht es nur halb sichtbar um Biologie. Ein Fernsehstudio, Radiostudio, Vortrag – man weiss es nicht. Zwei Menschen sprechen, sich ergänzend, über das Reise- und Paarungsverhalten von Lachsen.

Schliesslich der Monolog von Marie Gesien. Eine Frau erfährt nach dem Tod ihrer Eltern ein Geheimnis. Per USB-Stick. Sie verlässt die Bühne und fährt mit dem Taxi zum «Flughafen» – alias Luzerner Bahnhof. Wir begleiten sie per Videoprojektion. Und dann fällt das letzte Wort: «Heimkehr». Der Titel des Gedichts von Joseph von Eichendorff, welches der Taxifahrer rezitiert.

Patric Gehrig, Adrian Furrer (mitte) und Marie Gesien. (Bild: Ingo Hoehn)

Patric Gehrig, Adrian Furrer (mitte) und Marie Gesien. (Bild: Ingo Hoehn)

Patric Gehrig, Adrian Furrer und Marie Gesien glänzen in jeder der vielen verschiedenen Rollen. Das Stück bekommt durch die vielen Wechsel keine Längen. Sobald man abdriften könnte, holt die Inszenierung von Sophie Stierle einen sofort wieder. Musikalisch manchmal etwas konzeptlos, pendeln die Einspieler bei Szenenwechsel zwischen dramatisch und «lüpfig».

Ratlos und begeistert

Als ich das Kleintheater nach 80 Minuten wieder verlasse, bin ich begeistert. Vom Text, vom Spiel und ganz besonders von den Bildern. Ich habe mich amüsiert, wurde berührt und zum Nachdenken angeregt.

Die Quintessenz, den roten Faden jedoch, den hab ich nicht gefunden. Es wären ganz kleine Überschneidungen, Wiederholungen, die es ausgemacht hätten, die verschiedenen Geschichten lose zu verbinden. So bin ich am Schluss etwas ratlos. Gibt es denn keine Moral von der Geschicht? Ratlos und doch begeistert.

Wir haben bereits über das Theater Zell:stoff berichtet. Den Artikel aus der Himmelrich-Zwischennutzung lesen Sie hier.

Und auch mit Dominik Busch haben wir uns unterhalten. Das Interview finden Sie hier.

  • Am Freitag 6. Mai und am Samstag 7. Mai kann man sich «Der Weg der Lachse» noch im Kleintheater, im Rahmen der «Heimspiele», anschauen.

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