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Göttliche Roboter kapern unsere Geschichte
  • Kultur
  • Rezension
(Bild: Maël Stocker)

Verrückte Zukunft am Fumetto Göttliche Roboter kapern unsere Geschichte

4 min Lesezeit 23.04.2016, 17:52 Uhr

Ach, als Roboter einfach noch das taten, was sie tun sollten. Früher war auch in Bezug auf unsere blechigen Gefährten alles besser. Tom Gauld führt uns in eine Parallelgeschichte, in der die Roboter die Zügel schon lange übernommen haben.

Zum internationalen Staraufgebot der Künstler am Fumetto gehört dieses Jahr auch der Schotte Tom Gauld. Mit der Ausstellung im Historischen Museum zeigt Gauld erstmals die fiktive und vermenschlichte Entwicklungsgeschichte der Roboter: Minimale Striche, britischer Humor und ein treffendes Arrangement vor teilweise jahrhundertealten Objekten lassen eine vielschichtige Ausstellung entstehen.

Der studierte Illustrator schafft kleine Menschen, Roboter, Monster und Astronauten. Gezeichnet mit Tusche auf Karton oder Papier, gefaltet oder geschnitten. Vereinfachte Formen, reduziert koloriert, knappe Dialoge. Der Humor liebevoll und absurd. Unter anderem zeichnet Tom Gauld für das «New Scientist Magazine», «The New York Times» und «The Guardian». Und jetzt lässt er seine Figuren im Historischen Museum erzählen.

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Die fiktive Evolution der Roboter

«The Unknown History of Robots», so heisst die Ausstellung. Tom Gauld lässt sich dabei, wenn auch etwas verhalten, erfolgreich auf eine neue Art des Erzählens ein. Hier gilt es diese Figuren erst einmal zu entdecken. Der Ausstellungsbesuch ähnelt einer Schnitzeljagd, kleine Schilder weisen den Weg. Tom Gauld hat seine kleinen Beiträge in die Dauerausstellung des Museums eingebettet und hier inmitten von Tausenden historischen Objekten platziert.

Als Erstes begrüsst den Besucher der göttliche Roboter in einer Reihe von Kruzifixen, der Symbolik für Opfertod und für die Verbindung von Menschen und Erde, Gott und den Mitmenschen. Auch mitten in den Andachtsbildern finden sich Erklärungen zur fiktiven Evolution der Roboter – wobei hier die Maschinen realer erscheinen als die historischen Abbilder der Heiligen.

Weiter musste im Depot des Historischen Museums der Zunftvater Fritschi mitsamt Maskerade aus seiner Schublade weichen, an seiner Stelle wird nun die fiktive Geschichte der Roboter vermittelt. Und während ein Nanoboter über die Unmittelbarkeit seines Endes aufgrund eines einfachen Niesens sinniert, stellt ein anderer direkt unter dem Buchdrucker-Ehepaar Räber-Leu fest, dass früher alles einfacher war: «Back in the days when robots just did as they were told.»

Früher war alles besser, als die Roboter noch taten, was sie so tun sollten.

Früher war alles besser, als die Roboter noch taten, was sie so tun sollten.

(Bild: Maël Stocker)

Wohin führt uns die technologische Entwicklung?

Durch den ungewohnten Kontext gelingt es Gauld auf subtile Weise, nicht nur grosse Fragen der Gegenwart zu berühren, sondern das Erzählen von Geschichte und Geschichten an sich zu thematisieren. An was glauben wir? Was ist unsere Geschichte und wer erzählt sie? Wohin führt uns die technologische Entwicklung?

Die Art und Weise des Erzählens bricht mit der klassischen Comic-Form, Gauld nutzt den Raum für seine Comic-Installation gekonnt. Allerdings hält der Betrachter mit dem am Eingang abgegebenen Scanner auch selber einen Roboter in der Hand, dessen Potenzial Gauld unbeachtet lässt. So übt der Scanner ausschliesslich seinen ursprünglichen Job aus und zeigt dem Besucher der Dauerausstellung fleissig Informationen zu den historischen Objekten an. Was aber wiederum seinen Reiz hat – der Besucher erinnert sich unweigerlich an den Roboter der Zukunft und dessen Gedanken an seine Vorfahren, «when robots just did as they were told».

(Bild: Maël Stocker)

Neben den gelungenen Platzierungen und den pointierten Comics tragen interaktive Elemente zur Vielschichtigkeit dieser Ausstellung bei: Eine Roboterzeichnung muss erst wie ein Buch geöffnet werden, bevor sie ihr Innenleben preisgibt, Schubladen müssen hervorgezogen und ein Roboter kann gar selber umgebaut werden. Tom Gauld fordert die Betrachter zur Interaktion auf, die Besucher sind angehalten, zu suchen, zu handeln und zu denken. Gaulds Beiträge bleiben dabei jedoch einfach und halten sich stets im Hintergrund.

Ausstellung: Volltreffer

Einerseits hat das Subtile in Gaulds Installation unbestritten seine Qualität und der Charakter der Schnitzeljagd mag Programm sein – die Umschreibung der Geschichte durch die Roboter erscheint so als ein schleichender, kaum wahrnehmbarer Prozess. Anderseits hätte der Bezug zur Geschichtsschreibung oder der gegenwärtigen Digitalisierung expliziter sein dürfen, die Gegenüberstellungen provokativer. Die Installationen und eingeschobenen Zeichnungen wirken teilweise sehr zaghaft.

Dennoch blitzen durch Gaulds Zeichnungen und Installationen unter den säuberlich angeordneten Reliquien des Historischen Museums Themen und Fragestellungen der Gegenwart hervor. Die Ausstellung lohnt sich – einmal mehr hat das Fumetto mit dem Künstler und der speziellen Location einen Volltreffer gelandet.

(Bild: Maël Stocker)

Gauld twittert, dass er am 23. und 24. April persönlich am Fumetto sein wird. Das ist Gelegenheit, um eine persönliche Buchsignatur zu erhaschen und vielleicht die eine oder andere Frage ganz retro und analog beantwortet zu bekommen.

 

 

Der 1976 in Aberdeen geborene Künstler lebt mit seiner Partnerin und seinen beiden Töchtern in London. Die aktuellsten Cartoons von Tom Gauld sind auf seinem Blog «You’re all just jealous of my Jetpack» öffentlich zugänglich http://myjetpack.tumblr.com

 

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