Gleichstellung in der Kultur ist noch lange nicht erreicht
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Vor allem im Bereich Rock, Pop und Jazz sind die Frauen bis heute untervertreten. (Archivbild: © Patrick Huerlimann/LUCERNE FESTIVAL)

Studie zeigt die Situation in Luzern Gleichstellung in der Kultur ist noch lange nicht erreicht

6 min Lesezeit 6 Kommentare 23.06.2021, 19:45 Uhr

Noch immer geben Männer den Ton an: Bis Frauen in der Schweizer Kulturbranche gleichgestellt sind, gibt es noch einiges zu tun. Das zeigt eine neue Studie der Universität Basel. Forscherinnen haben dabei auch Festivals in Luzern analysiert.

Frauen sind in Leitungspositionen untervertreten. Künstlerinnen und ihre Werke sind weniger sichtbar und erhalten weniger Preise. Frauen verdienen weniger als Männer. Das offenbart eine erste Studie, die das Zentrum für Gender Studies der Universität Basel im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und des Swiss Centers for Social Research erarbeitet hat. Die Vorstudie wurde am Mittwoch publiziert.

Sie beleuchtete in der Sparte Musik elf Verbände, elf Musikbetriebe sowie fünf kantonale Fördergefässe sowie den Schweizer Musikpreis/Grand Prix Musik des Bundes. Dabei wurde auch die Luzerner Kulturbranche unter die Lupe genommen – unter anderem das Jazzfestival Willisau und das Lucerne Festival. Ziel war es, erste Tendenzen in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse greifbar zu machen.

Das sind die Ergebnisse

Die Vorstudie zeigt: Frauen finden kaum Gehör in der Musikwelt: Der Frauenanteil bei den Performerinnen wie Solistinnen und Musikerinnen in Orchestern oder Begleitbands liegt in der Klassik bei rund 34 Prozent, bei Dirigentinnen gerade mal bei 7 Prozent. Deutlich tiefer liegt der Frauenanteil im Jazz bei knapp 12 Prozent und im Rock/Pop zwischen 8,6 und 12,8 Prozent. Frauen sind auch weniger oft an der Spitze: Gerade einmal 13 Prozent Frauen finden sich in den strategischen und operativen Leitungspositionen in Musikbetrieben und bei den Verbänden.

«Wir sind auf die Folgen der Studie gespannt und nehmen sie in unserer Arbeit mit.»

Céline-Giulia Voser und Stoph Ruckli, Verein Other Music Luzern

Frauen bekommen auch viel weniger oft Fördergelder. Die Fördergelder in der Musik werden in der Fallauswahl in den sechs Kantonen Luzern, Bern, Schaffhausen, Appenzell Ausserrhoden, Tessin und Waadt plus Bund zu 26 Prozent an Frauen vergeben.

Luzerner Verein kaum überrascht von Ergebnissen

Der Verein Other Music Luzern vernetzt die Luzerner Musikszene und hat sich zum Ziel gesetzt, Luzerner Musikschaffende über die Kantonsgrenze hinaus bekannter machen. Von den Ergebnissen sind Céline-Giulia Voser und Stoph Ruckli von der Geschäftsstelle des Vereins nur wenig überrascht. Voser singt, komponiert, produziert und spielt Cello als Cégiu. Ruckli steht als Bassist auf Bühnen und baut derzeit sein Projekt Stoph Bjornson auf.

«Auch wenn wir kaum überrascht oder schockiert sind: Es muss mehr passieren. Wir sind auf die Folgen der Studie gespannt und nehmen sie in unserer Arbeit mit», sagen die beiden auf Anfrage.

Für sie ist aber klar: «Fragen, wie die grundsätzliche Professionalisierung von Musikschaffenden, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch der Einbezug des menstruellen Zyklus sind essenzielle Pfeiler neben der Quote, dem Empowerment und einem kontinuierlichen Gender-Monitoring.»

Wie Voser ausführt, könnten menstruierende Menschen im Arbeitsalltag ihre Aktivitäten entsprechend anpassen, wenn sie über ihre Zyklusphasen Bescheid wissen. «Beispielsweise gibt es das premenstrual voice syndrome. Die Stimme verändert sich vor der Mens bei vielen menstruierenden Menschen und ist oft nicht mehr so kraftvoll, hat weniger Obertöne und einen weniger grossen Umfang. Früher war es beispielsweise Teil von Opernverträgen, dass sich menstruierende Menschen in dieser Zeit frei nehmen durften.»

«Helvetiarockt» fordert Quoten

Auch «Helvetiarockt» setzt sich für die Gleichstellung in der Musikbranche ein. Der Verein ist eine Koordinationsstelle für Musikerinnen im Jazz, Pop und Rock. Mit verschiedenen Workshops ermutigen sie bereits junge Frauen und Mädchen, ihren Platz in der Musik einzunehmen. Letztes Jahr hat die Organisation zudem die Plattform Music Directory ins Leben berufen – eine Plattform für Frauen, Inter, Trans sowie non-binäre Menschen, die in der Schweizer Musikbranche tätig sind. So sollen diese sichtbarer werden (zentralplus berichtete).

«Die Diskrepanz vom männlich konnotierten, wagemutigen Rockstars mit dem vorherrschenden Frauenbild ist viel grösser als in der klassischen Musik.»

Elia Meier, «Helvetiarockt»

Mit den Ergebnissen der Studie hat auch dieser Verein gerechnet. «Uns überrascht leider nicht mehr allzu viel», sagt Elia Meier von «Helvetiarockt». Die exemplarischen Zahlen deckten sich weitgehend mit internationalen Studien sowie mit den eigenen Erhebungen aus den letzten zehn Jahren. «Wir müssen uns nun bewegen: In den Strukturen, bei der Verteilung von Fördergeldern und in der musikalischen Bildung ansetzen.» Deshalb fordert «Helvetiarockt» auch eine Quote, also ein konkret messbares Werkzeug. «Die Musikbranche kann die Augen nicht mehr davor verschliessen.»

Wenn das Geschlecht die Instrumentenwahl beeinflusst

Auffällig wenige Solomusikerinnen schaffen es laut der Studie für Live-Auftritte auf die Bühnen. Die Musiksparte Klassik schliesst vergleichsweise gut ab. Elia Meier führt die Unterschiede auf die Arbeitsbedingungen zurück. «Im Jazz, Rock und Pop hat man keine bezahlten Proben, keine Festanstellungen und Arbeitszeiten bis spät in die Nacht.» Die Vereinbarkeit sei also nicht kompatibel «mit dem stereotypischen Rollenbild von Frauen, die irgendwann Kinder haben und diese umsorgen wollen». Meier fährt fort: «Die Diskrepanz zwischen männlich konnotiertem, wagemutigem Rockstar und dem vorherrschenden Frauenbild ist viel grösser als in der klassischen Musik.»

Ähnlich sieht dies der Luzerner Verein Other Music Luzern. Die Unterschiede führen sie unter anderem auf die Instrumentenwahl im Kindheitsalter zurück. «Wenn ein Kind ein Instrument lernen möchte, wird die Wahl davon immer noch mit dem Geschlecht assoziiert: Aussagen wie ‹Mädchen spielen nicht Schlagzeug oder E-Gitarre, sie spielen Geige, Harfe oder Flöte› sind leider noch viel zu häufig Realität», bedauern Stoph Ruckli und Céline-Giulia Voser. Und genau das sind Instrumente, die öfters im klassischen Kontext zu finden sind. Folglich gebe es in dieser Musiksparte viel mehr weibliche Vorbilder.

«Die Probleme sind im Endeffekt in allen Sparten und durchs Band ähnlich.»

Céline-Giulia Voser und Stoph Ruckli, Verein Other Music Luzern

Auch die unterschiedliche Finanzierung der Musiksparten könne eine Rolle spielen. Für Eltern seien Zukunftsperspektiven in Zusammenhang mit der Berufswahl wichtig. «Und da sieht es in der Klassik mit ihren gut organisierten Strukturen sicher rosiger aus als beim stetig unterfinanzierten Pop, Rock und Jazz.» Zudem gebe es durch die gut alimentierten Klassikapparate ordentliche Möglichkeiten zur Förderung und Vermarktung, wie den Aufbau zu «Stars» – «etwas, das in den Sparten Rock, Pop und Jazz ausstirbt», so Voser und Ruckli.

«Die Probleme sind aber im Endeffekt in allen Sparten und durchs Band ähnlich.» Das sehe man auch an Werbeplakaten von Musikschulen oder Musikläden, welches Geschlecht welches Instrument in den Händen hält oder wie diese inszeniert werden. An den Musikhochschulen würden Frauen nach wie vor auf mehrheitlich männliche Jurys bei den Aufnahmeprüfungen treffen. Und während der Ausbildung würden teilweise Personen unterrichten, die keine Lust hätten, sich auf neue Denkweisen einzulassen. Allgemein seien männliche Vorbilder überpräsent, so Voser und Ruckli.

Trotz der ernüchternden Zahlen, was die Gleichstellung in der Schweizer Musikszene anbelangt, behalten die beiden die Zukunft im Auge: «Wir merken, dass Änderungen durch vereinte Community-Arbeit geschehen können. Hier steht der individualisierten Schweiz jedoch noch viel Arbeit bevor.» Gerade auch bei jungen Menschen, denen in Bezug auf die Branche mehr Aufklärung im professionellen Musikschaffen, Chancen und Einbezug geboten werden müssten: «Steter Tropfen höhlt im Endeffekt den Stein.»

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6 Kommentare
  1. Patricia, 24.06.2021, 09:33 Uhr

    Ich verstehe beim besten Willen nicht, wo das Problem sein soll, wenn weniger Frauen musizieren. Musik ist ein Hobby. Ein sehr schönes. Man entscheidet sich freiwillig dafür. Wenn sich weniger Frauen entscheiden, zu musizieren, dann ist das halt so. Dafür gibt es bspw. sehr viel mehr Kinesiologinnen als Kinesiologen.

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    1. Peter Bitterli, 24.06.2021, 10:07 Uhr

      Fragen Sie bei der „Pro Helvetia“ an, wie sie auf die Idee kommen, so eine Studie in Auftrag zu geben statt einfach Geld zu verteilen.

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  2. Peter Bitterli, 24.06.2021, 06:54 Uhr

    Genau darin sieht dieser überflüssige und exponentiell wuchernde Mittelbau in Teilen des akademischen Betriebes, auch schon „akademisches Proletariat“ oder „akademisches Prekariat“ genannt, seine zentrale Aufgabe: festzustellen, dass Tenöre männlich, Balletteusen weiblich, Gitarreros männlich, High-Heels-Solistinnen weiblich, Rapper männlich und Chansonièren weiblich sind. In der Regel. Na so was aber auch. Gender-Studies-Forscher sind dafür weiblich. In der Regel.
    Abgesehen davon, dass es eine grundsätzlich unappetitliche und geistfeindliche Vorstellung ist, wenn nun offenbar Quoten auch in der Kunst eingeführt werden sollen – und dass dem so ist, geht aus der grundsätzlichen Doppelnatur der Gender-Forscher als angebliche Wissenschafter und Aktivisten hervor -, wird selbstverständlich mit der platten Statistik auch die Prozesshaftigkeit des Untersuchungsgegenstandes in den letzten Jahren geflissentlichst übersehen. Gerade für die Orchester steht zu erwarten, dass dort in nächster Zeit die Frauen in der Mehrzahl sein werden, Frauen übrigens, die sich selbst stolz „Fagottist“ oder „Schlagzeuger“ nennen, weil ja genau in dieser Bezeichnung die Vollwertigkeit ausgedrückt wird. Bei Chören braucht es ein paar tiefe Männerstimmen mehr, um die Balance zu erreichen, die wegen der höheren Durchschlagskraft der Frauenstimmen sonst nicht gegeben wäre. Ansonsten sind gemischte Chöre eine sehr ausgeglichene Sache. Plattenlabels verkaufen ihre Klassik gerne mal mittels und dank hübscher junger Solostinnen in mehr oder weniger expliziter Garderobe, wenn sie es nicht mit Männern versuchen, welche vor, nach und zwischen Konzerten noch Zeitgeistiges von sich geben. Das fachliche Können der erwähnten Solistinnen steht in der Regel über allem Zweifel. Die Produkte werden gekauft, die Konzerte sind voll. Die Labels und Manager wissen, was sie tun. Wem das nicht passt, der wird nicht kaufen und nicht hingehen. Im Bereich populärerer Musik scheinen die harten Kerls die besseren Karten zu haben. Tja. Freier Markt. Hingehen oder nicht, kaufen oder nicht. Ich fand Suzie Quattro heiss und möchte sie nicht durch einen Mann ersetzt sehen. Was also steht an? Quoten beim Zugang zu den Ausbildungsstätten? In der Konzertprogrammierung? Also der Tod der Schulen und der Konkurs der Veranstalter? Entwicklungen nehmen ihren Lauf, Trends setzen sich durch oder nicht, Prognosen sind umso schwieriger, je mehr sie die Zukunft betreffen. Statistiken können keine Konsequenzen haben und müssen sich deshalb die Frage nach ihrem Sinn jenseits der Rechtfertigung der vielen Stellenprozente gefallen lassen, die es zu ihrer Zusammenstellung braucht.
    Geflissentlich übersehen wurden auch historische Phänomene wie die vielen Waisenhaus-Musikantinnen im Venedig Vivaldis oder das „Concerto delle Donne“ in Ferrara. Es bestand die ökonomische Basis dafür, es gab eine Nachfrage.

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  3. Kultur von Herzen, 24.06.2021, 06:44 Uhr

    Nur schon die «Fragen, wie die grundsätzliche Professionalisierung von Musikschaffenden, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch der Einbezug des menstruellen Zyklus sind essenzielle Pfeiler neben der Quote, dem Empowerment und einem kontinuierlichen Gender-Monitoring.» – dieses unverständliche Geschwurbel alleine reicht schon zu verstehen, weshalb die Gleichstellung 2021 nicht vorwärts kommt.
    Der Jodlerklub Wiesenberg schaffte es zB in kurzer Zeit, dass Mann und Frau sich mit FREUDE GLEICHGESTELLT dieser Musikform erfreuen. Ohne Forderungen, einfach selbstverständlich. Dieser Fakt muss nicht einmal mit einer Studie belegt werden.

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    1. Peter Bitterli, 24.06.2021, 10:05 Uhr

      Langsam dämmert es Einem, dass man diese Bürokratinnen mit ihrem Gerede mittelfristig nicht mehr los wird. Wird es nächstens einmal Allen nur noch schlecht oder langweilig ob all der Studien, ist schon vorgesorgt. Das akademische Prekariat besorgt dann das kontinuierliche „Empowerment“ und „Gender-Monitoring“, was der einzige Grund dafür ist, dass diese Begriffe überhaupt eingeführt werden. Es wird dann also immer noch ein Gender-Bürokrat jeder Abteilung zugeordnet.

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  4. Androgyna Maximus, 23.06.2021, 20:20 Uhr

    Im Ballet und Tanz, Kindererziehung, Pflege und in Lehrberufen (Primar- und Oberstufen) sind dafür Y-Chromosonenträger untervertreten.

    Sollen alle kutivieren wonach Ihnen der Sinn steht. Hauptsache ist doch das die Kultur gelebt wird und die Qualität stimmt. Gerne mag ich Meinungsfreiheit weil hier in einer aufgeklärten Gesellschaft reflektiert werden kann.

    Auf den Baustellen und vielen Handwerksberufen, bei Berufschauffeuren bei der Strassenreinigung und Müllabfuhr. Scheint sich allerdings Keine*r zu echauffieren… Warum das wohl so ist?

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