Gewalttäter als Trainer: Das sagt der Fussballverband
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Der Trainer war zuvor im Gefängnis Pöschwies, gemäss Verbandspräsident Urs Dickerhof ist es im Ermessen der Vereine, Straftäter einzustellen.

Missglücktes Experiment in Zug Gewalttäter als Trainer: Das sagt der Fussballverband

4 min Lesezeit 11.08.2021, 05:00 Uhr

Ein Zuger Fussballverein hat einen Mann als Junioren-Trainer eingestellt, der einen Mord begangen hatte. Das Experiment endete im Desaster. Nachdem der 33-Jährige den Verein gewechselt hatte, missbrauchte er mehrere Buben. Wie kann so etwas geschehen?

Das Schweizer Strafrecht ist darauf ausgelegt, verurteilten Verbrechern eine zweite Chance zu geben. Sie sollen sich wieder in die Gesellschaft integrieren. Mit Therapien. Mit Bewährungshilfe. Mit beruflichen Perspektiven.

Die Integration eines 33-jährigen Zugers schien eine Erfolgsgeschichte zu sein. Nachdem er als Jugendlicher einen Mann getötet hatte, sass er jahrelang im Gefängnis. Nach seiner Entlassung schien er «den Rank» gefunden zu haben. Er fand einen Job, hatte eine Wohnung, ja sogar eine Freundin.

Seine Freizeit verbrachte er auf dem Fussballplatz, wo er junge Menschen mit seiner Euphorie begeisterte. Der Vorstand wusste um die Vorstrafe. Damit hausieren ging man aber nicht. Es war eher ein «offenes Geheimnis», wie man später in einer Gerichtsverhandlung vernehmen wird. Die Buben jedenfalls himmelten den Trainer an. Er war ihr Held. Alles schien gut zu sein.

Schlägerei vor dem Fussballplatz

Bis zu jenem Abend, als es zwischen dem ehemaligen Häftling und einem Trainerkollegen zu einem heftigen Streit kam. Provoziert haben dürfte die Auseinandersetzung nicht der ehemalige Straftäter – aber er war es, der ausrastete. Er schlug mit mindestens zwei heftigen Faustschlägen auf den anderen Trainer ein, davon ist das Zuger Strafgericht mittlerweile überzeugt (zentralplus berichtete).

Nach dem Vorfall verliess der heute 33-Jährige den Verein. Er wechselte zu einem anderen Zuger Fussballklub und übernahm auch da die Junioren.

Er sammelte Nacktvideos der Junioren

Was keiner wusste: Der Mann hat pädophile Neigungen. Er brachte mehrere der Jungen dazu, sich selber beim Onanieren zu filmen und ihm die Aufnahmen zu schicken. Ausserdem liess er einzelne Buben nackt trainieren und machte Videos davon (zentralplus berichtete). Mehrfach lud er die Jungs zu sich nach Hause ein, um Playstation zu spielen. Auch verbrachte er gerne Zeit mit ihnen in seiner Ferienwohnung im Tessin.

Ein Bub hatte den Mut, mit seinem Vater zu reden

Irgendwann vertraute sich einer der Buben seinem Vater an. Dieser machte eine Strafanzeige. Und das ganze Kartenhaus brach zusammen. Diese Woche wurde der Mann vom Strafgericht verurteilt. Weil er noch auf Bewährung war, soll er für seine Taten rund sieben Jahre ins Gefängnis (zentralplus berichtete).

«Entscheidend sind nicht die Richtlinien auf dem Papier, sondern deren konsequente Umsetzung durch die verantwortlichen Personen in den Vereinen.»

Urs Dickerhof, IFV-Präsident

Der Mann war ein verurteilter Gewalttäter, als er vom ersten Fussballklub als Trainer verpflichtet wurde. Der Vereinsleitung war die Vorgeschichte bekannt, wie der Verteidiger in der Verhandlung sagte. Wieso wurde er dennoch eingestellt? Eine entsprechende Anfrage von zentralplus blieb bislang unbeantwortet.

Verband macht den Vereinen keine Vorgaben

Empfehlungen betreffend der Einstellung von Straftätern gibt es seitens des Innerschweizerischen Fussballverbands (IFV) nicht, wie Präsident Urs Dickerhof auf Anfrage sagt. «Wir können den Vereinen nicht vorschreiben, welche Trainer sie beschäftigen», meint er.

Aber oberhalb der Altersstufe des Kinderfussballs, in dem zu 90 Prozent Väter von Mannschaftsmitgliedern beschäftigt sind, werde eine Ausbildung verlangt. «In dieser Ausbildung wird das Thema Kinderschutz thematisiert. Zudem sensibilisieren wir die Vereine auf diese Problematik. Das geschieht über Konferenzen mit den Klubpräsidenten», so Dickerhof.

«Der Trainer hält sich nie in der Garderobe auf, während sich die Kinder umziehen.»

Urs Dickerhof

Zudem sei es ein wiederkehrendes Thema an den Juniorenobmänner-Tagungen und bei den J+S-Leitern. «Wir unternehmen seitens Verband alles, was bei dieser Thematik in unserer Macht steht. Es gibt wie erwähnt keine Richtlinien vom Verband an die einzelnen Vereine, aber der Jugendschutz ist ein fester Bestandteil in der Ausbildung», versichert Dickerhof.

Distanzlosigkeit war ein Alarmzeichen

Er macht ein Beispiel: «Der Trainer hält sich nie in der Garderobe auf, während sich die Kinder umziehen. Sonst muss der Klub, für den er tätig ist, Massnahmen ergreifen. Und das kontrollieren die Vereine im Eigeninteresse, weil sie sonst Gefahr laufen, viele Junioren auf einen Schlag zu verlieren.»

Zudem sei es selten, dass nur eine Person ein Juniorenteam betreut. In der Regel seien es immer mindestens zwei. «Entscheidend sind nicht die Richtlinien auf dem Papier, sondern deren konsequente Umsetzung durch die verantwortlichen Personen in den Vereinen», sagt Dickerhof. Dem Innerschweizer Fussballverband gehören 1200 Mannschaften an. Problemfälle treten gemäss dem Präsidenten selten auf.

«Wenn mehrere erwachsene Personen einen Spaghettiabend für die Nachwuchsspieler bei sich zu Hause organisieren, sollte das möglich sein.»

Urs Dickerhof

Was die Warnsignale angeht, so hält der Verbandspräsident fest: «Grundsätzlich muss das Bewusstsein vorhanden sein, dass eine einzelne Person niemals Juniorinnen oder Junioren mit nach Hause nimmt oder sonst wohin einlädt.» Dass der Mann die Jungs nach Hause zum Playstation-Spielen mitnahm, hätte demnach ein Alarmsignal sein müssen.

Dickerhof relativiert aber: «Wenn aber mehrere erwachsene Personen einen Spaghettiabend für die Nachwuchsspieler bei sich zu Hause organisieren, sollte das möglich sein.»

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