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Gesundheitsgutscheine: «In der Gastronomie eine ganz schlechte Lösung»
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Wirklich krank oder nur Blaumachen? Die Remimag motiviert ihre Mitarbeiter mit Vitalgutscheinen, am Morgen nicht liegen zu bleiben.

Luzerner Restaurants bestrafen kranke Mitarbeiter Gesundheitsgutscheine: «In der Gastronomie eine ganz schlechte Lösung»

4 min Lesezeit 1 Kommentar 08.05.2017, 12:32 Uhr

Ein Dankeschön an die Mitarbeiter und ein Mittel gegen Blaumacher: Die Luzerner Remimag, die in Luzern und Zug 15 Restaurants betreibt, verteilt Gutscheine. In den Genuss kommen Angestellte, die sechs Monaten nie krank machen. Doch Kritiker befürchten, dass sich so das Servicepersonal und Köche auch krank zur Arbeit schleppen.

Viele Firmen kennen das Problem der Blaumacher: Montagmorgen und Freitagnachmittag sind beliebt dafür, sich krank zu melden und so das Wochenende etwas zu dehnen. Dagegen vorzugehen ist für Unternehmen oft schwierig – Arztzeugnisse werden im Normalfall erst ab dem dritten Krankheitstag verlangt. Was soll man also tun?

Wie Bastian Eltschinger, Geschäftsführer der Remimag, kürzlich gegenüber zentralplus erwähnte, hat die Luzerner Gastrokette ein spezielles System, dem Blaumachen entgegenzuwirken: Sogenannte Vitalgutscheine. Wer während sechs Monaten nie krank ist, kann als Dankeschön im Wert von 200 Franken in Remimag-Betrieben essen gehen. Die Gruppe betreibt bekannte Restaurants wie Anker, Opus, Pfistern in Luzern oder den Brandenberg und das Hafenrestaurant in Zug und beschäftigt gegen 400 Mitarbeiter.

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Gewerkschaft äussert Bedenken

Giuseppe Reo, Regionalsekretär Zentralschweiz der Unia, sieht in solchen Belohnungssystemen aber auch eine Gefahr: «Man darf die Leute nicht dazu motivieren, krank zur Arbeit zu gehen.» Grundsätzlich sollte der Arbeitgeber präventiv für eine gute Gesundheit sorgen und die Mitarbeiter mit einem guten Arbeitsklima motivieren, nicht einfach blauzumachen.

«In Gastrobetrieben muss allen Akteuren bewusst sein, dass sie eine Verantwortung tragen.»

Silvio Arpagaus, Kantonschemiker

Zum konkreten Fall Remimag sagt Reo: «Im Bereich der Gastronomie finde ich das eine ganz schlechte Lösung – auch aus hygienischen Gründen.» Denn man habe mit Gästen zu tun, da sei es sehr heikel, krank zur Arbeit zu gehen. «Klar sind Mitarbeiter, die krank zur Arbeit erscheinen, auch von den Gastrobetrieben selber unerwünscht. Dies gilt für alle Betriebe, in denen Lebensmittel verarbeitet werden. Aber die Frage ist: Wer kontrolliert das?» Die Hemmschwelle, mit einer Erkältung trotzdem arbeiten zu gehen, werde mit solchen Anreizen gesenkt.

Reo resümiert: «Der Grundgedanke ist vielleicht positiv – aber ich finde den Weg nicht richtig.»

Kantonschemiker: Mitarbeiter in der Pflicht

Kantonschemiker Silvio Arpagaus ist für die Lebensmittelkontrollen in Luzerner Betrieben verantwortlich. Er sagt: «In Gastrobetrieben muss allen Akteuren bewusst sein, dass sie eine Verantwortung tragen.» Arpagaus beruft sich dabei auf das Lebensmittelgesetz, welches klar besagt: Personen, welche von einer durch Lebensmittel übertragbaren Krankheit betroffen sind, müssen diese unverzüglich melden. «Diese Pflicht ist aber Mitarbeitenden der Gastronomie grundsätzlich bekannt.»

«Wir wollen nicht zu hohe Anreize schaffen. Die Vorschriften bei kranken Mitarbeiter sind gerade im Gastrobereich sehr strikt.»

Franziska Kreiliger, Verantwortliche Human Resources bei «Sinnvoll»

Aber könnten Anreize grundsätzlich dazu führen, dass Köche und Servicepersonal mit beginnenden oder schwächeren Krankheiten zur Arbeit auftauchen? «Das hängt von der individuellen Handhabung der Regelung im Betrieb ab. Die Problematik muss thematisiert und ein Bewusstsein dafür geschaffen werden. Geschieht dies ernsthaft, habe ich wenig Bedenken bezüglich des Systems.»

Bei der Remimag will man zu diesen Fragen keine Stellung nehmen.

Prominenter Fall in Deutschland

In Deutschland hat der Mercedes-Hersteller Daimler für Schlagzeilen gesorgt: Dort werden Mitarbeiter, die nicht fehlen, im Jahr mit 200 Euro belohnt. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, sich von den Werksärzten gratis untersuchen zu lassen – und dann individuelle Gesundheitstipps einzuholen. Kritiker befürchten, die Daten der Ärzte könnten zur Überwachung und als Druckmittel missbraucht werden.

Konkurrenz startet am Luzerner Halbmarathon

Die Praxis der «Zückerli» für gesunde Mitarbeiter gibt es auch bei anderen Betrieben: Bei «Sinnvoll Gastro» bekommen die Mitarbeiter, welche das ganze Jahr über nie krankheitshalber fehlen, ein Geschenk. «Das kann beispielsweise ein Gutschein sein, das ändert jedes Jahr. Der Wert beläuft sich dabei auf rund 100 Franken», erklärt Franziska Kreiliger, Verantwortliche Human Resources bei «Sinnvoll». Was es für die gesunden Mitarbeiter nicht gibt, sind Gutscheine für die eigenen Lokale.

«Es soll ein Dankeschön sein», sagt Kreiliger. Aber: «Wir wollen nicht zu hohe Anreize schaffen. Die Vorschriften bei kranken Mitarbeiter sind gerade im Gastrobereich sehr strikt.» Man lege die Prioritäten auf Fortbildungen, so Kreiliger. So habe man Schulungen zum Thema Gesundheit inklusive Gesundheitschecks durchgeführt. Ausserdem nehme man seit vier Jahren am Luzerner Halbmarathon teil – sogar der Chef beteilige sich in diesem Jahr an den Trainings.

Gastropräsident sieht Gutscheine positiv

Ruedi Stöckli, Präsident von Gastro-Luzern, sagt: «Solche Belohnungssysteme sind im Gastrobereich eher unüblich.» Sie würden in kleineren Betrieben weniger Sinn machen. «Bei einer Kette mit mehreren Restaurants kann das aber durchaus eine gute Sache sein», so Stöckli. «Am wirkungsvollsten gegen Blaumacher ist immer noch ein gutes Arbeitsklima im Betrieb.»

Sorge um die Hygiene hat Stöckli keine: «Es kann nicht im Interesse des Betriebs sein, dass die Leute krank zur Arbeit erscheinen.» Dabei ginge es nicht einmal primär um die Gäste: «Die Gefahr, Kollegen anzustecken, ist das grössere Problem.» Dann würden die Kosten steigen – und das wolle sicher kein Betrieb forcieren.

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1 Kommentare
  1. Leo Nauber, 08.05.2017, 14:05 Uhr

    Egal, ob jemand etwas macht oder nicht macht, anbietet oder nicht anbietet. Für die Einen ist es gut, für die andern schlecht(er). Aber die Medien müssen immer zuerst und dick das mögicherweise Negative herausstreichen. Lasst doch einfach mal die ewige Nörgelei an Allem und Jedem und freut Euch des Lebens und lasst einfach mal auch das Gute leben. Ihr Medienfritze seid schon nur noch auf negative Kritik, auf Finden von Negativem aus, damit es die Leser ja auch sicher etwas zum sich hinterfragen und negativ diskutieren haben.