Nationalrätin kritisiert Kanton

Sterben in Würde? Zug zeigt wenig Interesse daran

Palliative Care spiele in ihrem Heimatkanton Zug keine grosse Rolle, kritisiert Nationalrätin Manuela Weichelt. (Bild: Adobe Stock/Andreas Busslinger)

Für Menschen mit unheilbarer Krankheit gibt es spezialisierte Pflege, die Palliative Care. Fast alle Kantone setzen sich vertieft damit auseinander, doch Zug hinkt hinterher. Das stösst Nationalrätin Manuela Weichelt sauer auf.

Bei Diagnosen wie Krebs im Endstadium oder schweren Nervenkrankheiten können Ärzte meist nicht viel tun. Betroffene sowie Angehörige müssen sich oft damit abfinden, dass das Lebensende unausweichlich näher rückt. In solchen Situationen setzt die sogenannte Palliative Care an.

Das Konzept der Palliative Care nahm in der Schweiz vor allem ab 2010 Fahrt auf, als der Bund eine nationale Strategie ausarbeitete. Sie hat zum Ziel, dass das Leiden eines unheilbar kranken Menschens durch medizinische und pflegerische Behandlungen gelindert und ihm so eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Ende verschafft wird. In den vergangenen zehn Jahren wurde die kantonale Palliativversorgung stark ausgebaut, wobei das Bundesamt für Gesundheit die Kantone alle vier Jahre zur Umsetzung befragt. Der letzte Bericht von 2023 wurde im Frühling 2024 vorgestellt. Alle Kantone beteiligten sich daran – bis auf Zug.

Zug hinkt bei Palliative Care hinterher

Auch wenn Zug nicht an der Umfrage teilnahm, steht der Kanton im Vergleich nicht gut da. Als einer der einzigen Kantone hat Zug weder eine Strategie noch ein Konzept für die Palliative Care.

Zug ist einer der wenigen Kantone ohne Strategie für die Palliative Care. In der Waadt ist eine in Ausarbeitung, Nidwalden hatte zumindest eine in früheren Jahren. (Bild: Umfrage von Ecoplan)

Und: Zug ist einer der wenigen Kantone, die keine spezialisierte Palliativstation haben. In der aktuellsten Spitalliste verweist Zug im Bereich Palliative Care auf die Nachbarkantone: das Spital Affoltern, das Kinderspital Zürich und das Kinderspital des Luzerner Kantonsspitals.

Immer mehr Kantone haben Palliativstationen, Zug hingegen nicht. (Bild: Umfrage von Ecopl)

Die Zuger Nationalrätin Manuela Weichelt ist enttäuscht, dass Palliative Care in ihrem Heimatkanton «kaum eine Rolle spiele», wie sie gegenüber zentralplus sagt. Für die Politikerin der Alternative – die Grünen (ALG) ist das ein Herzensthema, seit gut einem Jahr präsidiert sie die Schweizerische Gesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Betreuung palliative.ch.

Kanton nehme das Thema nicht ernst

Gemäss Weichelt braucht Zug ebenfalls eine eigene Palliative-Care-Strategie. Die Zuger Gesundheitspolitik soll auch die Versorgung der zunehmend älteren Bevölkerung in den Fokus nehmen. Denn alle sterben eines Tages. Darum müsse würdevolles Sterben ein gesellschaftliches Thema werden, findet die Nationalrätin.

«Dass die Palliative Care in Zug beim Amt für Sport angesiedelt ist, sagt eigentlich schon alles über deren Stellenwert. Menschen, welche schwer krank sind und umfassende Betreuung benötigen, haben nichts beim Sport verloren», ärgert sich Weichelt. Auch eine Ansiedlung in der Altersstrategie finde sie fehl am Platz. Chronisch krank könnten Menschen in jeder Phase des Lebens werden – von neugeboren bis hochaltrig. Palliative Care sei auch für Kinder ein Thema, sei dies bei Frühgeborenen oder bei Kindern mit Krebs oder nach einem schweren Unfall.

«In Würde zu sterben, ist nicht immer möglich oder können sich nicht alle leisten.»

Manuela Weichelt, Zuger Nationalrätin und Präsidentin von palliative.ch

Für sie ist klar, dass das Thema auf die Agenda des Kantons gehört. «Es macht einen riesigen Unterschied, ob man im hektischen Umfeld eines Spitals stirbt, das darauf ausgerichtet ist, komme, was wolle, Menschenleben zu retten. Oder auf einer Palliativabteilung, einem spezialisierten Pflegeheim, zu Hause mit Spitex und Familie oder im Hospiz, in dem die Familie Tag und Nacht da sein und der Mensch in Würde gehen kann.»

Finanzierung unklar

Ein weiteres Problem der Palliative Care ist die Finanzierung. Das zeigt sich in der Umfrage nur schon in den finanziellen Ressourcen für die Umsetzung der Strategie. Die Zahlen der Kantone schwanken zwischen 5000 Franken (Appenzell Innerrhoden) und 3,8 Millionen Franken (Bern). Gravierender ist laut Weichelt jedoch die Finanzierung der Leistungen. Vor vier Jahren wurde eine Motion überwiesen, die Klarheit und eine gesetzliche Grundlage für die Finanzierung der Palliative Care fordert. Umgesetzt ist sie jedoch noch nicht.

«Im Kontext der nationalen Strategie besteht seit Jahren eine Bringschuld des Bundes. Aktuell werden diverse Palliativleistungen gar nicht oder ungenügend finanziert», kritisiert Weichelt. Es brauche nationale Rahmenvorgaben, insbesondere für die spezialisierte Langzeitpflege und die spezialisierte ambulante Versorgung. Ohne diese bleibe die Palliativversorgung zufällig. Was dazu führe, dass «in Würde zu sterben, nicht immer möglich ist oder sich nicht alle leisten können».

5700 Franken zahlen Patienten aus eigener Tasche

Was das bedeutet, zeigte unlängst etwa der «Beobachter» in einem Artikel über einen 38-jährigen Familienvater mit Lungenproblemen. Nach einer Weile im Spital Zofingen musste er in ein Zürcher Hospiz wechseln. Was einen happigen Preis hat, 300 Franken pro Tag, 500 Franken für den Ein- und Austritt. Seine Familie musste die Kosten mithilfe eines Crowdfundings decken.

Gemäss Sibylle Jean-Petit-Matile, der Geschäftsleiterin der Stiftung Hospiz Zentralschweiz, haben Schweizer Hospize Pflegeheimstatus. Somit könnten sie zeitlich unbegrenzt bis zum Tod im Hospiz bleiben. Zudem würden die reinen Pflegekosten je zur Hälfte von den Krankenkassen und zur Hälfte von der jeweiligen Wohngemeinde übernommen. Jedoch entfalle auf die Patienten pro Tag ein sogenannter Privatkostenanteil von 23 Franken an die Pflegeleistung, was der nationalen Vorgabe aller Pflegeheime entspreche. Hinzu komme bei ihrem Hospiz 250 Franken für Zimmermiete, Essen und spezialisierte Betreuung – ebenfalls pro Tag.

Das Hospiz Zentralschweiz liegt im Luzerner Stadtteil Littau. (Bild: zvg)

Sie hätten in ihrem Hospiz Patienten im Alter zwischen 18 und 100 Jahren. Im Durchschnitt würden diese rund drei Wochen verweilen. Sprich: Im Durchschnitt zahlen Patientinnen für ihren Aufenthalt 5733 Franken, pro Monat somit 8190 Franken aus dem eigenen Sack. Und: Trotz dieser Summe sind die Hospize wegen ihres hohen Stellenschlüssels in der Pflege defizitär und auf Spenden angewiesen. Das Hospiz Zentralschweiz benötige rund eine Million Franken pro Jahr – Kantone würden sich bisher nicht an der Finanzierung beteiligen, erklärt Jean-Petit-Matile.

Hospizleiterin will Unterstützung der Kantone

Dabei habe Jean-Petit-Matile die «Erwartung, dass sich die Kantone an der Finanzierung des Hospizes beteiligen, und zwar nur für jeweils diejenigen Patienten aus ihrem eigenen Kanton». Dass es auch anders ginge, zeige beispielsweise der Kanton Wallis: Dieser zahle 685 Franken pro Tag und Bett an die zehn Betten im La Maison Azur in Sion und die drei Betten im Hospiz Oberwallis in Ried-Brig.

Die Ärztin Sibylle Jean-Petit-Matile findet, die Kantone sollten sich an zertifizierten Hospizen beteiligen. (Bild: zvg)

Jean-Petit-Matile ist überzeugt, dass der Bedarf an Hospizbetten künftig zunehmen werde, da die Bevölkerung älter und komplexer krank werde. «Die Versorgung zu Hause reicht dann nicht mehr aus.»

Kosten sparen mit Palliative Care

Derzeit versucht die Politik, ob den jährlich steigenden Krankenkassenprämien jedoch eher die Gesundheitskosten zu dämpfen. Haben da Rufe nach einer Finanzierung überhaupt eine Chance? Manuela Weichelt ist überzeugt davon. Mit einer guten und flächendeckenden Palliativversorgung liesse sich gar Geld sparen.

«Das tönt jetzt vereinfachend. Aber mittels einer guten Beratung in chronischen Krankensituationen entscheiden sich Menschen häufig auch für mehr Lebensqualität und Palliativmedizin anstelle von kostspieligen Therapien mit Chemotherapien, Apparaturen, Schläuchen und Intensivstation und am Ende ohne Zeit fürs Abschiednehmen von den Liebsten.» Zudem gelte es, auch den Wunsch der Patientin zu respektieren, wenn sie statt kurativer Medizin palliative Medizin möchte. Oder auf die Fachpersonen zu hören, die vertreten würden, dass Menschen auch sterben dürften, so Weichelt.

Zu diesem Schluss kommt auch der Bund selbst. Er analysierte bereits 2011 verschiedene Studien zur den Kosten der Palliative Care. Das Fazit: «Die analysierten Studien weisen darauf hin, dass mit Palliative Care Kosten im öffentlichen Gesundheitswesen eingespart werden können.» Dies wegen kürzeren Spitalaufenthalten, weniger Notfällen und Aufenthalten auf Intensivstationen. Allerdings gebe es zu beachten, dass bei ambulanter Pflege ein Teil der Kosten auf die Patienten abgewälzt werde.

Kanton Zug verteidigt sich

Für die Strategie als auch Finanzierung der Palliative Care gibt es also gute Gründe – warum ist das Thema in Zug weniger auf dem Schirm? Dass Zug 2023 nicht an der Umfrage des Bundes mitmachen konnte, erklärt Michelle Rangosch mit fehlender Zeit. «Wir setzen unsere beschränkten Ressourcen dort ein, wo sie einen Nutzen für die Zuger Bevölkerung haben», schreibt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gesundheitsdirektion auf Anfrage.

Zum fehlenden Konzept hält Rangosch fest: «Wir sahen bisher keinen Mehrwert in einem solchen Konzept.» Allerdings prüfe der Kanton diese Frage im Moment. Eine eigene Palliativstation im Kanton strebe der Kanton Zug vorerst nicht an: «Das Krankenversicherungsgesetz verpflichtet die Kantone, sich bei der Spitalplanung zu koordinieren. Folglich kann und darf es nicht Ziel einer Spitalplanung sein, sämtliche Leistungen innerkantonal anzubieten.» Zudem habe sich im Rahmen des letzten Bewerbungsverfahrens für die Spitalliste niemand darum beworben.

Dafür unterstützt der Kanton Zug den Verein Palliativ Zug jährlich mit 36’500 Franken, unter anderem für Informationsanlässe, das Zuger «Trauer Café» und digitale sowie gedruckte Medien zum Thema. Weiter zahlt der Kanton dem Hospiz Zug, das ambulante respektive mobile Palliative Care anbietet, jährlich 15’000 Franken. Damit werden Spesen der ehrenamtlichen Begleiter bezahlt.

Dass die Palliative Care beim Zuger Amt für Sport und Gesundheitsförderung angesiedelt sei, erklärt Rangosch mit der Vielschichtigkeit von Palliativsituationen. «Sie tangieren neben medizinischen Fragen psychische, soziale und spirituelle Aspekte – nicht nur der Betroffenen, sondern auch der Angehörigen. Bei Letzteren geht es nicht (nur) um das Thema Sterben, sondern auch um das Trauern und gesunde Weiterleben. Das entsprechende Know-how ist bei den Fachleuten der Gesundheitsförderung angesiedelt.» Jedoch arbeite die Gesundheitsförderung eng mit anderen Ämtern und auch dem Kantonsarzt zusammen.

Verwendete Quellen
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