Gesundheit & Fitness
Wie Sprache Realität schafft

Sind wir «voll traumatisiert» und «mega depressiv»?

Petra Sewing-Mestre unterstützt Menschen in Krisensituationen. (Bild: ida)

Psychische Erkrankungen wie Depressionen sind seit Corona ein Dauerthema. Gleichzeitig geht die Gesellschaft sehr viel sorgloser mit den Begriffen um. Woher kommt das und was macht es mit uns?

Eine Gruppe Jugendlicher steigt in den 2er-Bus, lautstark diskutierend. Von ihren Jacken tropft Wasser auf den Boden, einer schüttelt seine Locken. «Das macht mich anders depressiv.» Die Rede ist vom Herbstwetter.

«Ich bin total traumatisiert», echauffierte sich eine Bekannte kürzlich über eine unangenehme Begegnung – doch bestimmt weit entfernt von einem Trauma.

Mit den psychischen Erkrankungen haben die beiden Situationen nichts zu tun. Doch es sind keine Ausnahmen, dass diese Begrifflichkeiten in die Alltagssprache hineinwachsen. Was das mit uns macht, darüber sprechen wir mit der Psycholinguistin und Kommunikationswissenschaftlerin Petra Sewing-Mestre in ihren Therapie-Räumen am Luzerner Hirschengraben.

zentralplus: Beginnen wir mit einer Beobachtung: Wir benutzen Begriffe wie «traumatisiert» und «depressiv» immer häufiger in unserem Alltag. Sehen Sie das auch so?

Petra Sewing-Mestre: Das würde ich bejahen. Solche Begrifflichkeiten fliessen vermehrt in unsere Alltagssprache ein. Früher wurden sie von Psychologen und Ärztinnen und vielleicht noch von Sachbearbeitern in Krankenkassen verwendet. Heute sind sie Allgemeingut und auch medizinische Laien benutzen sie tagtäglich.

zentralplus: Liegt das daran, dass psychische Erkrankungen zu einem grösseren Thema in unserer Gesellschaft geworden sind?

Sewing-Mestre: Das ist sicherlich ein Grund dafür – genauso wie es auch in der Sprachentwicklung, in der Psychologie und in der Medizin gesellschaftsbedingte Phänomene gibt. Hinsichtlich der gefühlten Zunahme psychischer Erkrankungen müssen wir uns aber auch fragen: Sind tatsächlich die Menschen so viel kränker oder die Krankheiten auch menschlicher geworden?

«Vieles, was heute einen Krankheitswert hat, galt früher als ‹normal›.»

zentralplus: Das heisst?

Sewing-Mestre: Man tut sich heute leichter, über psychische Probleme und Erkrankungen zu sprechen. Es gibt eine Enttabuisierung von psychischen Krankheiten und mehr Bewusstsein dafür auch bei den Medizinern, so besonders im Bereich der Psychosomatik. Das ist eine sehr positive Entwicklung in unserer Gesellschaft einerseits. Man erkennt psychologische Krankheiten eher und früher und kann damit besser therapieren und unterstützen.

zentralplus: Sie sagen «einerseits». Was ist das «andererseits»?

Sewing-Mestre: Andererseits wird der Normalbereich enger gefasst. Die Schwelle, wann eine Beschwernis als behandlungsbedürftig gilt, verändert sich ständig. Bei Krankheiten wird heute oft viel früher eingegriffen und medikamentös behandelt als noch in den 1980er-Jahren. Unter anderem bei Cholesterin, hohem Blutdruck, Diabetes oder Schwangerschaftsdiabetes. Es gelten andere medizinische Richtwerte. So auch in der Psychologie. Vieles, was heute einen Krankheitswert hat, galt früher als «normal».

zentralplus: Wo sehen Sie das konkret?

Sewing-Mestre: Nehmen wir ADHS oder Demenz. Beides Themen, in welchen die Forschung in den letzten Jahrzehnten riesige Fortschritte gemacht hat. Die Übergänge zum eindeutig diagnostizierten Krankheitsbild sind dort manchmal fliessend. So hat zum Beispiel heute ein bestimmtes Verhalten schon einen Krankheitswert, früher dagegen nicht. Ich denke dabei an den berühmten «Zappelphilip», den wir alle kennen. Man spricht dabei oft von einer Pathologisierung der Gesellschaft. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass wir uns in unserer Gesellschaft viel mehr mit dem persönlichen Wohlbefinden oder der Selbstverwirklichung beschäftigen können als zu einer Zeit, in der die Menschen damit beschäftigt waren, sich vor allem um primäre Bedürfnisse wie Nahrung und Sicherheit zu kümmern.

zentralplus: Haben Sie ein Beispiel, wo eine solche Pathologisierung auch bei depressiven Verstimmungen der Fall ist?

Sewing-Mestre: Die Veränderung bei der Trauerzeit. Als ich Kind war, galt bei Todesfällen die Trauerzeit von einem Jahr. So lange trug man Schwarz. Damit hatte man eine Art Schutzzeit, öffentlich sichtbar. In dieser Zeit galt: Man durfte traurig sein, verstimmt, sich hängen lassen. Heute wird den Menschen diese Zeit oft schon nicht mehr zugebilligt. Wer länger als zwei Monate trauert, kommt oft schon in den Verdacht, unter einer depressiven Störung zu leiden.

zentralplus: Zwei Monate?

Sewing-Mestre: Wer hat nach zwei Monaten ausgetrauert? Es ist doch erstaunlich, dass wir dann von Depression sprechen. Wenn jemand sich ein halbes Jahr oder ein Jahr nach dem Verlust eines nahen Menschen nicht gut fühlt, dann würde ich sagen: Logisch, diese Person trauert. Es braucht die Zeit, die es braucht, und es liegt nicht unbedingt eine psychische Erkrankung vor.

«Wir werfen diese Begriffe in den Raum – vielleicht unbewusst als Entschuldigung für unser eigenes Unvermögen, die Situation zu verändern.»

zentralplus: Oft werden die Begriffe «depressiv» und «traumatisiert» aber nicht mehr nur für psychische Erkrankungen verwendet, sondern für alltägliche Gefühlsregungen. Um mit Übertreibung auszudrücken: Mir geht’s nicht gut oder ich fand etwas schlimm. Ich bin traurig, erschöpft oder überfordert.

Sewing-Mestre: Auf mich wirkt es manchmal so, als wolle man damit unbewusst eine Erklärung für seine schlechten Gefühle schaffen und vielleicht sogar in einem gewissen Masse die Selbstverantwortung für das eigene Wohlergehen abgeben. Wichtig ist mir zu betonen: Ich spreche hier nicht von Menschen, die tatsächlich psychisch erkrankt sind, sondern von der leichtfertigen und unbewussten Verwendung solcher Krankheitsbegriffe.

Depression – Trauma

Die Depression ist eine psychische Störung beziehungsweise Erkrankung. Typische Zeichen einer Depression können gedrückte Stimmung, Interesselosigkeit oder auch verminderter Antrieb sein, dies über Wochen, Monate oder auch Jahre. Betroffenen fällt es schwer, den Alltag zu bewältigen. Die Mehrheit der Betroffenen hegt früher oder später Suizidgedanken.

Der Begriff Trauma wird verwendet für das Erleben einer Diskrepanz zwischen einem bedrohlich erlebten Ereignis und den individuellen Möglichkeiten, dieses zu verarbeiten. Es werden beispielsweise Kindheitstrauma oder Kriegstrauma unter dem Oberbegriff gefasst. Zu den Folgen zählen psychische und körperliche Symptome wie Posttraumatische Belastungsstörung oder Depression, Angststörung.

Nach Auskunft der schweizerischen Krankenversicherungen hat die Zahl der diagnostisch gesicherten psychischen Erkrankungen erstaunlicherweise nicht zugenommen. Auch wenn wir alle diesen Eindruck haben.

zentralplus: Was meinen Sie damit, dass wir damit die Selbstverantwortung abgeben?

Sewing-Mestre: Ein schlichtes «ich fühl mich einfach nicht besonders» reicht nicht mehr. Es ist natürlich leichter und auch bequemer, die Verantwortung für das eigene Problem nach aussen zu verlagern, an den krank machenden Job, eine Krankheit oder gleich an die gesamte krank machende Welt.

zentralplus: Wir geben also die Schuld etwas Grösserem?

Sewing-Mestre: So nehme ich es manchmal wahr. Denn wem ich die Schuld gebe, dem gebe ich die Macht. Wir werfen Begriffe wie Trauma und Depression in den Raum – vielleicht ganz unbewusst als Entschuldigung für unser eigenes Unvermögen, die Situation zu verändern. Uns geht es nicht gut, weil etwas auf uns einwirkt. Manchmal ist das wirklich so, oft aber auch nicht. Die Selbstverantwortung nicht wahrzunehmen hat Konsequenzen und damit schlussendlich sogar eine politische Dimension.

«Sprechen beeinflusst Denken beeinflusst Handeln beeinflusst schlussendlich auch Sein.»

zentralplus: Und was macht es mit uns, wenn wir sagen: «Ich bin depressiv» – auch wenn wir es nicht sind? Macht es uns kränker?

Sewing-Mestre: Das ist sehr vereinfacht ausgedrückt. Es macht uns jedenfalls oft schwächer. Es ist nachgewiesen, dass Worte unsere Gefühle beeinflussen und damit auch unsere Handlungen. Negatives Denken und Sprechen führt nicht dazu, dass wir uns positiv fühlen. Und aus solchen Gefühlen entsteht nicht unbedingt positives Handeln. Schon bei den alten griechischen Philosophen war die gegenseitige Beeinflussung von Sprechen und Denken Thema. Ich habe mich intensiv mit Wilhelm von Humboldt beschäftigt, der von der Existenz sprachlicher Weltsichten ausgeht. Er untersuchte unter anderem, wie Sprache Mentalität beeinflusst.

zentralplus: Geben Sie uns ein Beispiel?

Sewing-Mestre: Inuit sollen bis zu 400 Begriffe für Schnee haben. Oder Beduinen Dutzende für den Zustand eines Kamels. Und natürlich hat das Differenzieren mithilfe von sprachlichen Möglichkeiten einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung. Auch die moderne Neurowissenschaft beweist das mit neuesten Forschungen. Sprechen beeinflusst Denken beeinflusst Handeln beeinflusst schlussendlich auch Sein. Damit schaffen Worte Realitäten.

zentralplus: Einfluss auf die Gesellschaft hat bekanntlich auch der Medien- und Film- und Fernsehkonsum. Dort fällt auf, dass die fiktiven Hauptfiguren – besonders in romantischen Komödien – stets tragische Schicksale erlebt haben. Autounfälle, bei welchen die Eltern starben, kriminelle Vergangenheiten, Mobbing. Keine Identifikationsfigur ohne tragisches Schicksal?

Sewing-Mestre: Tragische Schicksale, oder Brüche, wie ich es in der Ausbildung zur Drehbuchautorin gelernt habe, sind unerlässlich für fiktive Charaktere. Wenn immer alles glatt läuft, interessiert uns das nicht. Doch jeder Mensch hat diese Brüche in seinem Leben. Auch wer eine schöne Kindheit mit liebevollen Eltern erlebte, hat irgendwann etwas Schwieriges durchgemacht. Die Frage ist jedoch, welche Wertung man dem gibt und welches Narrativ.

«Krankheiten oder Schicksalsschläge bringen mehr Aufmerksamkeit.»

zentralplus: Man hebt schwierige Situationen im eigenen Leben als «traumatisierend» heraus, um spannender zu sein für das Gegenüber?

Sewing-Mestre: Eine mutige Behauptung – aber ich glaube: Ja. Man kann das auch beispielsweise in den sozialen Medien beobachten. Dort finden sich ausserordentlich viele strahlend schöne und erfolgreiche Menschen, die aber ein ganz schlimmes Schicksal erlebt haben. Oder das zumindest so kommunizieren. Wir können den Wahrheitsgehalt oft nicht überprüfen. Es macht die betreffende Person auf jeden Fall interessanter.

zentralplus: Der Phönix aus der Asche?

Sewing-Mestre: Genau. Das ist doch weit beeindruckender als eine Person, die nie «kämpfen musste». Krankheiten oder Schicksalsschläge bringen unter anderem auch mehr Aufmerksamkeit und geben einem eine Bedeutung, die man ohne sie vielleicht nicht hätte. Das ist der sogenannte positive Krankheitsgewinn. Depression ist heute ein leicht hingeworfener Begriff. Ich glaube, in vielen Fällen ist die Diagnose nicht medizinisch-psychologisch gesichert.

zentralplus: Weshalb gibt es diesen positiven Krankheitsgewinn?

Sewing-Mestre: Der Mensch schenkt negativen Dingen mehr Aufmerksamkeit. Das ist evolutionsbedingt und war früher überlebenswichtig. Wenn der Säbelzahntiger kam, dann musste der Fokus auf der Gefahr liegen und nicht zuerst auf dem schönen Sternenhimmel, unter dem sich die Bedrohung abspielte. Beobachtbar ist dies stark in den Medien. Es ist bekannt, dass sich Katastrophen viel besser verkaufen als schöne Nachrichten. Bei menschlichem Elend und Problemen schaut und hört man viel mehr hin. Der Mensch ist eben ein soziales Wesen. Aus diesem Grund hört man auch beim Wort «depressiv» mehr hin als beim Wort «müde» oder «traurig».

Verwendete Quellen
  • Persönliches Interview mit Petra Sewing-Mestre
  • Recherche zu psychischer Gesundheit
  • Recherche zu Soziolinguistik
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