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Gesucht: Weihnachtsstimmung im Steuerparadies
  • Gesellschaft
Die Piuskirche in der Gemeinde Meggen. (Bild: Remo Wiegand)

Gottesdienst im Test: Piuskirche Meggen Gesucht: Weihnachtsstimmung im Steuerparadies

4 min Lesezeit 01.01.2017, 12:01 Uhr

Und es geschah in jenen Tagen, dass ein Journalist und Theologe nach Meggen ging, in die Gemeinde des Pfarrers Wasmer, in einen Gottesdienst, wo das Christkind empfangen werden sollte…

Meggen ist reich. Nirgends im Kanton Luzern tummeln sich mehr Gutbetuchte als in der Gemeinde mit dem Steuerfuss eines Zwergdackels. Gut gefüllt ist in Meggen auch das Kirchenkässeli. Schon vor 50 Jahren konnte man sich hier ein Bijou von einer modernen Kirche leisten, die in der Region ihresgleichen sucht. Wirkt die Piuskirche von aussen noch schroff und trutzig wie der Geldbunker von Dagobert Duck, befällt einem im Innern eine tiefe Demut vor grosser Architektur: Das Licht schimmert durch dünne Marmorplatten (Marmortyp: «Dionysos») in die Kirche, die ansonsten keine Fenster kennt. Je nach Lichteinfall bewegen sich die Wände wie Wellen oder Windhosen. Diese Kirche lebt. Wow!

Weihwasser wirkt wie ein Kometeneinschlag

Der quadratische Raum kombiniert die Andächtigkeit einer Kirche mit jener eines Museums – eine doppelte Stille macht sich hier drinnen breit. Wer diesen Raum füllen muss, hat es nicht leicht. Mit der Aufgabe betraut ist an diesem Weihnachtssonntag-Morgen Pfarrer Hanspeter Wasmer, zusammen mit Musikern und Ministrantinnen. Letztere stehen anfänglich im Dauereinsatz: Grosszügig verströmen sie den Weihrauch in den rötlich schimmernden Kubus. Eine Mini-Gesandtschaft macht sich auf den Weg in die Kirchenbänke, wo Pfarrer Wasmer das Volk mit Weihwasser besprengt. Ein Tropfen findet den Weg ins Auge des Journalisten. Ein anderer auf seinen Notizblock. Der Aufprall aufs Papier klingt in der Stille wie ein Kometeneinschlag.

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«Nicht gerade als Hassprediger bekannt»

Ein halbes Dutzend Ministrantinnen umrahmen mit Kerzen die Lesung der Weihnachtsgeschichte. «Schön, seid ihr da», beginnt Pfarrer Wasmer die folgende Predigt. Angesichts der Terroranschläge und von Warnungen, auch Kirchen könnten ins Visier von Islamisten geraten, sei das keine Selbstverständlichkeit. Oder zeuge der Kirchgang eher von Realismus? Meggen sei wohl safe und er auch «nicht gerade als Hassprediger bekannt», so Wasmer. Der Mann wirkt gewitzt, zugleich prinzipientreu und pflichtbewusst, irgendwie wie ein Armeeoffizier der netteren Sorte.

Das Licht schimmert durch dünne Marmorplatten in die Kirche, die ansonsten keine Fenster kennt.

Das Licht schimmert durch dünne Marmorplatten in die Kirche, die ansonsten keine Fenster kennt.

(Bild: Remo Wiegand)

Wasmer nutzt die Gelegenheit, um den weihnächtlichen U-Boot-Christen (jenen, die nur an grossen Feiertagen in der Kirche auftauchen) den Kerngehalt des Christentums im Schnelldurchlauf näher zu bringen: Von der Krise im Nahen Osten im Jahr 2016 führt die Reise zur Nahost-Krise im Jahr Null, von der Verzweiflung zur Hoffnung auf den Retter, vom kärglichen Gott in der Krippe zu den Armen und Unwissenden, denen – «man vergisst es manchmal» – zuerst die Kirche geholfen habe, in Spitälern und Schulen, vor aller Aufklärung. Gott ist überall, so Wasmer, draussen in der Geschichte wie drinnen in unseren Herzen, «und das ist mehr als ein Werbespot einer Versicherung. Amen.»

Der Weihnachtsfunke fehlt

Wasmer hält eine gute Predigt. Und doch will der Weihnachtsfunke nicht recht zünden. Es fehlt dem Gottesdienst an Zauberhaftem, an Stimmungsvollem, an Gefühligem, das Weihnachten so ausmacht. Die gemeinsam gesungenen Lieder, die das Potential dafür hätten, verhallen völlig im anspruchsvollen Kirchenraum. Ein Mädchen, das wohl gegen ihren Willen in die Kirche geschleppt wurde, spielt gelangweilt mit dem Liedbuch und tänzelt ungeduldig die Sohlen ihrer rosaroten Schuhe wund. Ja, warum eigentlich nicht tanzen an diesem Jubeltag? Oder warum kein gemeinsam begangenes Ritual am zweithöchsten Fest der Christenheit? Muss das wirklich Familien-Gottesdiensten vorbehalten sein?

Der Gottesdienst
  • Ort: Piuskirche, Meggen
  • Zeit: Weihnachtssonntag, 25. Dezember, 10.45 Uhr
  • Länge: 60 Minuten
  • Team: Pfarrer Hanspeter Wasmer, 10 Ministrantinnen (darunter 2 Jungs)
  • Volk: ca. 150 Personen
  • Thema: «Schön, sind Sie trotzdem da»

Vorne steht eine herzige Krippe mit den gesichtslosen Schwarzenberger Figuren. Nach dem Gottesdienst wird sie besucht, bewundert und fotografiert. Man stelle sich vor, die Gottesdienstbesucher wären einmal während des Gottesdienstes zur Krippe gepilgert, vielleicht mit der Aufforderung, das Kind in der Krippe mit einem frei wählbaren Zeichen zu begrüssen. Eine solche symbolische, eindrückliche Klein-Prozession wird in vielen katholischen Kirchen inszeniert. Jedoch nicht am Geburtstag Jesu, sondern an seinem Todestag: An Karfreitag vor dem Kreuz.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Geteilte Freude doppelte Freude. Sie würde es nicht nur schlucken, sie ruft danach, die lebende Piuskirche von Meggen.

Kurzbewertung (1 bis 5)

Predigt:

Unterhaltsam und ernst zugleich. Etwas gar viel reingepackt.
††

Persönlichkeit (Pfarrer): 

Routinierter Profi. Wirkt mal eher professoral, dann wieder recht kollegial. Und etwas müde. Der wievielte Einsatz hintereinander war für ihn wohl der Weihnachtsgottesdienst? 
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Musik: 

Beschwingter, opernartiger Gesang aus dem Off (von der Empore), begleitet von Querflöte und Orgel. Der Raum ist ein raues Pflaster für Musik. Die Gemeindegesänge gehen völlig unter.
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Feierlichkeit: 

Weihrauch da, Weihwasser da, Kerzen da, alles da. Nur keine rechte Feierstimmung (siehe oben).
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Kirchenraum:

Halleluja! Licht vom ewgen Lichte…
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Integrationsfaktor: 

Handshake zum Friedensgruss, Handshake zur Verabschiedung – Minimum erfüllt.
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Gesamterlebnis:
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