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Gestern der Strassenstrich – morgen der Hotspot der Stadt Luzern
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Der Brünighof ist das erste von vielen Bauprojekten, die in der Gegend Kellerstrasse / Industriestrasse umgesetzt werden. (Bild: zvg )

Wie geht es weiter mit Gassenküche und Co? Gestern der Strassenstrich – morgen der Hotspot der Stadt Luzern

6 min Lesezeit 02.03.2017, 12:23 Uhr

Alles neu: Das Tribschenquartier wird aufgewertet. Auf der Seeseite bereits Tatsache, schwappt die Modernisierung jetzt über die Tribschenstrasse – der Brünighof läutet die Veränderung einer Gegend ein, die bisher von Gassenküche und Nachtschwärmern geprägt war. Müssen die Randständigen nun weichen?

Das Luzerner Tribschenquartier ist eine Gegend mit grossem Potenzial: Es ist zentral gelegen und nahe am See. Doch teilt die Tribschenstrasse die Gegend in zwei Hälften: Kommt man über die Langensandbrücke, so stehen links in der Werkhofstrasse seit ein paar Jahren Neubauten. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite herrscht ein anderes Bild: Wo einst der Strassenstrich war, stehen heute noch immer Altbauten, die Häuser sind sanierungsbedürftig.

Doch die Aufwertung überwindet nun nach und nach die Strasse. Das erste konkrete Beispiel: der Brünighof. Es ist das erste Projekt in der boomenden Gegend, welches umgesetzt wird. Der Rohbau nimmt langsam Formen an. Mit Hochglanzvisualisierungen wird die Immobilie angepriesen – für die Gewerberäume kann man sich bereits bewerben, für die Wohnungen können sich Interessierte melden. Dies ist der Anfang von grossflächigen Veränderungen rund um die Industriestrasse, wo bekanntlich ab 2019 eine Grossüberbauung mit gemeinnützigen Wohnungen entsteht (siehe Box am Ende).

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Erhöhte Polizeipräsenz in der Gegend

Noch ist es aber nicht so weit: Die Gegend ist im Gegenteil Ort, an dem Künstler und Studenten sich umtreiben – weil die Mieten in den Altbauwohnungen tief sind. Die Industriestrasse ist ein Ort alternativer Veranstaltungen und Nachtclubs, gleichzeitig sind die Gassenküche und die damit verbundene Drogenszene in der Nähe.

Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei, sagt, aus diesem Grund sei «die Polizeipräsenz in diesem Gebiet höher als an anderen Orten in der Stadt Luzern». Das bedeute aber nicht, dass auch mehr kriminelle Handlungen passieren würden. Eine Statistik über die Kriminalitätsraten in einzelnen Quartieren oder Gegenden der Stadt gebe es nicht, so Wigger.

Die Tribschenstrasse trennt die Alt- und Neubauten (noch) in der Gegend.

Die Tribschenstrasse trennt die Alt- und Neubauten (noch) in der Gegend.

(Bild: screenshot)

Die Gegend ist vor allem durch die Nähe zur Gassenküche ein Aufenthaltsort von randständigen Menschen der Stadt. Dies führe momentan aber zu keinerlei Problemen, so Maurice Illi, Sicherheitsmanager der Stadt Luzern. Der Sicherheitsmanager bestätigt, dass die Präsenz der Polizei und der SIP in der Gegend vergleichsweise hoch sei. Dafür, so Illi, sei die Gegend sicher und im Vergleich zu vor ein paar Jahren angenehmer. «Die Nachtclubbesucher haben, seit das «La Fourmi» geschlossen wurde, abgenommen. Die Gegend hat sich beruhigt», so Illi.

Der hohe Einsatz seitens der Ordnungshüter entspanne die Situation: Die Anwohner seien gegenüber den randständigen Menschen sehr tolerant. «Wir haben positive Rückmeldungen von verschiedenen Echoräumen, Anwohnern oder Gewerbetreibenden der Gegend», so Illi.

Verschwinden die bezahlbaren Wohnungen?

Der Brünighof ist jetzt der erste Neubau auf dieser Seite der Tribschenstrasse. Moderne Wohnungen inmitten von Gassenküche, Altbau-WGs und den Ausgehlokalen Uferlos und Bar 59: Sind ausgehwütige Studenten und hohe Polizeipräsenz kein Problem für ein Büro- und Gewerbegebäude? Claudio Züger, zuständig für die Vermarktung der Geschäftsflächen bei der Immobilienfirma Redinvest, sagt: «Ich sehe das nicht so: In diesem Gebiet sind schon viele Gewerbetreibende angesiedelt. Auch für neuen Wohnraum ist die Lage ideal.»

Weiter entstehen im «Brünighof» ja noch 78 Wohnungen. «Die Preise sind noch nicht fixiert. Der offizielle Vermarktungsstart der Wohnungen ist im Sommer geplant. Bis heute sind bereits mehrere Anfragen von potenziellen Mietinteressenten vorhanden», so Züger.

Das Projekt umfasst vier Gebäude und einen Innenhof. Die Caritas plant ein Gastrobetrieb.

Das Projekt umfasst vier Gebäude und einen Innenhof. Die Caritas plant einen Gastrobetrieb.

(Bild: Visualisierung: höing/voney/peba Architekten)

Damit überzeugt die Verwaltung des Brünighofs aber nicht alle. Cyrill Studer, Geschäftsleiter des Mieterverbandes Luzern, sagt: «Der Brünighof hat einen privaten Investor, welcher grundsätzlich ein Profitinteresse hat.» Er sei überzeugt, dass man an dieser Lage Mieter finde, die auch «überteuerte Mieten» zahlen.

Mieterverband ist gespalten

Dabei muss man in Bezug auf den Brünighof klarstellen: Es entstehen nicht teure Wohnungen, wo günstige verschwinden, sondern man schafft zusätzlichen Wohnraum. Und das ist in Luzern eher selten. Denn bisher wurde das Areal, auf dem der Brünighof steht, von der Transportfirma «Gmür und Co AG» genutzt.

Der Streit um das EWL-Areal

Die Zukunft des EWL-Areals ist momentan Teil politischer Diskussionen. Das Areal soll, wenn es nach den Bürgerlichen geht, als Raum für Firmen genutzt werden. Doch die «Öko-Allianz» aus SP, Grünen und GLP verlangt, dass die Stadt als alleinige Inhaberin der EWL-Aktien sich für den gemeinnützigen Wohnungsbau auf dem Areal stark macht. Der Stadtrat stellt sich hinter den Vorschlag der Linken und will prüfen, ob ein «substanzieller Anteil» nicht renditeorientierter Wohnungen auf dem EWL-Areal gebaut werden könne (zentralplus berichtete).

Studer sieht auch hier die zwei Seiten der Medaille: Auf der einen Seite sehe «wohl niemand einen Verlust, wenn neue Wohnungen in der Stadt entstehen. Auf der anderen Seite aber sind solche brachen Flächen mitten in der Stadt sehr rar». Man könne sie nur einmal vergeben, also sei es wichtig, sich vorher genau zu überlegen, was man damit macht, so Studer.

EWL-Areal ist umworben

Ob die Wohnungsmieten tatsächlich teuer werden, wird sich zeigen. Mietpreise für den Brünighof sind jedenfalls noch nicht bekannt. Aber es ist spürbar, dass die Gegend sich wandelt. Hier wird in den nächsten Jahren einiges entstehen, beispielsweise im anliegenden EWL-Areal, dessen künftige Nutzung noch nicht geklärt ist (siehe Box).

Caritas eröffnet ein Restaurant im Brünighof

Um die Gegend wird also gestritten. Dies, weil sie sehr hoch gewertet wird – auch wenn sie heute noch nicht diesen Anschein macht.  «Es handelt sich um eines der Filetstücke der Stadtentwicklung», sagte der städtische FDP-Präsident Fabian Reinhard gegenüber zentralplus zum EWL-Areal. Da kann man auch beim Brünighof fragen: Top-Standort und erschwingliche Mieten? Da müssen die Drähte heiss laufen, seit man sich für die Gewerbeflächen bewerben kann?

So sollen die Brünighof-Büros innen aussehen.

So sollen die Brünighof-Büros innen aussehen.

(Bild: zvg)

Man habe verschiedene Anfragen, die man nun prüfe, so Züger. Allzu viele scheinen es aber nicht zu sein: «Wir rechnen noch mit einem Anstieg an Interessenten im Verlauf des Jahres.» Obwohl Verhandlungen laufen, hat man erst einen definitiven Mieter: Die Caritas eröffnet ein Restaurant im Erdgeschoss. Thomas Thali, Geschäftsführer Caritas Luzern, sagt: «Ziel ist ein Gastrobetrieb im Rahmen der beruflichen Integration.» Die Planungen seien gerade angelaufen. Thali: «Die Eröffnung ist frühestens im August 2018.»

Randständige könnten verdrängt werden

Der Gegend stehen also Veränderungen bevor. Doch der Boom des Tribschenquartiers könnte letztlich für eine Bevölkerungsgruppe negative Konsequenzen haben: die randständigen Besucher der Gassenküche. Noch werden sie, wie erwähnt, toleriert.

Denn man muss die Frage stellen: Werden Bezüger von brandneuen und dadurch eher teuren Wohnungen auch so duldsam sein? «Wichtig wäre, dass Leute, welche in die Gegend ziehen, auch für die Umstände sensibilisiert würden», so Sicherheitsmanager Illi.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigen Beispiele – von eben gegenüber der Strasse. Rund elf Jahre ist der Boa-Streit her: Die Anwohner der Neubauten klagten über den Lärm – das Konzerthaus musste weichen. Die Kultur wurde mit dem neugebauten Südpol an die Peripherie der Stadt verlagert.

Ein Beispiel, wie man mit der Situation umgehen könnte, ist das Treibhaus Luzern. Dort wurde bei der neuen Emmi-Überbauung hinter dem Jugendhaus im Vertrag festgelegt: Wer hier wohnt, muss gegenüber einer gewissen Lärmemission seitens des Jugendhauses tolerant sein. Vielleicht könnte eine solche Klausel auch im neuen Brünighof einige Konflikte vorwegnehmen. Claudio Züger vom Brünighof sagt dazu: «Bei den Eigentümern des Brünighofs besteht keine Absicht, die Gassenküche aus diesem Gebiet zu vertreiben.» Über eine solche Vertragsklausel habe man sich zum heutigen Zeitpunkt noch keine Gedanken gemacht.

Industriestrasse steht Wandel bevor

Unabhängig von der Entscheidung, was mit dem EWL-Areal passiert, der gemeinnützige Wohnungsbau wird die Gegend prägen. Denn: In der Industriestrasse wird eine Bebauung für Wohnen, Arbeiten und Kultur realisiert mit insgesamt 160 bis 200 Wohnungen – allesamt nachhaltig günstig, von Non-Profit-Genossenschaften verwaltet. Geplanter Baubeginn ist 2019.

Damit reagiert die Stadt auf die Initiativen «Für bezahlbaren Wohnraum» und «Ja zu einer lebendigen Industriestrasse», beide aus dem Jahr 2012. Die Stimmberechtigten der Stadt Luzern haben der Stadt den Auftrag erteilt, bis 2037 rund 2300 gemeinnützige Wohnungen zu schaffen. Durch die Verhinderung des Verkaufs des Industriestrassen-Areals wurde klargestellt, dass der Grund an gemeinnützige Wohnbauträger im Baurecht abgegeben werden muss.

Die entstehenden Wohnungen werden jetzt von einer Kollaboration aus fünf Baugenossenschaften gebaut und verwaltet, welche nicht gewinnorientiert arbeiten (zentralplus berichtete). Die Idee ist, dass so der Mietpreis dauerhaft tief gehalten werden kann.

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