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Gespräch mit einem «Flüchtling zweiter Klasse»
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Eritreer sind in Luzern weniger willkommen als Flüchtlinge aus anderen Ländern. (Symbolbild: bra)

Eritreer in Luzern Gespräch mit einem «Flüchtling zweiter Klasse»

5 min Lesezeit 05.10.2015, 15:09 Uhr

Flüchtlinge aus Eritrea sollen nicht mehr als solche anerkannt werden, sondern nur noch als vorläufig Aufgenommene, fordert die Luzerner Regierung. Das Image der Eritreer wird zunehmends schlechter. «Manchmal spüre ich, dass ich nicht willkommen bin», sagt der 34-jährige Tafari. Er sei nicht zum Spass hier.

Er lungert herum. Warum nicht einfach mal ansprechen? Tafari sitzt auf einer Bank im Inselipark in Luzern, trinkt Cola und schaut in die Wellen des Vierwaldstättersees. Es ist 11.00 Uhr. Seine Hände sind kalt.

Den richtigen Namen will der 34-jährige Eritreer nicht bekannt geben. Er befürchtet, andere Landsleute könnten ihn verraten, wenn er in den Medien erscheint. «Es ist besser so. Ich bin vorsichtig. Es gibt viele Leute hier, die erzählen viel. Mein Bruder oder meine zwei Schwestern, die noch in Eritrea sind, könnten Probleme bekommen. Das will ich nicht.» Mit einem anonymen Interview ist er einverstanden.

 «Wir kriegen Geld vom Staat. Das regt die Leute hier auf.»

Eritreer: Nicht den besten Ruf

Die Begegnung mit Tafari wird zu einem längeren Gespräch. Noch wirkt er ein wenig verschlossen. Seine Hände klemmt er zwischen Oberschenkel und Parkbank. Hier in Luzern ist Tafari mittlerweile ein Flüchtling zweiter Klasse. Ob er das zu spüren bekommt? «Wir kriegen Geld vom Staat. Das regt die Leute hier auf», sagt er. Denn im Grund sei es so: Syrer sind eher willkommen, Eritreer nicht. Syrer seien wirklich an Leib und Leben bedroht, Eritreer nicht. So lautet die Volksmeinung. In den letzten Monaten wurde der Ruf der Eritreer immer schlechter.

«Ich wusste nicht, dass man in der Schweiz eine Ausbildung und Diplome braucht.»

Bestärkt wird dieses Bild in letzter Zeit durch die aufgeflammten politischen Diskussionen rund um eritreische Flüchtlinge. Der Brief des Luzerner Regierungsrates Guido Graf hat heftige Kontroversen ausgelöst. Auch Tafari hat das Ganze mitbekommen, sagt er. Der Regierungsrat forderte den Bundesrat öffentlich auf, Eritreer sollen nicht mehr als Flüchtlinge anerkannt werden, sondern nur noch als vorläufig Aufgenommene. 

«Das ist mein Traum» 

Für ihn sei das schwer nachvollziehbar. «Ich verstehe das nicht». Tafari hält sich zurück. «Ich bin geflüchtet, um Schutz zu suchen. Ich will hier ein neues Leben aufbauen und mich integrieren», sagt er. Das sei sein Traum.

Mit Einheimischen in Kontakt zu kommen sei schwierig. «Ich muss die Sprache lernen. Wenn ich kein Deutsch kann, finde ich keine Arbeit.» Tafari kann zwar Deutschkurse besuchen, Fortschritte macht er allerdings nur langsam. Sein Deutsch ist schlecht. Zweimal die Woche finden die Lektionen statt. Und mit Einheimischen trete er so gut wie nie in Kontakt.

«Ein paarmal wurde ich weggeschickt, obwohl ich nur herumsitze.»

Englisch könne er, weil er zu Hause als Lehrer gearbeitet habe. «Eigentlich will ich hier als Lehrer arbeiten», sagt Tafari. Er blickt nach unten. Er weiss, dass das nicht so einfach geht. 

Ob er wisse, dass Flüchtlingen aus Eritrea viel Skepsis entgegengebracht werde? «Manchmal spüre ich, dass ich nicht willkommen bin. Ich werde oft ernst angeschaut und ein paarmal wurde ich weggeschickt, obwohl ich nur herumsitze.» Am meisten merke er die Ablehnung bei der Jobsuche. 

Tafari gilt als «vorläufig aufgenommener» Flüchtling. Bei bei der Arbeitssuche ist dieser Status hinderlich. Der Zeitpunkt der möglichen Abreise oder Ausweisung ist ungewiss. «Ich wusste nicht, dass man in der Schweiz eine Ausbildung und Diplome braucht», sagt er. Zusammen mit Beratern suche er einen Job. «Ich bin einfach mal in die Restaurants gegangen und habe gefragt, ob sie mich brauchen können. Sie haben mich wieder rausgeschickt.» Seinen Lebenslauf habe er oft bei sich, damit er ihn jemandem in die Hand drücken könne.

«Sie zwingen mich wieder ins Militär.»

Flucht vor Militärdienst

In Eritrea habe Tafari volle sechs Jahre Militärdienst leisten müssen. Sechs Jahre seines Lebens. 18 Monate sollten es gemäss offizieller Erklärung der Regierung eigentlich sein. Eritrea gilt als Militärstaat mit strengem Regime. «Wenn wir uns widersetzten, wurden wir hart bestraft. Oft mussten wir als Soldaten auf den Feldern arbeiten. Wir bekamen dafür kein Geld. Deshalb bin ich geflohen.» 

«Wie lange ich hier bleiben kann, weiss ich nicht.» 

Tafaris Zurückhaltung schwindet allmählich. «Ich verstehe nicht, wie die Leute hier schlechte Meinungen haben können. Ich will nur Arbeit und Respekt. Es ist so: Wenn ich zurück nach Eritrea gehe, habe ich keine Freiheit und keine Zukunft. Sie zwingen mich wieder ins Militär», sagt er. «Ich bin da nicht frei». Er beginnt mit den Armen zu gestikulieren.

Seit drei Jahren sei er in der Schweiz. In Bruchstücken erzählt er von seiner Flucht. Mehrere Wochen fuhr er auf einem Pickup-Truck durch die Sahara, dann mit einem überfüllten Flüchtlingsboot übers Mittelmeer. Von Italien aus zusammen mit anderen Eritreern über die Grenze in die Schweiz. Hier wurde er registriert. «Ich bin nicht aus Spass hier.» Er wolle arbeiten. «Wie lange ich hier bleiben kann, weiss ich nicht.» 

 

Alles Sozialhilfebezüger?
 

Woher kommt der schlechte Ruf? Es gibt verschiedene Statistiken, die ihnen schlechte Integration, fehlende Arbeitsbereitschaft oder eine hohe Sozialhilfequote unterstellen. Tatsächlich arbeiten von allen erwerbsfähigen Eritreern im Kanton die wenigsten. Gut 50 Prozent werden entweder als Flüchtlinge anerkannt oder «vorläufig aufgenommen». Innert Jahresfrist wurde dem Kanton Luzern 448 Flüchtlinge aus Eritrea zugewiesen. 

Gemäss Ruedi Fahrni, Leiter des Asylwesens im Kanton Luzern, seien Eritreer noch zu wenig lange hier, als dass man sich ein abschliessendes Urteil bilden könnte. Dass Eritreer nicht gerne arbeiten würden, kann Fahrni nicht bestätigen.

«Die Erwerbsquoten sind bei Flüchtlingen generell schlecht. Wir haben von den Eritreern ein positives Bild: Sie sind aufgeschlossen, engagiert und sehr an unserer Kultur interessiert.» Er bezweifle die Aussagekraft von solchen Erwerbsquoten-Statistiken. 

«Vorläufig Aufgenommene erhalten in der Schweiz die selben Unterstützungsansätze wie Asylsuchende. Das fördert den Anreiz für den Einstieg in die Erwerbstätigkeit», so Fahrni. Die Familie könne übrigens erst nach drei Jahren und nur bei erfolgreicher Integration nachgezogen werden.

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