Gesellschaft
Frauen- statt Männerköpfe

Zugerinnen krempeln alte Traditionen um – und kreieren feministische Jasskarten

So sehen die neuen Jasskarten aus Zug aus – für einmal dominieren Frauen. (Bild: zvg)

Warum sind auf klassischen Jasskarten eigentlich immer noch ausschliesslich Männer zu sehen? Das fragte sich der Verein 50 Jahre Frauenstimmrecht Zug – und gab kurzerhand ein Jasskartenset mit Frauenmotiven in Auftrag. Die beiden Zugerinnen hinter der Idee erklären, weshalb dies an der Zeit ist.

Der Ober – männlich mit Stumpe. Der Under. Der König. Allesamt Männerköpfe, die uns bei einer geselligen Jassrunde von den Karten entgegenblicken. Und das ganz schön trist und versteift.

So war's und so soll's auch immer bleiben? Nöö. Findet zumindest der Verein 50 Jahre Frauenstimmrecht Zug. Stephanie Müller vom Vorstand fand, dass es an der Zeit ist, dass sich hier etwas tut: Die Männer sollen mit Frauen ausgetauscht werden. Gesagt, getan – Müller beauftragte die Zuger Illustratorin Lea Büchl, ein Jasskartenset mit Frauenmotiven zu zeichnen. Hat sich Müller selbst beim Jassen genervt, dass nur Männer prominent auf den Karten abgebildet sind? «Früher bestimmt nicht», sagt sie.

Die Welt – auch heute noch von Männern dominiert

«Aber seit ein paar Jahren, seitdem ich mich als angehende Historikerin mehr mit Frauen- und Kulturgeschichte auseinandersetze, fällt es mir einfach immer mehr auf: In unserer Gesellschaft und Kultur sind Männer noch immer präsenter.» Im Geschichtsunterricht werde mehr über Männer gesprochen, in den Medien kämen öfter Männer vor und sogar in Wikipedia seien Frauen total untervertreten.

«Da fällt es eben auch irgendwann auf, wenn nur Männer auf Jasskarten sind. Aufgeregt habe ich mich nicht, aber es hat mich zum Denken angeregt: Warum ist das so? Könnte sich diese Tradition ändern? Wie könnte das aussehen?»

Selbstbewusste Frauen, mit Schalk und Charme

Nun blicken uns Underinnen und Oberinnen entgegen, mit einem Stumpen, einem Glas Rotwein. Mit Federn und Rosen in den Haaren und grossen Kreolen an den Ohren. Und eine Rosenkönigin, die der mexikanischen Malerin Frida Kahlo ähnelt. Das ist Zufall, klärt uns Lea Büchl auf. Sie habe keine realen Frauen als Vorbilder genommen.

Auch wenn es alles weibliche Figuren mit heller Hautfarbe sind, versuchte die 31-Jährige dennoch Diversität reinzubringen: «Ich habe jüngere, ältere, dickere und dünnere Frauen gezeichnet.» Viele der Frauen auf den Karten blicken der Jasserin direkt in die Augen. Lea Büchl wollte sie mit Schalk und Charme im Ausdruck zeichnen, fröhlich und lebendig. «Und ich wollte sie als selbstbewusste Frauen darstellen.»

Die Jasskarten von Lea Büchl sind nicht die ersten, die Frauenmotive zeigen. So zeichnete die Künstlerin Elsi Jegen bereits solche. Anstelle von Königen, Obern und Undern bildete sie Königinnen, «Weiber» und Amazonen ab. 1990 entwarf auch Susan Csomor ein Spiel für «Frauezogg».

Zum Nachdenken anregen

Haben die alten Karten mit den weissen Herren denn ausgedient? Lea Büchl geht es nicht nur um die Jasskarten und ob sie tatsächlich zum Spielen benutzt werden. «Wenn ein Jassclub findet, dass er den gängigen Karten treu bleiben will, ist das auch gut – aber vielleicht werden dessen Mitglieder durch die Frauen-Karten zum Denken angeregt, vielleicht entsteht eine Diskussion. Die weiblichen Jasskarten sind schliesslich nur ein kleiner Träger für ein grosses Thema.»

Dennoch findet sie, dass Dinge auch neu überdacht und angegangen werden können – und es nie schadet, auch mal Traditionen aufzufrischen. Wenn sie auch versuchte, mit ihren Frauenkarten nahe an den bestehenden Karten zu bleiben – aber auch nur, um beim Spielen keine Verwirrung zu stiften.

«Wir wissen natürlich, dass ein reines (weisses) Frauenset auch nicht mustergültig ist in Bezug auf die Gleichstellungs- und Rassismusdebatte.»

Stephanie Müller

Historikerin Stephanie Müller ist der Ansicht: Jasskarten können als Abbild der Gesellschaft betrachtet werden: «Wenn wir Karten wollen, die unsere Gesellschaft widerspiegeln sollen, dann sollten es Karten sein mit allen möglichen Menschen und deren Lebensformen.» Aber das sei eigentlich unmöglich, da es unzählige verschiedene Menschen und verschiedene Lebensformen gebe. «Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, ein reines (weisses) Frauenset zu machen, obwohl wir natürlich wissen, dass es auch nicht mustergültig ist in Bezug auf die Gleichstellungs- und Rassismusdebatte.»

Lea Büchl sieht das ähnlich. «Aber jetzt wollen wir Frauen sichtbar machen. Wir sind es uns gewohnt, nur Männer auf den Karten zu sehen. Das ist das Normalste. Und genauso normal soll es eben werden, dass uns Frauen oder die Vielfalt anderer Menschen entgegenblicken.»

Die beiden Frauen sind sich einig. Die neuen Jasskarten sollen die Diskussion anheizen, ob es Gleichstellung auch in einem althergebrachten Kartenset braucht. «Schön wäre es natürlich, wenn es in Zukunft egal sein wird, mit welchem Jassset man spielt», sagt Stephanie Müller. Egal ob da Frauen, Männer, hellhäutige, dunkelhäutige oder Menschen mit einer Behinderung darauf abgebildet sind. 

Die Zuger Illustratorin Lea Büchl. (Bild: zvg) (Bild: )
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