Gesellschaft
Erstaunliche Funde im Zeitungsarchiv

Zuger stritten sich schon vor 150 Jahren übers Impfen

In alten Zuger Medien hat man es schwarz auf weiss: Impfen war früher schon ein Thema, das die Gemüter erhitzte. (Bild: Montage: wia)

Die Diskussion rund ums Thema Impfen sorgt regelmässig für Streit. Neu ist sie jedoch nicht. Denn über die genau gleichen Punkte stritten sich Zuger schon vor 150 Jahren. zentralplus ist ins Zeitungsarchiv eingetaucht und hat erstaunliche Parallelen gefunden.

Wann hast du das letzte Mal mit jemandem über Corona, 2G oder die Impfung gesprochen? Vermutlich ist das nicht allzu lange her (zentralplus berichtete). Das Spannende daran ist: Diese unverhofften Fronten, die sich zwischen Freunden, Familienmitgliedern und Mitarbeitern wegen der Impfung eröffnen, sind nicht neu. Der Blick in die Zuger Impfgeschichte des 19. Jahrhunderts zeigt dies eindrücklich.

Reisen wir zurück, nach Zug im Jahr 1881. Die Diskussion ums Impfen lief heiss. Der Grund: 1879 brachte der Bundesrat den Stein für die erste Fassung eines Epidemiengesetzes ins Rollen. Zug kannte damals bereits ein solches, anders als andere Schweizer Kantone. Das föderalistische Chaos sollte nun durch ein einheitliches, nationales Gesetz ersetzt werden. Die Krux: In diesem enthalten war ein Passus, der einen Zwang zur Pockenimpfung enthielt, weshalb denn auch bald das Referendum ergriffen wurde. Im 1882 folgte eine Abstimmung, welche der damalige Bundesrat so schnell nicht vergessen haben dürfte.

Thema Kinderimpfungen verursachte auch damals grosse Emotionen

Doch dazu später. Zunächst widmen wir uns einem besonders emotionalen Thema. Nach heutigen Erkenntnissen geht man davon aus, dass jedes zehnte Kind damals an den Pocken verstarb. Nichtsdestotrotz fürchteten viele Eltern um die Sicherheit ihrer Schützlinge und liessen diese nicht impfen.

«Wir dürfen mit Sicherheit behaupten, dass unter hundert Kindern kaum eines von der Impfung irgendwelchen Schaden erleidet.»

«Neue Zuger Zeitung» 1881

In der «Neuen Zuger Zeitung» vom Juli 1881 hiess es: «Seit Jahren wurde in den Zeitungen darüber Streit geführt, ob das Impfen der Kinder nützlich oder schädlich sei. Man machte viel Lärm davon, dass durch das Impfen allerhand Säftekrankheiten, wie Scrophelsucht und noch Schlimmeres und Zweideutigeres von einem Kinde auf viele andere überpflanzt werden.» Dies könne zwar vorkommen, so der Journalist, jedoch gehöre es zur grossen Seltenheit. «Wir dürfen mit Sicherheit behaupten, dass unter hundert Kindern kaum eines von der Impfung irgendwelchen Schaden erleidet.»

Der Journalist schreibt weiter: «In Folge des langen Zeitungskrieges ist nun aber beim Publikum der alte, kindliche Glaube an den Nutzen und die Schutzkraft der Impfung erschüttert worden, so daß nicht bloss arme Leute aus Gründen der Sparsamkeit, sondern auch Wohlhabende die Impfung vernachläßigten. Es könnte aber eine Zeit kommen, wo sie dies bitter bereuen würden.»

Die Impfärzte hatten es schwer

Ein wissenschaftlicher Bericht des Historikers Mathias Steinmann über das Verhältnis zwischen Ärzten und Bevölkerung vor dem Hintergrund der Pockenschutzimpfung im Kanton Luzern bestätigt diese Tendenz. Eindrücklich schildert er den Alltag von sogenannten Impfärzten, welche oft weit aus Land hinaus mussten. Es habe sich um eine verdriessliche Angelegenheit gehandelt, welche die Ärzte oft nur widerwillig ausgeübt hätten. Warum?

Ein Luzerner Impfarzt beschrieb 1824 das Impfen als äusserst aufwendig: «Der Impfarzt opfert einen ganzen Tag Zeit, begibt sich auf dem Lande in eine Entfernung von einigen Stunden und zwar nach gesetzlicher Vorschrift zweymal, nämlich zur Impfung und zur Besichtigung.»

Nicht selten musste ein Arzt eine Reise von acht Kilometern zu Fuss auf sich nehmen. Doch nicht immer erschienen überhaupt impfwillige Kinder. Wenn er dann unverrichteter Dinge den Heimweg antreten musste, dürfte das ziemlich frustrierend gewesen sein.

Nebenwirkungen? Ausschläge und «bedenkliche Kränklichkeit»

Häufig war der Pocken-Impfstoff qualitativ minderwertig oder zu alt, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen. In Arztberichten von damals liest man von Nebenwirkungen wie geschwollenen Achsel-Lymphdrüsen, Hautausschlägen und «häufiger und bedenklicher Kränklichkeit der Kinder», wie es ein damaliger Luzerner Arzt vermerkte.

Dies wiederum dürfte bei der Bevölkerung kein Vertrauen in die Impfung ausgelöst haben. Tatsächlich spricht man von einer grossen Renitenz betreffend Impfungen im 19. Jahrhundert.

Der Historiker Mathias Steinmann beschreibt die damalige Lage wie folgt: «Man kann von einem grossen sozialen und kulturellen Graben zwischen der Ärzteschaft und der Landbevölkerung ausgehen, der die Verständigung stark erschwerte. Auf der einen Seite der akademisch gebildete, fortschrittsorientierte Arzt und auf der anderen Seite die einfache, traditionalistische Landbevölkerung.» Diese Gegenüberstellung sei zwar stark vereinfacht, doch würden die Arztberichte von damals auf eine Spannung zwischen den sozialen Gruppen hinweisen.

Oft wurden Impfgegner in Zeitungsartikeln verunglimpft

Von diesen Spannungen zeugen diverse Zeitungsartikel von damals, insbesondere vor der Abstimmung zum Epidemiengesetz, über das im Juli 1882 abgestimmt wurde.

In der «Neuen Zuger Zeitung» äusserte sich einen Tag vor der Abstimmung ein klarer Befürworter der Vorlage mit deutlichen Worten: «Also ist keine zentralistische Gefahr da! Aber man schlägt großen Lärm: ‹Die persönliche Freiheit ist bedroht.› ‹Man will uns vergiften!› - ‹Wer sich nicht vergiften lassen will, wird bis auf 2000 Franken gestraft und bekommt Gefängnis.› So lauten die Übertreibungen der Gegner.»

«Viele Menschen gehen beim Thema Impfen davon aus, dass es sich um eine Sache einer einzigen Rationalität handle.»

Eberhard Wolff, Medizinhistoriker

Die Debatte kommt dir vermutlich bekannt vor. Tatsächlich haben sich die Argumente, die Ängste, und die Tonalität in den letzten rund 150 Jahren kaum verändert. Warum denn nicht, fragen wir Eberhard Wolff, Kulturwissenschaftler und Medizinhistoriker an den Universitäten Zürich und Basel. «Sie gehen mit Ihrer Frage implizit davon aus, dass eine Entwicklung stattgefunden haben müsse. Nur, in welche Richtung?», fragt dieser prompt zurück.

Die Impfdebatte wird meist stark vereinfacht – zu Unrecht

«Vielleicht muss man beim Thema Impfen ganz an der Wurzel ansetzen. Viele Menschen gehen beim Thema Impfen von einem einfachen Modell aus, und glauben, dass es sich um eine Sache einer einzigen Rationalität handle.» Das sei es jedoch überhaupt nicht. «Das Thema ist ein sehr komplexes. Es geht um kulturelle Welten, um Wissenschaft und Fortschritt, die Idee einer Wahrheit.»

Schon Jahrzehnte vor der tatsächlichen Ausrottung der Pocken wurde gross verkündet, dass es die Krankheit nicht mehr gäbe. «Sich einzugestehen, dass die Ärzte keine abschliessende Antwort auf das Problem (die Pocken) gefunden hatten und keine absoluten Helden waren, war schwierig», erzählt Wolff, und führt aus: «Stattdessen suchte man einen Schuldigen, kritisierte also beispielsweise die Qualität des Impfstoffs.»

Anfang des 19. Jahrhunderts prahlten Ärzte bereits damit, dass die Pocken ausgerottet seien. Das stimmte natürlich nicht. (Bild: zvg)

Bei der Diskussion, wie sie vor 200 Jahren in Zug und Luzern passierte, sieht Wolff Parallelen zu heute: «Der Diskurs über Impfungen findet meist stark emotionalisiert statt. Und zwar auf allen Seiten. Es gibt nur wenige, die ruhig und neutral darüber diskutieren. Es geht um Glauben, um starke Gefühle, aber auch Strategie und Politik. Im Umgang damit gibt es nicht nur einen Weg», ist sich Wolff sicher.

«Unsere zugerischen Ärzte sind ausgesprochene Impffreunde. Diese Fachleute werden das Herz wohl auf demselben Flecke haben und in der Menschenliebe nicht niedriger stehen als die Impfgegner.»

«Neue Zuger Zeitung», Juli 1882

Er mahnt zudem: «Ausserdem sind die grundsätzliche Diskussion übers Impfen und die über den Impfzwang zwei völlig unterschiedliche. Das Eine hat wenig mit dem Anderen zu tun. Ich kann mich wohl impfen lassen wollen, aber dennoch gegen eine grundsätzliche Pflicht sein.»

Ein dicker Denkzettel für den Bundesrat

Apropos Impfpflicht: Was passierte eigentlich bei der Abstimmung zum Epidemiengesetz 1882? Einen Tag zuvor las man in der «Neuen Zuger Zeitung» noch folgende Zeilen: «Die Impfgegner beweisen an der Hand von Zahlen, dass das Impfen unnütz sei. Sämtliche Universitäten und sämtliche bedeutende Ärzte der Erde haben statistisch den unendlichen Segen des Impfens dargetan.»

Und weiter: «Unsere zugerischen Ärzte sind ausgesprochene Impffreunde und empfehlen das Epidemiengesetz dem Volke zur Annahme. Diese Fachleute und unsere Vertreter in den eidgenössischen Ständen werden das Herz wohl auf demselben Flecke haben und in der Menschenliebe nicht niedriger stehen als die Impfgegner.»

Das ganze Weibeln für ein Ja an der Urne nützte alles nichts. Fast 79 Prozent der Stimmberechtigten sprachen sich gegen das Gesetz aus. Ein zünftiger Denkzettel an die Landesregierung und das Bundesparlament. Ein zweiter Vorschlag eines Epidemiegesetzes kam vier Jahre später durch. Von einem Impfzwang war dort keine Rede mehr.

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.