Gesellschaft
Wenn Biker dem Auerhahn in die Quere kommen

Zuger Förster alarmiert: «Der Wald ist keine reine Freizeitarena»

Im Wald vergnügen sich längst nicht mehr nur ein paar Spaziergänger. (Symbolbild: zvg) (Bild: )

Wegen der Coronapandemie verbringen viele Leute mehr Zeit in der Natur. Das führt zu Konflikten, von denen mehrere im Revier des Oberägerer Försters Karl Henggeler ausgetragen werden. Dieser macht sich auf mehr Ärger gefasst.

Vor wenigen Tagen kündete der Kanton Zug an, die Waldaufsicht zu verstärken (zentralplus berichtete). Dies, weil seit dem Ausbruch der Corona-Krise mehr Wanderer, Biker, Brätler und Wildcampierer in Gebieten unterwegs sind, die scheuen Wildtieren als Lebensraum dienen. Das Zuger Amt für Wild und Wald hat sogar «Dichtestress» in freier Natur festgestellt.

Verbunden mit der Ankündigung erging die Bitte an alle Waldbesucher, die markierten Wege nicht zu verlassen. Doch wie soll man so Beeren oder Pilze sammeln?

«Im Schweizer Wald besteht eine Betretungserlaubnis und das möchten wir – wenn immer möglich – auch im Kanton Zug so aufrechterhalten», sagt Amtsleiter Martin Ziegler. Eben deshalb brauche es grössere Rücksichtnahme von allen Waldbesuchern. «Wenn es nötig ist, kann man aber auch Verbote aussprechen», sagt er.

Am Höhronen ist nicht mehr alles erlaubt

Ziegler verweist auf den Sihlwald, den bei Stadtzürchern beliebten Wildnispark, in dem ein Weggebot besteht. Aber auch im Kanton Zug gibt es bereits ein Gebiet, wo einige Einschränkungen existieren und man nicht mehr ohne weiteres durchs Gebüsch streifen kann: im Gutschwald, am südlichen Abhang des Höhronen.

Gebotsschild am Wanderwegweiser. (Bild mam) (Bild: mam)

Dort hat die Besitzerin, die Korporation Oberägeri, jahrelang darauf hingearbeitet, dass sich der seltene Auerhahn wieder wohl fühlen kann, der sich vor zehn Jahren dort angesiedelt hat (zentralplus berichtete).

Hotspot für Mountain-Biker

Neben Renaturierungsarbeiten hatte man damit zu kämpfen, dass das Gebiet «ein Hotspot für Mountainbiker» war, wie es Revierförster Karl Henggeler ausdrückt. Downhiller liebten es, vom Höhronen den steilen Abhang zum Gutsch herunterzufahren.

«Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist vieles ausser Rand und Band geraten.»

Karl Henggeler, Revierförster

Diese Abfahrt hat man geschlossen, den Bikern aber eine Alternative angeboten – auf dem Wanderweg, der auf dem Grat vom Höhronen nach Osten zum Dreiländerstein führt. Ungünstigerweise halten sich die Auerhähne gern in Kretennähe auf, hat Karl Henggeler beobachtet. «Vielleicht, weil sie dort nicht weit fliegen müssen, um von der Morgen- an die Abendsonne zu gelangen.»

Auerhahn reagierte aggressiv

Einer der Hähne, die zur Balzzeit stolz ihr Revier markieren, hatte im April dann in der Nähe dieses Höhenwegs Stellung bezogen – und geriet dabei mit den Bikern in den Clinch, die den Weg entlangpreschten. «Dieses Tier hatte seine Scheu abgelegt», sagt Henggeler, der fürchtete, dass das Tier die Biker angreifen könnte oder aber von ihnen überfahren würde. Bauliche Massnahmen auf dem Weg sollen nun zu niedrigeren Tempi führen.

Doch die Biker sind nicht die einzigen, die dem Förster Bauchweh machen. «Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist vieles ausser Rand und Band geraten», sagt Henggeler. Er arbeite seit 40 Jahren im Forst. «Aber jetzt sehe ich Sachen, die es vorher nie gegeben hat.»

Waldaufsicht wartet auf Warnwesten

Die Angestellten der Korporation Oberägeri sind bisher noch nicht im kantonalen Auftrag Streife gegangen – auch weil die gelben Westen, die sie für die Waldaufsicht tragen, erst noch geliefert werden müssen.

Im Gutschwald leben etwa 10 Auerhähne und -hennen. (Bild: mam)

Aber Henggeler sagt, er sei bereits im Frühling als Förster mehrmals am Höhronen unterwegs gewesen und habe Passanten angesprochen. «Einmal sah ich jemanden, der in der Hängematte unmittelbar neben dem Balzplatz des Auerhahns geschlafen hat.»

Suche nach einsamen Plätzen

Das Wildcampieren habe extrem zugenommen. Daher gibt es nun in der Nähe des Naturschutzgebietes Gutschwald nicht nur ein Weggebot, sondern auch neue Standverbote für Campingmobile.

Die Corona-Krise hat nach den Beobachtungen des Oberägerer Försters dazu geführt, dass die Leute populäre Spazierwege etwa am Raten oder Gottschalkenberg eher meiden, und sich einsamere Wege suchen, wo sie keinem möglichen Virenträger begegnen.

Städter entdecken die Natur

Er rechne damit, dass sich dieses Verhalten auch nach dem Verschwinden des Corona-Virus erhalten werde. «Da kommt noch etwas auf uns zu», sagt Henggeler. Zumal vermehrt auch Leute in der Natur auftauchen würden, die vom Landleben wenig Ahnung haben – hohes Gras niedertrampeln oder auf Heuhaufen picknicken. «Ich habe das Gefühl, dass im Moment einfach alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ausprobiert wird.»

Was die Mountain-Biker betrifft, so habe deren Zahl seit 20 Jahren stetig  zugenommen, sagt Martin Ziegler vom Amt für Wald und Wild. Nutzungskonflikte mit den Wanderern habe man damit zu lösen versucht, dass man spezielle Bike-Trails angelegt habe, wie etwa am Zugerberg.

Grösserer Radius, steileres Gefälle

Dass sich die Problematik verschärft hat, liegt auch am Run auf die Mountain-E-Bikes (zentralplus berichtete). «Mit einem Elektromotor erweitert sich der Radius der Biker», sagt Karl Henggeler. Sie schafften so nicht mehr nur 10 oder 12 Kilometer am Berg, sondern vielleicht 30 Kilometer und gelangten so leichter in abgelegene Gebiete.

Doch der technische Fortschritt hat auch andere Auswirkungen. Hochgerüstete Downhill-Bikes schaffen Abfahrten, die sogar zu steil für Wanderer sind, sagt Henggeler.

Mit Stämmen den Wanderweg verlegt

Diese Downhill-Bikes sind auch an einem andern Nutzungskonflikt beteiligt, der jüngst eskaliert ist. Und zwar im Sod, einem von Feuchtwiesen durchsetzten Wald südlich des Ägerisees.

«Vor 40 oder 50 Jahren gab es mehr Wege durch den Wald, aber sie wurden deutlich weniger benutzt.»

Martin Ziegler, Kantonsförster

Downhiller hatten hier auf der Abfahrt vom Chaiserstock zur Naas einen neuen, direkten und steilen Weg angelegt. Da viele Biker in der Gegend unterwegs waren, aber nur wenige Wanderer, hatte sich der Kanton und die Korporationen von Ober- und Unterägeri darauf verständigt, ein Stück des Wanderwegs im Gebiet auf die Bikerstrecke zu verlegen. Erst provisorisch, aber dieses Jahr nun definitiv. Was man damit zeigte, dass viele Baumstämme über den Weg gelegt wurde.

Regierung soll Auskunft geben

Dies wiederum hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Leserbriefschreiber beklagen in der «Zuger Zeitung», dass ein schöner, intakter Weg willkürlich unpassierbar gemacht werde. Der Verein Zuger Wanderwege macht sich dafür stark, dass das Wander- und Bikeaufkommen entflochten wird – und zwar, weil der Bikerweg schnell ausgefahren ist und daher öfter instandgesetzt werden muss. Und der SVP-Kantonsrat Karl Nussbaumer verlangt in einer Interpellation von der Zuger Regierung Auskunft zu den Vorgängen, zumal der geschlossene Streckenabschnitt immer noch als Wanderweg im Richtplan steht. 

«Ich verstehe, dass eine Entflechtung der Wege für Wanderer und Biker im Vordergrund steht», sagt Karl Henggeler dazu. Aber für ihn als Förster seien auch andere Aspekte wichtig. «Der Wald ist keine reine Freizeitarena.» Er diene auch als Rückzugsgebiet fürs Wild und auch die Bäume sollten ungehindert wachsen können.

Weniger Forstwege, aber mehr Besucher

«Vor 40 oder 50 Jahren gab es mehr Wege durch den Wald als heute», sagt Kantonsförster Martin Ziegler. «Aber sie wurden deutlich weniger benutzt – vor allem für den Holzschlag.» Diese alten Schneisen würden nun vermehrt von anderen Waldbesuchern wie Abenteurern oder Bikern aufgesucht, die dort ihre neue Wege und Pfade anlegen.

Dies sei insofern bedenklich, sagt Ziegler, «als laut Richtplan mittlerweile ein Viertel des Zuger Walds unter Waldnaturschutz steht». Weitere Teile des Forsts haben eine Schutzfunktion vor Lawinen oder Steinschlag, und ein Teil des Waldes wird forstwirtschaftlich nur eingeschränkt genutzt, obwohl er nicht ausdrücklich unter Naturschutz steht.

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