Gesellschaft
Zu Besuch in einem aussergewöhnlichen Dorf

Jugenddorf Knutwil: Wo Problemjungs die Kurve kratzen

Kathrin Burkhardt ist die Gesamtleiterin des Jugenddorfs Knutwil. (Bild: ida)

Im Jugenddorf Knutwil kriegen junge Männer, die von ihrem Weg abgekommen sind, eine zweite Chance. Wir haben Kathrin Burkhardt, die Gesamtleiterin des Jugenddorfs, getroffen.

Wir fahren vorbei an grossen Apfelbäumen und weiten Maisfeldern. Kühe kauen genussvoll ihr Gras. «Schön hier. Und schön ruhig», sage ich zu Kathrin Burkhardt, die mich mit ihrem Auto vom Bahnhof Sursee abgeholt hat. Mit einem Schmunzeln erwidert sie: «Das finden wir Erwachsenen. Die Jugendlichen sind da eher anderer Meinung.»

Die finden es wohl eher «weitab vom Schuss». Nach etwa zehn Minuten erreichen wir das Dorf der besonderen Art: das Jugenddorf Knutwil. Dieses bietet Platz für 49 junge Männer im Alter von 14 bis 25 Jahren. «Freiwillig ist hier eigentlich kein Jugendlicher», erzählt Burkhardt. Sie arbeitet seit 23 Jahren im Jugenddorf. Begonnen hat sie als Praktikantin und heute ist sie als Gesamtleiterin des Jugenddorfs tätig.

Die jungen Männer haben eine schwere Vergangenheit hinter sich

Die jungen Männer, die hier sind, wurden zivil- und strafrechtlich platziert. Sie sind stark verhaltensauffällig. Viele von ihnen sind Schulverweigerer oder haben in irgendeiner Weise gegen Regeln oder Gesetze verstossen. Waren etwa in Raubüberfälle involviert. Andere haben Auffälligkeiten wie ADHS, das Asperger-Syndrom oder haben mit Sucht- und Gewaltproblemen zu kämpfen.

«Wir setzen uns nicht nur mit den Jugendlichen auseinander, sondern auch mit dem Familiensystem, in dem sie aufgewachsen sind.»

Kathrin Burkhardt

So verschieden ihre Geschichte auch sein mögen, eines haben sie gemeinsam: Eltern, Lehrer und andere Fachpersonen waren überfordert. Sie wussten nicht mehr weiter. «Oder sie hatten nicht die nötigen Ressourcen, um ihren Kindern die nötigen Grenzen aufzuzeigen und sie entsprechend zu begleiten», präzisiert Burkhardt.

Dass nur Jungs hier sind, ist historisch gewachsen. Vor fast 100 Jahren – im Jahr 1926 nämlich – hat der Georgsverein die Badliegenschaft «Chachelibad» erworben. Am 26. September desselben Jahres eröffnete der Verein das Erziehungsheim Bad Knutwil. In den Statuten wurde festgelegt: Das Heim richtet sich explizit an junge Männer.

Wenn jemand auf die Kurve geht

Wir setzen uns ins Büro von Kathrin Burkhardt. An den Wänden hängen Bilder – eines sticht besonders hervor. Unzählige, schwarze, wirre Linien sind darauf. Unzählige Male wurde das dasselbe, undefinierbare Element darauf gezeichnet – mal dick, mal dünn, kleiner und grösser. Dazwischen sind mehrere Gesichter, die unheimlich dreinblicken.

Gezeichnet hat es ein junger Mann, der im Jugenddorf platziert war, erzählt Burkhardt. Der Jugendliche litt unter einer Psychose. Übers Malen habe man es geschafft, einen Zugang zu ihm zu finden.

(Bild: ida)

Von ihrem Büro aus hat sie den Überblick über die Geschehnisse im Jugenddorf. Wenn etwa jemand «auf Kurve geht», wie sie hier sagen. Wenn also jemand versucht, das Weite zu suchen.

Die Eltern müssen mitarbeiten

«Hier im Jugenddorf werden die verhaltensauffälligen jungen Männer vorübergehend aus dem Familiensystem herausgenommen und in ein professionelles Setting gesetzt», sagt Burkhardt bei einer Tasse Kaffee. «Dabei setzen wir uns nicht nur mit den Jugendlichen auseinander, sondern auch mit dem Familiensystem, in dem sie aufgewachsen sind.»

Burkhardt und das Team blicken also auch bei den Eltern genau hin. «Um sie zu befähigen, dass sie den Kindern wieder den Takt vorgeben können.»

Im Jugenddorf arbeiten sie deswegen eng mit den Eltern oder mit den wichtigen Bezugspersonen der Jugendlichen zusammen. Das ist wichtig, wie die Gesamtleiterin sagt. «Schliesslich sind sie es, die ihre Kinder am besten kennen.» Man versetze sich auch in ihre Lage. Denn: «Für sie ist es nicht einfach, ihre Söhne hier abzugeben. Viele von ihnen haben das Gefühl, versagt zu haben.»

Regelmässig muss eine Urinprobe abgegeben werden

Der Alltag im Jugenddorf Knutwil ist streng getaktet. Das soll den jungen Männer Struktur und Halt geben. Es beginnt mit dem Start am Frühstückstisch, es wird definiert, wer welche Aufgaben in den Wohngruppen übernimmt oder wann Nachtruhe gilt.

Die Regeln sind klar. So hängen Verhaltensregeln und Grundsätze in jedem Gebäude, gar in jedem einzelnen Stock. Beispielsweise wird der Konsum von Alkohol und Drogen nicht geduldet. Die jungen Männer müssen deswegen regelmässig zur Urinprobe antraben. «Verstösst jemand gegen eine Regel, hat dies Konsequenzen. Dann ziehen wir quasi die rote Karte wie bei einem Verstoss im Fussball, der Jugendliche kommt in eine sogenannte Stopphase. Er verliert für 24 Stunden jegliche Privilegien. In dieser Zeit setzt er sich mit seiner Situation, die zum Stopp führte, auseinander», erklärt Burkhardt.

In solchen Fällen müssen die Jugendlichen ihr Handy abgegeben, ihre Fernseh- und PC-Zeit werden gestrichen. Als Konsequenz kann übrigens auch ein Timeout auf dem Bauernhof ausgesprochen werden. In Gesprächsrunden wird das Geschehene miteinander reflektiert und aufgearbeitet.

Lieber die Kuh als den Dealer vor der Tür

Der Kaffee ist ausgetrunken. Burkhardt führt mich durch das Jugenddorf. Als Erstes erhaschen wir einen Blick in die Wohngruppen auf dem Areal. Die Zimmer sind leer – schliesslich sind die jungen Männer an diesem Freitagvormittag in der Schule oder auf der Arbeit. Auch hier sind die Verhaltensregeln präsent – eingerahmt in massive Holzrahmen an der Wand.

Diese zehn Regeln hängen in allen Gebäuden und in jedem Stock des Jugenddorf Knutwil. (Bild: ida)

Wir blicken in das verdutze Gesicht einer Kuh, die nur wenige Meter neben der Wohngruppe weidet, als wir das Gebäude wieder verlassen. Ob das abgelegene Knutwil den jungen Männern nicht auch gelegen komme, frage ich Burkhardt: Um eben herunterzukommen. Um sich eben wieder auf das Wesentliche zu fokussieren.

Burkhardt lacht. «Für Jugendliche mit Suchtproblemen ist es sicher einfacher, wenn sie hier im Freien sind und eine Kuh sehen. Einfacher, als wenn das Jugenddorf in der Stadt platziert wäre und sie den nächsten Dealer sehen.» Es sei aber wichtig, die Jugendlichen nicht vom Rest abzukapseln.

Als Nächstes kommen wir zur Beobachtungsstation. Hier sind vor allem Jugendliche, bei denen auch den zuweisenden Stellen im Vorfeld unklar waren, wo die Probleme liegen. Bei ihnen weiss man also noch nicht genau, was sie wirklich benötigen, um eine gute Entwicklung zu machen.

Hier werden die jungen Männer bezüglich ihrer kognitiven, emotionalen und körperlichen Entwicklung abgeklärt. Ebenso wird ein psychologisches Gutachten erstellt. Gemeinsam wird dann eine Empfehlung entwickelt, welche Hilfsmassnahmen eingeleitet werden sollten.

Schulverweigerer brauchen vor allem eines: den Aufbau des Selbstwertgefühls

Wir laufen zum nächsten Gebäude, wo die jungen Männer zur Schule gehen. Denn hier im Jugenddorf erhalten Jugendliche die Chance, trotz Ausschluss an anderen Schulen einen offiziellen Schulabschluss zu erhalten. Die Schulklassen der Sonderschule sind klein – maximal sind es sechs Schüler.

«Das Wichtigste ist es, den jungen Männern das Gefühl zu geben, dass sie etwas leisten können.»

Arlette Fischer, Bereichsleiterin Schule

Burkhardt klopft an eine Tür, Arlette Fischer öffnet sie. Wie schafft die Bereichsleiterin Schule es, die einstigen Schulverweigerer zu motivieren? Fischer lacht. Die Arbeit bereitet ihr Freude, das sieht man ihr an. Auch wenn es bestimmt kein einfacher Job ist. «Das Wichtigste ist, den jungen Männern das Gefühl zu geben, dass sie etwas leisten können. Ihr Selbstbewusstsein aufzubauen», sagt sie.

Im Klassenzimmer hinter uns wird es laut, wir hören einen Knall. Fischer reisst die Tür auf. «Ruhe jetzt!» Doch kaum hat sie die Tür geschlossen, scheinen die Jungs im Zimmer die Auszeit gleich auszunutzen. Fischer öffnet abermals die Tür. «Jetzt übernimm mal Verantwortung!»

Den jungen Männern dabei helfen, ihren eigenen Wert zu erkennen – dies setze auch voraus, sie so wie andere zu behandeln, sagt Fischer, bevor sie wieder zurück ins Klassenzimmer geht.

Psychiatrische Nachversorgung

Als Nächstes ragt die geschichtsträchtige ehemalige Villa Troller vor uns. Hier hat das Jugenddorf Knutwil vor einem Jahr ein neues, sozialtherapeutisches Angebot namens «stabil» eröffnet. Damit wird eine Angebotslücke geschlossen. Männliche Jugendliche werden hier nach einer stationären psychiatrischen Behandlung nachversorgt. Um eben sicherzustellen, dass sie stabilisiert sind.

Einige Meter von der Villa Troller entfernt liegt die Trainings- und Orientierungswerkstatt. Ein paar Jungs sitzen davor, vor sich stehen ein paar Holzstühle, die sie eben geschliffen und geölt haben, wie sie uns erzählen.

Im Inneren treffen wir auf den Leiter Urs Wiederkehr. «Hier führen wir die Jungs schrittweise an den Arbeitsalltag heran. Sie lernen beispielsweise, pünktlich zu sein oder mit Ausdauer den Job zu erledigen. Aber auch, mit Misserfolgen umzugehen», erzählt er. Doch auch hier ist das Wichtigste: Dass die Jungs realisieren, dass sie etwas leisten können. Dass sie an Erfolgserlebnissen wachsen.

Urs Wiederkehr ist der Leiter der Trainings- und Orientierungswerkstatt. (Bild: ida)

Einblicke kriegen sie in verschiedene Berufe wie in den des Schreiners, Metallbauers oder des Kaufmanns. In den dorfeigenen Betrieben können die jungen Männer auch eine offizielle Lehre abschliessen.

An die jungen Männer glauben – auch wenn die Zeiten turbulent waren

In den 23 Jahren hat Burkhardt viele schöne Erinnerungen gesammelt. Ob ihr eine davon speziell in Erinnerung geblieben ist? «Ja, besonders ist er mir in Erinnerung geblieben», sagt sie. Nach ihrem Abschluss des Studiums in Sozialpädagogik übernahm sie die Nachbetreuung eines Jugendlichen, der in einer externen Wohnung lebte.

«Er hatte immer wieder mit seinen Krisen zu kämpfen, war ständig unpünktlich», erzählt Burkhardt. «Eigentlich sah er seine Probleme selber ein, er kriegte es aber nicht auf die Reihe, diese anzupacken.» Sie gab ihm damals eine zweiwöchige Frist: Entweder ist er künftig pünktlich – oder er kommt zurück ins Jugenddorf, um daran zu arbeiten.

«Es ist unglaublich wichtig, an die jungen Menschen zu glauben, dass sie es schaffen.»

Kathrin Burkhardt

Er schaffte es nicht alleine. Burkhardt setzte sich durch. Der junge Mann kehrte ins Jugenddorf zurück, sei selbst unglaublich enttäuscht über sich gewesen.

Im Jugenddorf kriegte er schliesslich die Kurve, schloss die Lehre als Metallbauer ab. Auch nach seinem Austritt blieb Burkhardt mit ihm in Kontakt. Schliesslich erzählte er ihr, dass er noch die Ausbildung zum Sozialpädagogen machen möchte. Und sie sich doch bei ihm melden solle, wenn bei ihnen eine Stelle frei wird. Das wurde sie. «Seit letztem Jahr ist er nun ein Mitarbeiter von uns.»

Genau darum dreht sich im Jugenddorf Knutwil alles. «Es ist unglaublich wichtig, an die jungen Menschen zu glauben, dass sie es schaffen.»

Hinweis: Wer selbst einen Einblick ins Jugenddorf Knutwil haben möchte, der kann dies am 24. September am Tag der offenen Tür tun, von 10 bis 16 Uhr.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Kathrin Burkhardt
  • Augenschein vor Ort und Gespräche vor Ort mit Arlette Fischer und Urs Wiederkehr
  • Website des Jugenddorfs Knutwil
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