Gesellschaft
«Inclusion-Washing» im öffentlichen Raum

«Wir sind barrierefrei» – zumindest auf dem Papier

«Was, da steht doch eine Rampe!» Angedacht ist die Barrierfreiheit öfters – an der Umsetzung jedoch hapert es noch gewaltig. (Bild: Erin Doering – unsplash)

Inklusion ist im Trend. Institutionen und öffentliche Angebote möchten ein diverses Publikum ansprechen und auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen Rücksicht nehmen. Doch sehr oft bleibt es bei guten Vorsätzen und es fehlt an Augenhöhe und Umsetzung.

Lebt man mit einer Behinderung, ist der Alltag in der Schweiz mit einem massiven Planungsaufwand verbunden. «Mein Leben besteht zu grossen Teilen aus Planen und Organisieren», sagt Jacqueline Egger – sie ist seit dem Jahr 2005 blind.

Mit einer Freundin hat sie dieses Jahr das Literaturfest Luzern besucht, das sich die sukzessive Verbesserung der Barrierefreiheit auf die Fahne schreibt, genau so, wie immer mehr öffentliche Institutionen und Veranstaltungen. Leider fand Egger dort weder Hörbücher noch etwas in Brailleschrift.

Auch die Orientierung sei sehr schwierig gewesen, da in der Mitte des Veranstaltungsorts die Lesungen stattfanden und darum herum ein Markt mit vielen Geräuschen und Gesprächen war. «Es war äusserst anstrengend, da man so viel aktiv ausblenden musste, um sich zu fokussieren.» Das braucht viel Kraft.

Das Literaturfest wirbt damit, dass es auf Formate setze, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen abholen. Doch am Ende reicht es eben nicht, bloss eine Gebärdenübersetzung für die Eröffnung zu organisieren.

Das ist dem Team jedoch bewusst geworden. «Was uns beim Festival sehr klar wurde, ist, dass wir künftig unbedingt mit Personen zusammenarbeiten müssen, die selbst auch betroffen sind und uns somit unterstützen können darin, die Bedürfnisse zu erkennen und abzuholen», sagt Robyn Muffler vom Literaturfest Luzern.  

Barrieren auf allen Ebenen

Inklusion ist im Trend. Nicht nur in der Kultur. Unsere Gesellschaft will inklusiv sein, niemanden ausschliessen. Und doch geschieht es noch immer an so vielen Orten, die sich «barrierefrei» nennen: Man hat zwar eine Rampe, aber die ist zu schmal oder zu steil, es hat Leitlinien, doch an diesen wurde mit Farbe gespart – sie sind nicht spürbar. Man hat einen Audioguide, aber ohne Deskription, einen defekten Lift und die Gebärdenübersetzung beschränkt sich auf die Bundesratsrede.

Ins Theater wird man begleitet, doch dort gibt es kaum Audiodeskriptionen oder Gebärdenübersetzungen. Im Kino fehlt es entweder an Untertiteln für Gehörlose oder sie werden in fremden Sprachen für Blinde nicht mitgelesen. Und im Museum Kunst anzufassen, um sie «zu sehen», ist verboten.

«Barrierefrei» sollte eigentlich bedeuten, dass sicher die drei grössten Gruppen mit Behinderungen – geh-, seh- und hörbehinderte Menschen – an allem teilhaben können. Von Produkten, Veranstaltungen ab Anreise bis Heimreise, mit WC-Zugang, mit der Möglichkeit, etwas zu konsumieren und sich zu informieren. Davon sind wir weit entfernt.

Man denke oft zunächst nur an Rollstühle, wenn man etwas «barrierefrei» gestalten soll, weiss Martin Abele vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband. Andere Beeinträchtigungen gingen leider noch zu häufig vergessen. Oder die Massnahmen würden zu wenig konsequent umgesetzt. So denkt man in Luzern bei den öV-Haltestellen mittlerweile an die Markierung des Einstiegsfelds bei der ersten Tür, jedoch nicht an die Zugänglichkeit der Abfahrts-Anzeigen, die für Menschen mit Sehbeeinträchtigung schlecht positioniert und kaum lesbar sind.

«Allgemein fehlt es bei der Barrierefreiheit oft an der nötigen Augenhöhe.»

Martin Abele

Natürlich tue sich etwas. Doch das Behindertengleichstellungsgesetz ist bald 20 Jahre alt, so Abele. «Gerade im öffentlichen Verkehr liegt man klar hinter den gesetzlichen Vorgaben zurück.» Diese sehen vor, dass bis Ende 2023 sämtliche öV-Haltestellen komplett barrierefrei benutzbar sein müssen. Die Stadt lässt sich damit aber Zeit bis 2029. Dadurch vergehen weitere Jahre, in welchen seh-, geh- und hörbehinderte Menschen nur stark eingeschränkt unterwegs sein können.

Doch für die Verantwortlichen hat diese Veränderung wohl wenig Priorität. Mobilität ist ein riesiges Thema. Und da liege Luzern im Vergleich zu anderen Städten weit zurück, sagt Jacqueline Egger.

Jacqueline Egger ist seit 16 Jahren blind. (Bild: zVg) (Bild: )

«Allgemein fehlt es bei der Barrierefreiheit oft an der nötigen Augenhöhe», sagt Martin Abele. Es brauche nicht nur Geld, was oft schon ein Problem sei, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Problematik und die Zeit dafür. «Dazu sind viele nicht bereit. Dabei lassen die Verantwortlichen ausser Acht, wie viele Menschen diese Barrieren betreffen.» In der Schweiz leben 1.8 Millionen Menschen mit einer Behinderung. Das ist rund ein Fünftel der Bevölkerung.

Das Internet nicht vergessen

«Unter Barrierefreiheit versteht man die uneingeschränkte Zugänglichkeit eines Produktes, einer Dienstleistung oder einer Einrichtung. Sie betrifft unter anderem den öffentlichen Verkehr, öffentliche)Gebäude, die Aus- und Weiterbildung, kulturelle Angebote und auch die digitale Barrierefreiheit, die immer wichtiger wird», so Abele. Internetseiten seien oft nicht barrierefrei. Überkreative Designs, Buttons oder Felder, die nicht beschriftet sind, machen eine Seite für sehbehinderte Menschen zum Irrgarten.

Erfreulicherweise sei jedoch gerade in der Kultur in den letzten drei, vier Jahren viel passiert, besonders für gehörlose Menschen, sagt Carlo Picenoni von der Beratung für Schwerhörige und Gehörlose Zentralschweiz. Im Burgmuseum Zug seien Führungen in Gebärdensprache möglich, der Burgbachkeller Zug und das Kleintheater Luzern bieten spezifisch Veranstaltungen mit und für Gehörlose und Hörende an.

«Ich möchte mich auf das Positive fokussieren», sagt Picenoni. Doch die wachsenden Angebote mit Audioguides, die keine schriftliche Alternative anbieten und Theatersäle, die nicht mit einer Ringleitung ausgerüstet sind, seien sehr frustrierend. Untertitel bei Filmen, Schriftdolmetscher bei Referaten und Podien und eine Sensibilisierung für Mitarbeitende, wie man mit Gehörlosen kommunizieren kann, wären wichtig.

«Beim Thema Behinderungen lebt die Schweiz eine Tradition der Scham und des Versteckens.»

Emanuel Wallimann

Man sollte eigentlich öfters an Orte gehen, an denen die Barrierefreiheit eben noch nicht funktioniert, sagt Emanuel Wallimann, auch wenn es mühsam sei. Denn es schaffe Sichtbarkeit. Der Grafikdesigner und Fotograf sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl.

Für ihn sei es noch immer speziell, dass er alleine den Zug von Stans nach Luzern nehmen könne. «Als Kind hätte ich bei Klassenausflügen im dunklen, unbeheizten Postwagon mitfahren müssen», erzählt er. Eine hässliche Erinnerung, die zeigt, dass sich viel getan hat in den letzten paar Jahrzehnten.

Und doch sind die Baustellen noch immer da. «Beim Thema Behinderungen lebt die Schweiz eine Tradition der Scham und des Versteckens.» Da sei ihm besonders bei Reisen in den USA und England aufgefallen. Dort sind die besten Plätze die für Rollstühle, Gebäude sind natürlich barrierefrei. «Das liegt an den Kriegsvergangenheiten dieser Länder. Menschen mit Behinderungen waren dort oft Veteranen – und damit Helden.»

Man helfe dann schon, heisse es oft. Aber vielleicht möchte man auch nicht ständig um Hilfe bitten müssen, die ganze Zeit dankbar sein, anstatt Dinge autonom tun zu können, so Wallimann. «Dann hat man einen Trupp von fünf Leuten als Begleitung und man fühlt sich wie ein Einhorn im Rollstuhl.»

Auch die ständige Unsicherheit, ob etwas klappe, sei eine Realität. Man könne sich selten darauf verlassen. Obwohl man sich informiert und kontaktiert und plant. Oft existieren Treppenlifte, ein Ort gilt als rollstuhlgängig. Doch dann ist der Lift defekt, es fehlt der Schlüssel oder die Angestellten wissen nicht, wie er funktioniert.

Inklusion ist cool

«Auf dem Papier sind viele Institutionen und Lokale barrierefrei. Die Architektin hat es so angedacht, der Verwaltungsrat hat es schriftlich festgehalten, dann wird aber das Material nicht gewartet, das Personal wird nicht instruiert und letztlich ist man aufgeschmissen.» So seien rollstuhlgängige WC plötzlich geschlossen, vollgestellt oder ein Anlass ist wegen feuer- und sicherheitstechnischer Bedenken praktisch nicht besuchbar. «Ich gehe in diesen Situationen auch zu selten auf die Barrikaden. Aber man will sich ja nicht den ganzen Tag streiten – und dann auch mit den falschen Leuten, die nichts dafür können. Ich wäre nur noch sauer», sagt Wallimann. Und das wolle er für sich dann auch nicht.

Emanuel Wallimann ist bei vielen Kulturprojekten engagiert. Im Beirat des Kleintheaters Luzern setzt er sich auch für Inklusion ein.
Emanuel Wallimann ist bei vielen Kulturprojekten engagiert. Im Beirat des Kleintheaters Luzern setzt er sich auch für Inklusion ein. (Bild: Izedin Arnautovic)

Emanuel Wallimann ist es lieber, dass klar kommuniziert wird: «Wir sind nicht rollstuhlgängig.» – Dann wisse er Bescheid und müsse es gar nicht erst versuchen.

Es ist verständlich, dass es sich in solchen Momenten wahrscheinlich für Betroffene wie «Inclusion-Washing» anfühlt – man schreibt «barrierefrei» in die Hochglanzbroschüren, damit die Stiftungen fördern und die Bevölkerung klatscht. Aber praktisch haben die Menschen mit Behinderungen dann doch nichts davon.

Ehrlich zu kommunizieren, dass etwas nicht geht, da stehe in der Schweiz wohl die Erwartungshaltung im Weg, glaubt Wallimann. Man will im Jahr 2022 doch barrierefrei sein. In einem reichen und gut organisierten Land. Man möchte offen sein, inklusiv. «Es ist cool und kommt gut an, wenn man sich Barrierefreiheit auf die Fahne schreibt. Und es ist grundsätzlich super, dass sich mehr Leute Gedanken machen. Aber oft wird zu kurz gedacht», sagt Emanuel Wallimann.

Deshalb sei es wichtig, dass man Erfahrungen miteinander teile. So ist man im Moment mit der IG Kultur im Gespräch, mit der Idee, die Ergebnisse des Luzerner Kleintheater-Beirats online für andere Kulturinstitutionen zur Verfügung zu stellen.

«Am Ende des Tages sind wir eben doch nicht mitgedacht in der Gesellschaft.»

Emanuel Wallimann

Dass es an Wissen fehlt und an unaufgeregtem Umgang, ist eindeutig, sagt auch Jacqueline Egger. Gerade als sie noch nicht so lange blind war, sei es ihr oft aufgefallen, wie Menschen, die aus anderen Ländern immigriert sind, ganz anders mit ihr umgegangen seien. Ein Buschauffeur aus Uganda beispielsweise habe ohne Hemmungen proaktiv mit ihr kommuniziert. Damit war er die absolute Ausnahme. «Die Leute sind oft sehr verunsichert. Sie haben Angst, etwas falsch zu machen und machen dann lieber gar nichts.»

Auch bei der Jobsuche sei das spürbar. Es sei praktisch unmöglich, als Blinde einen Job zu finden. «Personalverantwortliche sind mit der Bewerbung einer blinden Person meist vollkommen überfordert», sagt Egger. Einmal mehr wird man aussortiert, wahrscheinlich mit schlechtem Gewissen, aber einfach, da man sich nicht vorstellen kann, wie es funktionieren soll.

«Am Ende des Tages sind wir eben doch nicht mitgedacht in der Gesellschaft», sagt Emanuel Wallimann.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Emanuel Wallimann
  • Telefonisches Gespräche mit Jacqueline Egger
  • Telefonisches Gespräch mit Martin Abele
  • Austausch mit den Verantwortlichen des Literaturfestes Luzern
  • Mailverkehr mit Carlo Picenoni
  • Recherche auf den Webseiten diverser Veranstaltungen und öffentlichen Institutionen
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