Gesellschaft
Vor einem halben Jahr aus der Ukraine geflüchtet

Wie Yuliya sich in Oberkirch langsam ein Leben aufbaut

Wenn sie Zeit dafür findet, geniesst Yuliya das Zusammensein mit ihren Söhnen. (Bild: zvg)

Vor gut einem halben Jahr liess Yuliya ihre Heimat in der Ukraine hinter sich und flüchtete mit ihren zwei Kindern in die Schweiz. Nach dem anfänglichen Behörden-Chaos hat sie ein wenig Fuss gefasst.

«Momentan geht es mir gut. Besser, als kurz nach meiner Ankunft», beschreibt die ukrainische Geflüchtete Yuliya ihren Gemütszustand auf Englisch. Seit etwas mehr als einem halben Jahr lebt sie nicht mehr in der Ukraine, sondern bei der Familie Meier in Oberkirch (zentralplus berichtete). Während sie anfangs noch von Behörde zu Behörde geschickt wurde, hat sich inzwischen so etwas wie ein Alltag eingependelt.

Job in Basel, um unabhängig zu sein

Massgeblich dazu beigetragen habe ihr Job: «Mit dem Job fühle ich mich sicherer, selbstbewusster und auch unabhängiger.» Bereits früh hat sie sich dafür auf die Suche gemacht. Um anderen nicht länger zur Last zu fallen. «Und nicht nur auf Hilfe vom Staat zu warten», wie sie ausführt. Nun arbeitet sie Vollzeit als Projektassistentin in einer Pharmafirma in Basel.

Sie ist sich anderes gewohnt. In der Ukraine war sie Projektmanagerin und hat Veranstaltungen, Ausstellungen und Shootings organisiert. Doch jetzt sei es ihr wichtig gewesen, irgendeinen Job zu erhalten und sich allenfalls hochzuarbeiten. Trotzdem gefalle ihr der Job. Er sei sehr interessant und sie lerne viel Neues. Auch wenn sie sich manchmal noch etwas hilflos fühle. «Manchmal fühle ich mich wie ein kleines blindes Katzen-Baby. Ich muss alles von Grund auf lernen.»

Doch von ihren Arbeitskollegen erhält sie sehr viel Unterstützung. Es hilft sicher auch, dass die Firma sehr international ausgerichtet ist. Viele ihrer Kollegen kämen ebenfalls aus anderen Ländern.

Arbeitsweg dauert rund vier Stunden täglich

Für diesen Job nimmt sie einiges in Kauf. Von Oberkirch nach Basel pendelt sie gut zwei Stunden – für einen Weg. Nicht selten habe sie jedoch zweieinhalb oder drei Stunden für den Heimweg. Wenn etwa ein Zug ausfällt, erzählt sie. Durch den langen Reiseweg bleibe ihr kaum Zeit für anderes. Etwa um Deutsch zu lernen. Oder um Papierkram zu erledigen.

«Ich kann ihre Gastfreundschaft nicht ewig nutzen.»

«Für die Kinder ist es besonders hart. Sie sehen ihre Mama kaum, denn ich bin den ganzen Tag auf der Arbeit.» Unter der Woche kümmern sich ihre Eltern, die ebenfalls nach Oberkirch geflüchtet sind, um die Kinder. An den Wochenenden hätte Yuliya zwar frei – doch da muss sie sich meist noch um andere Dinge kümmern. Mails beantworten, Essen für ihre Kinder und ihre Eltern einkaufen, die sich weniger zurechtfinden.

Sie habe manchmal nicht einmal Zeit, Briefe oder Nachrichten ihres Mannes zu beantworten, der noch in der Ukraine ist. «Ich habe keine Zeit, mich zu entspannen oder auszuruhen», erzählt die 38-Jährige.

Behörden verbieten ihr den Umzug

Eigentlich möchte sie etwas gegen die Situation tun. Ihr Plan war es, eine Wohnung in Basel zu finden. Ihr Arbeitgeber hätte ihr sogar bei der Wohnungssuche geholfen. Doch die Behörden machen ihr einen Strich durch die Rechnung. Als ukrainische Geflüchtete mit Asylstatus S ist sie fix einem Kanton zugeteilt.

Sie kann also nicht einfach umziehen – auch wenn sie keinen Rappen Sozialhilfe mehr bezieht. Denn der Kanton Basel-Stadt hat ihr Gesuch um einen Wohnortswechsel abgelehnt, wie die «Luzerner Zeitung» berichtet. Sehr zur Enttäuschung von Yuliya.

Die Familien verstehen sich gut – hier sind sie auf einem gemeinsamen Ausflug.
Die Familie von Yuliya und die Familie Meier verstehen sich gut – hier sind sie auf einem gemeinsamen Ausflug. (Bild: zvg)

Sie will zwar noch einen Brief an den Kanton schreiben. Allzu grosse Hoffnungen macht sie sich jedoch nicht. Sie habe bereits begonnen, eine Wohnung in Oberkirch zu suchen. Denn immerhin leben hier auch ihre Eltern, die sich weiterhin um die Betreuung der Kinder kümmern können. Zudem ist ihr älterer Sohn bereits eingeschult.

Kinderbetreuung übernehmen Eltern

Zwar weiss sie, dass die Meiers sie noch länger beherbergen würden. Trotzdem möchte sie ihnen nicht länger zur Last fallen: «Ich kann ihre Gastfreundschaft nicht ewig nutzen», meint sie dazu. Und auch auf ihre Eltern möchte sie nicht länger als nötig zählen müssen. Im Gegensatz zu ihr hätten sie mehr Mühe, sich in der Schweiz zurechtzufinden. «Sie möchten zurück in die Ukraine. Auch wenn es immer noch gefährlich ist.» 

«Es tut mir sehr weh, sie so zu sehen. Sie sieht wieder so müde aus, wie als sie hier angekommen ist.»

Elias Meier

Aber einen festen Kita-Platz für ihren 4-Jährigen könne sie sich bei ihrem Gehalt nicht leisten. Es reiche gerade, ihren Sohn jeweils für zwei Stunden hinzuschicken, sodass er sich etwas integrieren könne. Einen anderen Job in der Nähe zu suchen, sei aber keine Option. Als ukrainischer Flüchtling einen Job zu suchen, sei schon schwer genug. «In meiner Situation hat man nicht die Möglichkeit, wählerisch zu sein.»

Trotz allem blickt sie nach vorn

Trotz all ihrer Sorgen lässt sich die 38-Jährige nicht aufhalten. «Für die Kinder musst du etwas tun.» Man könne nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und nichts tun. Yuliya klagt nicht. Immer wieder betont sie, wie glücklich sie über die Möglichkeiten für ihre Kinder ist. Wie dankbar sie für ihren Job ist. Und wie froh und glücklich sie sich schätzt, von den Meiers unterstützt zu werden.

«Ich habe unglaubliches Glück, sie gefunden und kennengelernt zu haben.» Wohl einer der Gründe, warum sie am Telefon trotz all den Herausforderungen glücklich klingt. Was sie auch selbst betont: «Ich bin glücklich. Wer hat schon keine Probleme? So ist halt das Leben. Man versucht, das Beste daraus zu machen.»

Auch für Familie Meier herausfordernd

Auch Elias Meier betont am Telefon, wie stark Yuliya ist. Dass der lange Arbeitsweg sie mitnehme, sehe man ihr an. «Es tut mir sehr weh, sie so zu sehen. Sie sieht wieder so müde aus, wie als sie hier angekommen ist.» Auch den Kindern merke man es an. Ihr kleiner Sohn sei sehr anhänglich, da er eine Bezugsperson suche. Eine schwierige Situation für Meier. Denn er möchte nicht in die Rolle eines Ersatz-Vaters gelangen: «Ich versuche da etwas Distanz zu wahren. Ich bin in erster Linie Vater meiner Kinder.»

Allgemein habe sich im Zusammenleben eine gewisse Distanz eingestellt: «Wir leben in gewissen Phasen fast schon aneinander vorbei.» Unter anderem, weil die beiden Familien einen anderen Tagesrhythmus haben. Meier hält jedoch fest: «Das hat es für beide Seiten auch etwas gebraucht, um unser eigenes Familienleben etwas beibehalten zu können.» So habe er mit seiner Familie auch ab und an bewusst alleine Ausflüge unternommen. Oder ist im Sommer mit der Familie drei Wochen verreist. Womit auch Yuliya etwas Zeit alleine in der Wohnung geniessen konnte.

Ihre eigene Wohnung sei derzeit das Thema bei ihnen zu Hause. «Sie hat stark das Gefühl, dass sie uns zur Last fällt», meint Meier. Dass es ab und an herausfordernd und anstrengend sei, wolle er auch gar nicht beschönigen. Doch für seine Familie ist klar: «Sie darf so lange bleiben, wie sie es braucht.»

Unterstützung und Kontakt wird bleiben

Meier unterstützt Yuliya bei der Wohnungssuche. Denn in Oberkirch ist das derzeit eine Herausforderung. Wie im restlichen Kanton herrscht hier Wohnungsnot (zentralplus berichtete). Wenn Yuliya und ihre Familie ausziehen, sei seine Familie sicher auch froh, wieder eine etwas weniger intensive Zeit zu erleben.

Es habe sich zwar ein Alltag eingependelt, der aber auch eng und laut sei. «Danach werden wir es vermutlich wieder bewusster geniessen, unsere eigenen vier Wände für uns zu haben.» Unterstützen wird die Familie Meier Yuliya und ihre Söhne auch nach deren Auszug: «Diese Begegnung wird nicht einfach so verschwinden.»

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