Gesellschaft
Luzerner Familientherapeut übers Grosselternsein

Wie das Grosi cool wird – und Eltern Knatsch umgehen

Daniel Niederberger mit seinem Buch «Grosseltern sein – Es wäre doch so einfach». (Bild: ida)

Viele Grosseltern übernehmen zu einem Teil die Kinderbetreuung von ihren Enkeln. Doch wie viel dürfen sie in Erziehungsfragen mitmischen und wie entsteht eine gute Beziehung zwischen den drei Generationen? Der ehemalige Familientherapeut Daniel Niederberger hat dazu ein Buch geschrieben.

Wer kennt's nicht: Das Grosi, das mit einem Zwinkern dem Enkelkind unter dem Tisch eine Geldnote in die Hand drückt. Oder der Grossvater, der immer extra viel Himbeersirup ins Glas füllt. Zu Hause mahnt die Mutter ja immer mit erhobenem Zeigefinger: Zu viel Sirup sei nicht gesund. Deswegen gibt's da jeweils nur ein paar Tropfen.

Doch wo Enkelkinder, Eltern und Grosseltern zusammentreffen, da gibt's immer auch Konfliktpotential. Umso mehr, da sich viele Grosseltern auch regelmässig um die Enkel kümmern. Da können alte Spannungen zwischen Eltern und ihren Eltern wieder aufkochen. Oder man ist sich uneins darüber, wie die Kinder erzogen werden sollen.

Luzerner schreibt Buch übers Grosselternsein

Daniel Niederberger hat ein Buch übers Grosselternsein geschrieben. Der 65-jährige Krienser arbeitete über drei Jahrzehnte als Familientherapeut und Erziehungsberater in Luzern. Es ist sein drittes Buch. Er hat bereits ein Buch übers «kinderorientierte Trennen» von Eltern geschrieben und übers «weniger erziehen».

Als Familientherapeut hat Niederberger immer wieder Grosseltern beraten. Oder Eltern, die das Thema bei ihm aufs Tapet brachten. Schliesslich hielt er als ältester im Beratungsteam auch Kurzreferate darüber. Im Rahmen seines neuen Buches wollte er dem Thema mehr Gewicht geben. «Schliesslich ist die Dimension gross, weil drei Generationen involviert sind», erzählt Niederberger gegenüber zentralplus bei einem Espresso im «Le Piaf» im KKL.

Die «Störfaktoren» zwischen Grosseltern, Eltern und Enkelkinder

Stolpersteine – oder «Störfaktoren», wie sie Niederberger in seinem Buch nennt – gibt es einige zwischen den drei Generationen. Je mehr er sich mit dem Thema beschäftigt hat, auf umso mehr Stolpersteine ist er gestossen.

Welches sind die grössten? «Auf Grosselternseite besteht häufig das Bedürfnis, Verpasstes nachzuholen», erzählt Niederberger. Dass sie Dinge, die sie beim Grossziehen der eigenen Kinder falsch gemacht haben, nun bei ihren Enkelkindern anders machen wollen.

Früher waren sie als Eltern gestresst oder fühlten sich unsicher. Oder sie konnten sich zu wenig Zeit für die Kinder nehmen. «Als Grosseltern verspüren viele den Wunsch, sich nun Zeit für die Enkelkinder zu nehmen, ruhig zu erleben, wie sie heranwachsen und sich entwickeln – und das in Ruhe geniessen.» Und den Kleinen so quasi ihr verpasstes «Wertvolles» mitgeben, wie Niederberger sagt.

«Die Regie führen die Eltern. Die Grosseltern sind eine Ergänzung.»

Daniel Niederberger

Das klingt zwar schön – hat aber auch seine Tücken, wie Niederberger in seinem Buch ausführt. Eltern könnten dadurch irritiert werden. Weil es ihnen das Gefühl vermitteln könnte, dass die Eltern dies bei ihnen nicht nötig gefunden hätten. Oder dass sie nun ihr schlechtes Gewissen damit beruhigen wollen würden.

Die Sache mit den Geschenken

Andere Grosseltern wollen ihren Enkeln tolle Geschenke kaufen, sie auf kostspielige Ausflüge mitnehmen – oder stecken ihnen mal einen «Fünfliber» oder eine Note zu. «Mit solcher Grosszügigkeit funkt man eventuell den Eltern in ihr Konzept, mit Geld und Geschenken zurückhaltend zu sein», schreibt Niederberger in seinem Buch.

Oder man kratze gar an deren eigenen Wertschätzung, dass sie zu wenig verdienen würden. Ist Geld involviert, so rät Niederberger: Grosseltern sollten sich mit den Eltern absprechen, wie teuer und wie oft Geschenke für sie in Ordnung seien.

Wie fest dürfen Grosseltern in Erziehungsfragen mitwirken?

Doch: Wie viel Absprache muss sein? Und fungieren Grosseltern quasi als zweite Eltern, die auch bei Erziehungsfragen mitreden können? Der Krienser antwortet prompt: «Die Regie führen die Eltern. Die Grosseltern sind eine Ergänzung. Sie müssen akzeptieren, dass sie selbst nicht die Regie übernehmen.»

«Wenn vor der Übergabe Regeln mitgegeben werden – wie die maximale Fernsehzeit oder wann das Kind ins Bett gehen muss – empfinde ich das bereits als zu eng.»

Und wie sieht es bezüglich Absprachen aus? Etwa, wie lange Kindern bei Oma und Opa TV schauen dürfen? «Eigentlich bräuchte es gar keine Absprache zwischen Eltern und Grosseltern, welche die Kinder hüten», ist Niederberger überzeugt.

Er lächelt verschmitzt. Er plädiert auf gegenseitiges Kennen und Vertrauen, wie er sagt. «Wenn vor der Übergabe Regeln mitgegeben werden – wie die maximale Fernsehzeit oder wann das Kind ins Bett gehen muss – empfinde ich das bereits als zu eng. Grosseltern sollten Handlungsspielraum kriegen.»

Man darf sich auch mal uneins sein

Es dürfe auch eine gewisse Bandbreite geben in Erziehungsfragen. Etwa bei der Frage, wie viel Fernsehzeit pro Tag erlaubt sei. «Eltern können mit ihren Kindern auch Formeln aufstellen. Im Sinne von: Bei den Grosseltern dürft ihr mehr Fernseh schauen, deswegen ist es bei uns begrenzter. Wenn die Kinder dann stürmen und auch zu Hause die Vorzüge, die sie bei den Grosseltern haben, geniessen wollen, müssen die Eltern das ‹Gestürm› der Kinder auch mal aushalten.» Und Grosseltern wiederum sollten diese Goodies nicht ausspielen, um damit die Enkel mehr zu sich zu locken.

Der Erziehungsexperte ist überzeugt, dass es für Kinder eine Chance sei, wenn sie verschiedene Umgangsformen und Werte miterleben. «Das Erleben mehrerer Welten – sei es bei den Eltern zu Hause, bei den Grosseltern oder in der Kita – ist ein gutes Lebensmodell für Kinder.» Was man dabei aber nicht vergessen sollte: «Kinder sind nicht so erzieh- und formbar, wie oft gedacht wird.»

Du willst mehr?

Das 128-seitige Buch «Grosseltern sein – es wäre doch so einfach» von Daniel Niederberger ist im Schweizer Buchhandel erhältlich. Das Werk des Verlags Publishing Partners kostet knapp 22 Franken.

Beziehungen nicht idealisieren

Niederberger hat eher eine «nüchternere» Betrachtungsweise über Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und deren Eltern. «Nicht ganz so eine idealisierte», wie er selbst sagt. «Mich interessiert, wie sich die Beziehungen wirklich abspielen.»

So geht er in seinem Buch auch auf Unsympathien zwischen den Generationen ein. Darauf, dass Beziehungen nicht erzwungen werden können. Und dass vermutlich die Grosseltern die Enkelkinder lieber haben als umgekehrt. Schliesslich müssten sich die Enkel auch an die Grosseltern gewöhnen. Da sei es eher kontraproduktiv, wenn die Grosseltern sich zu schnell zu oft um die Enkel kümmern wollen. Grosseltern dürften nicht von Beginn weg zu viel erwarten. Denn das könne unter Umständen zu Enttäuschungen führen.

Doch nicht so erziehbar, wie gedacht

Das meiste, was sich zwischen Grosseltern und ihren Enkelkinder abspielt, läuft über die Eltern ab. «Sie bestimmen Distanz und Erreichbarkeit, den Lebensrhythmus», schreibt Niederberger in seinem Buch. Für Eltern, die bei der Kinderbetreuung auf die Unterstützung der Grosseltern angewiesen sind, ist es ebenfalls nicht einfach. Weil sie sich einst von ihren eigenen Eltern abgelöst haben – und nun wieder auf eine Art abhängig von ihnen werden.

Doch so weit muss es nicht kommen. Mit seinem Buch will Niederberger aufzeigen, wie Grosseltern zu ihren Enkelkindern eine eigenständige Beziehung aufbauen und pflegen können. Er will uns Wege dahin aufzeigen – und eben auch mögliche Stolpersteine, die uns dabei im Weg stehen.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Daniel Niederberger
  • Buch «Grosseltern sein – Es wäre doch so einfach» von Daniel Niederberger
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