Gesellschaft

Berufstätigen Eltern zu Hilfe geeilt
Krienser Ferienhort weggespart: Nun springt ein Verein ein

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Die Gemeinde Kriens lässt den Ferienhort 2022 fallen. (Symbolbild: Giu Vicente/Unsplash) (Bild: zvg)

Weil die Stadt Kriens dieses Jahr kein Geld für den Ferienhort hat, springt der Luzerner Verein für Alleinerziehende Mütter und Väter in die Bresche. Mit der Abschaffung dieses Angebots drohten einigen Eltern existenzielle Probleme, ist der Präsident überzeugt. Der zuständige Stadtrat zeigt Verständnis für den Missmut.

Berufstätige Eltern dürften aufgrund des Briefes, der von der Stadt Kriens am 18. Januar versandt wurde, ganz schön ins Rotieren geraten sein. Im Brief heisst es zunächst, dass die schulergänzenden Tagesstrukturen in Kriens sehr stark gefragt seien und diese Tendenz steige. «Gleichzeitig stellt der eigentliche Betrieb der Tagesstrukturen für die Stadt Kriens eine grosse finanzielle Belastung dar.»

In der Tat muss die Stadt zünftig sparen. Vor einem Jahr hat die Krienser Stimmbevölkerung eine Steuererhöhung klar abgelehnt (zentralplus berichtete). Deshalb habe man bei der Erarbeitung des Budgets 2022 Wege gesucht, die der gesamte Bildungsbereich sein Zielbudget einhalten könne, ohne Leistungen abbauen zu müssen, heisst es im Brief weiter.

Die konkreten Massnahmen: Die Tarife für die schulergänzende Tagesstruktur werden erhöht und das Ferienhort-Angebot fürs Jahr 2022 wird gestrichen.

Mit den Massnahmen im Bereich Hort sollen 630’000 Franken eingespart werden können. Bildungsvorsteher Marco Frauenknecht äusserte sich kürzlich in der «Luzerner Zeitung», dass man solche Einsparungen nicht andernorts im Bildungsbereich machen könne, da aufgrund der kantonalen Vorgaben kaum Spielraum bestehe.

Drei Wochen Zeit, um einen Ferienhort aufzugleisen

Das Timing für die Massnahme könnte tatsächlich besser sein. Viele Eltern sind auf den Ferienhort angewiesen, um ihrer Arbeitstätigkeit nachzugehen. Und die Fasnachtsferien beginnen bereits am 19. Februar. Entsprechend reagierten sie mit Empörung (zentralplus berichtete).

Eine sofort lancierte Petition zählt bereits rund 900 Unterschriften. Auch eine WhatsApp-Gruppe wurde ins Leben gerufen. Alsbald schaltete sich zudem der Luzerner Verein für Alleinerziehende Mütter und Väter ein. Er ist in die Bresche gesprungen und will nun den Ferienhort selber organisieren.

Arbeitgebern fehle das Verständnis für Absenzen

zentralplus hat sich mit dessen Präsident Roger Baumeler über die unverhoffte Aufgabe unterhalten, welche die Organisation spontan übernahm.

zentralplus: Warum hat Ihr Verein sofort auf das Anliegen reagiert?

Roger Baumeler: Weil wir Härtefälle vermeiden wollen. Uns wurden am Freitag vor einer Woche die Türen eingerannt von besorgten Eltern. Einige hatten regelrecht Angst, den Job zu verlieren und wussten nicht, wo ihnen der Kopf steht. Aufgrund von Corona, respektive den Quarantänen, haben viele von ihnen bereits zu viele Absenzen im Geschäft. Viele arbeiten Teilzeit und, oder im Niedriglohnsektor. Und die Unternehmen zeigen mittlerweile deutlich weniger Verständnis.

«Das gestrichene Angebot schürt Existenzängste, und zwar ganz konkrete.»

Roger Baumeler, Präsident Verein Alleinerziehender Mütter und Väter

zentralplus: Wie viele Menschen haben sich bei Ihnen gemeldet?

Baumeler: Bei mir allein waren es etwa 20, viele haben sich jedoch auch an meine Kolleginnen und Kollegen gewandt.

zentralplus: Dass die Sparmassnahme die Gemüter erhitzt, sieht man nicht zuletzt an den Kommentaren auf der Facebook-Seite «Du besch vo Kriens, wenn…».

Baumeler: Ja, diese Massnahme hat auch bei unseren Krienser Mitgliedern das Fass zum Überlaufen gebracht. Viele wurden sehr emotional, einige auch richtig wütend. Das ist kein Wunder, denn das gestrichene Angebot schürt Existenzängste, und zwar ganz konkrete. Die Menschen sind angewiesen auf diese Betreuung. Dennoch muss man diese Tatsache respektieren, handelt es sich doch um einen demokratisch legitimierten Entscheid. Den kann man auch mit einer Petition nicht umkehren.

zentralplus: Sie haben noch ungefähr drei Wochen Zeit bis zu den kommenden Ferien. Das ist sportlich.

Der Gesamtvorstand des Vereins «Alleinerziehende Mütter und Väter Luzern». Roger Baumeler ist vorne in der Mitte.

Baumeler: Das ist tatsächlich so. Zwar haben uns viele Leute sofort ihre Hilfe zugesagt. Doch suchen wir noch stark nach Freiwilligen, die uns unterstützen können. Die dürfen sich gerne beim Verein melden. Ausserdem gehen wir aktuell aktiv auf entsprechende Stellen zu, um etwa Leute zu generieren, die ein Sozialpraktikum suchen. Zudem machen wir öffentliche Aufrufe. Auch, wenn unsere Mittel aktuell sehr begrenzt sind.

zentralplus: Warum?

Baumeler: Wir sind zu hundert Prozent von privaten Spendengeldern finanziert. Vieles davon ist in die Corona-Nothilfe geflossen. Wir haben das Messer also am Hals. Vielleicht haben wir uns mit unserem Einsatz übernommen, dennoch bin ich sicher, dass wir das Ding schaukeln werden.

zentralplus: Welche Unsicherheiten bestehen zurzeit noch?

Baumeler: Etwa die Frage der Lokalität. Uns wurde zwar mündlich zugesagt, dass wir den Hort im Kulturquadrat Schappe durchführen können. Doch schriftlich ist das noch nicht gefixt. Das macht mich etwas nervös.

zentralplus: Wie wird der Hort administrativ organisiert?

Baumeler: Wir werden später vom Rektorat unterstützt, welches auch die Anmeldungen entgegennimmt. Das alles soll über die bestehenden Tagesstrukturen laufen. Wir wollen ja nicht das Rad neu erfinden. Ausserdem ist unser administrativer Aufwand ansonsten schon riesig.

Den Eltern eine Schonfrist zu geben, war kein Thema

Bleibt die Frage, warum man die Eltern nicht früher informieren konnte. Wir haben beim zuständigen Krienser Stadtrat Marco Frauenknecht (SVP) nachgefragt. Dieser erklärt: «In den entsprechenden Unterlagen zum Budget 2022 war die Streichung des Ferienhorts explizit erwähnt und auch öffentlich kommuniziert. Dass dies im Rahmen der Budgetdebatte nicht explizit so wahrgenommen wurde, ist wohl der Komplexität des Budgets geschuldet.»

«Wir haben Verständnis für den Unwillen der Eltern.»

Marco Frauenknecht, SVP-Stadtrat in Kriens

Denn es sei ja eine Massnahme unter vielen gewesen, so der Stadtrat weiter (zentralplus berichtete). «Den Eltern schon vor der Budgetdiskussion den Hort-Entscheid quasi anzudrohen, wäre zwar eine Möglichkeit gewesen. Aber dann hätten wir auch verschiedene andere Massnahmen explizit vorinformieren müssen.»

Aus diesem Grund sei es auch kein Thema gewesen, den Eltern eine Schonfrist zu geben, sodass die Massnahme etwa erst in den Frühlingsferien in Kraft trete. «Das Budgetjahr läuft von Januar bis Dezember. Wir können erst mit der Umsetzung beginnen, wenn das Budget rechtskräftig ist. Aber die Massnahmen waren ja wie oben geschildert kein Geheimnis.»

Längere Schonfrist für Eltern war kein Thema

Mit einer Schonfrist wäre der Spareffekt entsprechend reduziert worden, so Frauenknecht. «Wobei uns klar ist, dass jetzt bis zu den Fasnachtsferien nur noch wenig Zeit bleibt für betroffene Eltern. Insofern haben wir Verständnis für den Unwillen.»

Dass ein privater Verein in die Bresche springt, Das scheint zwar gegeben den Umständen nötig zu sein. Könnte der Stadt Kriens jedoch aber auch gelegen kommen. Plant die Stadt, dass der Hort, sobald die Finanzen wieder im Lot sind, die Durchführung des Ferienhorts dennoch wieder zu übernehmen?

«Auf lange Frist ist es eine klare Absicht der Stadt, familienfreundliche Strukturen aufzubauen.»

Marco Frauenknecht

Frauenknecht weist zunächst darauf hin, dass der Ferienhort eine freiwillige Leistung sei, welche die Stadt Kriens seit Jahren angeboten habe, obschon sie dazu gesetzlich nicht verpflichtet gewesen sei. «Ob diese Leistung für 2023 wieder im Budget Platz findet, werden die Budgetdiskussionen im Stadtrat und Einwohnerrat im Verlaufe des Jahres 2022 zeigen.»

Man schätze die private Initiative des Vereins sehr. «Auf lange Frist ist es eine klare Absicht der Stadt, familienfreundliche Strukturen aufzubauen. Das zeigen wir auch, indem wir regelmässig in die Hortinfrastruktur investieren. Gerade jetzt im Meiersmatt und im Grossfeld», so der SVP-Stadtrat.

Verwendete Quellen
  • Brief der Stadt Kriens vom 18. Januar
  • Anfrage bei Stadtrat Marco Frauenknecht
  • Interview mit Roger Baumeler, Präsident des Vereins Alleinerziehende Mütter & Väter
  • Facebookseite «Du besch vo Kriens, wenn…»
  • Petition «Lasst uns Krienser Eltern arbeiten»
Weitere Quellen
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3 Kommentare
  1. Reto, 29.01.2022, 11:53 Uhr

    Schande für den stadtrat … wieder einmal. Da werden sicher viele franken gespart mit dieser Aktion. Verzicht auf umbau stadtplatz, verzicht auf w-essen und bei sitzungen im stadtrat nur noch wasser ausschenken.

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  2. schaltjahr, 28.01.2022, 19:45 Uhr

    Nun werden sie im Palazzo Prozzi die Korken knallen lassen und den Sparerfolg feiern … Wieder hat man die einfachen Bürger über den Tisch gezogen und spart auf deren Buckel. Alte und Familien sind im Fokus. Bei sich selber spart man nicht, da ist ja kein Bedarf …

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  3. Paul, 28.01.2022, 15:47 Uhr

    Tolle stadt…..

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