Gesellschaft
Luzerner forscht zu intensivem Serienkonsum

Warum wir Binge-Watching nicht verteufeln müssen

Warum ziehen wir uns eine Netflix-Folge nach der anderen rein? Alexander Ort forscht dazu an der Universität Luzern. (Bild: ida)

Wer kennt es nicht, eine Folge einer neuen TV-Serie nach der anderen reinzuschlingen. Doch warum neigen wir überhaupt zu sogenanntem Binge-Watching und was macht das mit uns? Alexander Ort kennt die Antworten. Er forscht dazu an der Universität Luzern.

Die Tage werden kürzer und das Wetter immer ungemütlicher – uns lockt es wieder mehr ins traute Heim und auf die Couch. In dicken Decken eingehüllt und mit einer Tasse heisser Schokolade in den Händen ziehen wir uns genüsslich eine Folge unserer neuen Netflix-Lieblingsserie rein. Nur noch diese eine Episode, denken wir. Und dann doch noch eine weitere? Schliesslich haben wir die Aussagen unserer Eltern früher, dass die Augen vom vielen Fernsehgucken viereckig werden, längst als Lügen entlarvt.

Dieses Verschlingen mehrer Episoden einer TV-Serie oder einer ganzen Staffel am Stück ist auch als Binge-Watching bekannt. Doch was macht Binge-Watching aus – und was verleitet uns dazu? Genau das interessiert Alexander Ort. Er forscht an der Universität Luzern unter anderem darüber, wie wir Medien nutzen und wie sich das auf unsere Gesundheit auswirkt.

Sich in Serien und Social Media «verlieren»

«Es fasziniert mich, was Menschen dazu verleitet, sich in medialen Inhalten wie TV-Serien oder Social-Media-Beiträgen zu verlieren», sagt Alexander Ort bei einem Treffen an der Uni Luzern. Schliesslich würden wir ja nicht nur Serien verschlingen, sondern können auch endlos lange durch Instagram-Posts und TikToks scrollen – eben «bingen».

Als Kommunikationswissenschaftler habe er den Auftrag, «sich mit den Lebensrealitäten von Menschen» auseinanderzusetzen, ganz besonders im Hinblick auf deren Mediennutzung. Und der intensive oder exzessive Serienkonsum gehört da zweifellos dazu. Viele Menschen schauen TV-Serien und sprechen über den mal mehr oder weniger ausufernden Konsum. So kursieren auch im Netz unzählige Memes – also lustige Bilder mit Text oder Videos – zum Phänomen des Binge-Watchings.

Auf Deutsch: «Wenn du endlich deine Lieblingsshow streamen und ‹bingen› kannst»:

Binge-Watching wurde durch Netflix und Co. zum Massenphänomen

Beim Binge-Watching handelt es sich übrigens nicht um ein neues Phänomen. Wer einen Blick in alte Fernsehprogramm-Magazine wirft, sieht, dass TV-Sender bereits vor dem Aufkommen von Streaming-Diensten teilweise drei, vier Episoden derselben Serie am Stück gezeigt haben. Oder man geduldete sich, bis eine oder alle Staffeln einer Serie als DVD-Box erschienen sind. «Früher waren es aber wohl eher die Fans einer bestimmten Serie, die sich ganze Sets von DVD-Boxen kauften», sagt Alexander Ort. «Durch Streamingdienste entwickelte sich intensiver Serienkonsum zu einem Massenphänomen.» Denn seither haben wir zu einem geringen Preis Zugriff auf ein schier unendliches Angebot an TV-Serien. Und das ganz bequem von zu Hause aus.

Auch für Alexander Ort gibt es Momente, in denen er eine Folge nach der anderen konsumiert. «Ich glaube schon, dass ich mich zumindest teilweise zu den Binge-Watchern zählen kann. Ich finde es schön, eine Story am Stück bis zum Ende zu verfolgen. Dann kann ich mich so richtig auf den Inhalt der Serie einlassen. Natürlich hängt das aber vom Inhalt der Serie und nicht zuletzt von meiner verfügbaren Zeit ab.»

Gerade Serien mit komplexeren Handlungssträngen hätten das Potenzial, uns sprichwörtlich ans Sofa zu fesseln. Alexander Ort nennt als Beispiel die «Herr der Ringe»-Spin-off-Serie «The Rings of Power». Der Streamingdienst Amazon Prime hat seit Anfang September jede Woche eine neue Folge veröffentlicht. Ort hat gewartet, bis die ganze Staffel komplett online ist. «Sonst stresst es mich», sagt er verschmitzt. «Ich will für mich selbst entscheiden und die Kontrolle darüber haben, ob ich die Serie am Stück oder in Häppchen schauen möchte.»

Zur Person

Alexander Ort studierte Kommunikationswissenschaft und Empirische Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Er beschäftigt sich mit Themen der Mediennutzung und Medienwirkung, insbesondere im Bereich der Gesundheitskommunikation und Medienpsychologie.

Nach Abschluss seiner Promotion im Jahr 2019 wurde Alexander Ort wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierten Projekt zu Binge-Watching. Seit 2020 ist er als Lehr- und Forschungsbeauftragter an der Universität Luzern tätig.

Zu Ende bringen, was man begonnen hat

Laut Alexander Ort können verschiedene Persönlichkeitsmerkmale Binge-Watching begünstigen. Etwa die «Need for cognitive closure». Also das Bedürfnis eines Menschen nach Abschluss von Handlungen und Ereignissen. Dass wir eben wissen wollen, wie es mit der Hauptprotagonistin in der Serie weitergeht.

Auch Motive, warum wir Serien konsumieren, spielen eine wesentliche Rolle. Wir schauen eine Folge nach der anderen, um uns unterhalten zu lassen oder aus dem Alltag zu flüchten. Damit wir uns nicht einsam fühlen, wenn wir allein zu Hause sind. Oder schlicht, um die Zeit totzuschlagen.

Die Rolle von Cliffhangern

Eine Rolle spielen auch gestalterische Elemente, die von Autoren oder Serienmacherinnen eingesetzt werden. Ein beliebtes Beispiel sind Cliffhanger. Dass eine Folge also just im spannendsten Moment unterbrochen wird. Ort hat gemeinsam mit Kolleginnen in einem Laborexperiment untersucht, inwiefern Cliffhanger Binge-Watching fördern können.

«Binge-Watching ist per se erst einmal nicht problematisch und schon gar keine Sucht.»

Am Experiment teilgenommen haben 133 Personen. Sie wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe sah drei bis vier Episoden einer Krimi-/Dramaserie mit einem Cliffhanger, bei der anderen Gruppe wurden die Cliffhanger entfernt. Zwar lösten Cliffhanger etwas in den Teilnehmenden aus und führten zu einem höheren Erregungszustand im Körper. Allerdings gab es keine Hinweise darauf, dass Cliffhanger das Unterhaltungserleben oder die Absicht, die Serie weiterzuschauen, fördern.

(Bild: ida)

Die Forschung steht noch am Anfang

«Neben Persönlichkeitsmerkmalen könnte auch der eigentliche Inhalt einer Serie eine Rolle spielen», erklärt Alexander Ort. «Komplexe Serien, in denen parallel mehrere Erzählsträgne ablaufen, haben wohl mehr Potenzial, Zuschauende zu binden und dazu zu verleiten, mehrere Folgen am Stück zu schauen.» So könnte etwa auch das Genre eine Rolle dabei spielen, wie «binge-worthy» eine Serie ist.

Doch die Forschung stünde hier noch am Anfang. Auch in der Frage, was Binge-Watching genau definiert. Bisher wurde in der wissenschaftlichen Literatur oft dann von Binge-Watching – im Gegensatz zum klassischen Serienschauen – gesprochen, wenn Menschen mehr als zwei Episoden am Stück konsumiert haben. Diese Schwarz-Weiss-Kategorisierung gilt heute als überholt. Alexander Ort definiert Binge-Watching als «den Konsum mehrerer Episoden einer Serie am Stück, wobei die Länge der Episoden wohl ein ausschlaggebender Faktor für die Dauer des Bingens sein dürfte».

Es stelle sich darüber auch die Frage, ob wir immer noch Binge-Watching betreiben, wenn wir uns nicht zu 100 Prozent auf den Inhalt fokussieren. Etwa wenn wir nebenher die Wohnung ausmisten, am Laptop arbeiten oder uns mit Kollegen über Whatsapp austauschen. Setzt Binge-Watching also unsere volle Aufmerksamkeit voraus? Darauf hat die Forschung selbst noch keine Antwort.

Durchatmen! Intensiver Medienkonsum ≠ problematisch

Auch stellt sich die Frage, wie ungesund Binge-Watching ist. Und ob es vergleichbar mit anderen Süchten ist. «Binge-Watching ist per se erst einmal nicht problematisch und schon gar keine Sucht», stellt Alexander Ort klar. «Primär handelt es sich dabei schlicht um eine spezielle Form des intensiven oder auch mal exzessiven Medienkonsums.»

«Binge-Watching kann auch psychisch entlastend sein.»

«Lesesucht», «Radiosucht», nach Games süchtige Teenies oder ob wir von Social Media nicht mehr loskommen – dass wir süchtig nach bestimmten Medien sein könnten, wird immer wieder zum Thema. «Sobald technologische Innovationen eine neue Form von Mediennutzung ermöglichen, führen wir in der Gesellschaft immer wieder aufs Neue Diskussionen über die Folgen der exzessiven Nutzung dieser neuen Angebote.» Klar sei es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, in welchen Fällen das Konsumieren dieser Inhalte zu Problemen führt oder sogar zu einer Sucht werden kann.

Schliesslich mache die Dosis das Gift, wie bei vielem. Wenn exzessiver Serienkonsum über einen längeren Zeitraum wiederholt jeden Tag stattfindet und man deswegen Familie, Freunde, Beruf und Hobbys vernachlässigt, könnte es problematisch werden. Oder auch, wenn wir durch die Nutzung keine Zeit mehr für einen körperlichen oder mentalen Ausgleich beziehungsweise Erholung haben. «Mediennutzung bedeutet Arbeit für unseren Kopf, da wir ihn mit Reizen und Inhalten konfrontieren. Und auch das leistungsfähigste Hirn braucht eben auch mal Erholung», sagt Ort.

Taktiken, wir wir den Stoppknopf finden

Damit es gar nicht erst zu negativen Folgen für uns kommt, entwickeln viele bereits selbst Strategien fürs Binge-Watching. Taktiken, mit denen wir es dann eben doch schaffen, zur Fernbedienung zu greifen und auf den Stoppknopf zu drücken. Im Rahmen des Laborexperiments erzählten Teilnehmende beispielsweise, dass sie bei Serien, in denen jede Episode mit einem Cliffhanger aufhöre, einfach immer mitten in einer Folge mit dem Schauen aufhören.

Dem Kommunikationswissenschaftler ist es wichtig, mit Vorurteilen gegenüber intensiven Formen des Medienkonsums aufzuräumen und den Menschen durch eine differenzierte Betrachtung die Bedenken zu nehmen. «Oftmals wird der intensive Medienkonsum verteufelt – dabei sollte man sich zuerst fragen, ob er wirklich grundsätzlich so problematisch ist, wie angenommen.» Denn: «Binge-Watching kann auch psychisch entlastend sein.» Wenn man beispielsweise Serien guckt, um abzuschalten, sich aus einer stressigen Situation rauszuholen. Oder sich schlicht von ihnen unterhalten zu lassen. Schliesslich seien sie ja genau dafür gemacht.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Alexander Ort
  • Medienmitteilung der Universität Luzern
  • Internetrecherche zu psychologischen Theorien wie «Need of cognitive closure» und Transportation-Theory
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.