Gesellschaft
Luzerner Weihnachtsschmuck-Lädeli

«Von mir aus könnte das ganze Jahr Weihnachten sein»

Anna Willisegger zeigt in ihrem Laden einen Arm eines antiken Hängeleuchters. (Bild: rob)

Seit 35 Jahren verkauft das Ehepaar Willisegger in Luzern Weihnachtsschmuck – zu jeder Jahreszeit. Liebevoll und akribisch sammeln sie Kunstwerke aus halb Europa. Der Laden ist vollgestopft mit Engeln, Jesusfiguren, Samichläusen und Co. Sammler aus der ganzen Welt decken sich hier mit Baumschmuck ein. Noch weihnächtlicher geht gar nicht mehr.

Was ist dieses Jahr der letzte Schrei? Alles in Rot oder wild durcheinander, echte Kerzen oder künstliche? Oder einfach dieselben – billigen – Kugeln vom letzten und vorletzten Jahr aus dem Keller holen? Für solche Problemstellungen hat Anna Willisegger nur ein mildes Lächeln übrig. Nie würde die 72-Jährige auf die Idee kommen, einen Christbaum mit billigem Plastik zu behängen. Das wird sofort klar, wenn man den Laden an der Haldenstrasse 11 in Luzern betritt.

Der kleine Raum überquillt förmlich mit all den Dingen, die hier dicht nebeneinander aufgereiht sind. Kein Quadratzentimeter, der nicht mit irgendetwas belegt ist. Was heisst hier irgendetwas? Auch für das unkundige Auge wird rasch klar, dass sich hier unzählige Kunstwerke aneinanderreihen, die von höchster handwerklicher Qualität sein müssen. Und es auch sind.

«Verrückt, was die da machen»

Anna Willisegger fängt an, Stück für Stück hervorzunehmen und deren Entstehungsgeschichte zu erzählen. Da wäre zum Beispiel eine sogenannte Grulich- oder Kraliky-Krippe aus dem gleichnamigen heute tschechischen Wallfahrtsort Kraliky. Ein Exemplar steht im Schaufenster, alles ist von Hand geschnitzt und bunt bemalt. «Mein Mann und ich sind begeistert von diesen handgeschnitzten Figuren», sagt Anna Willisegger.

Vor zwei Jahren haben sie und ihr Mann den Herrn besucht, der die wunderschönen Holzkrippen herstellt. «Nur noch er macht solche Krippen, ansonsten ist diese Tradition ausgestorben.» Entsprechend hat diese Rarität auch ihren Preis: Ab 400 Franken ist eine Krippe zu haben.

«Wir haben viele Sammler aus allen möglichen Ländern, die vorbeikommen.»

Anna Willisegger

Anna Willisegger nimmt eine durchsichtige Weihnachtskugel, welche mit leonischem Silberdraht verziert ist, in die Hand. Sie stammt aus dem Thüringer Wald, die Glasblastechnik geht auf eine rund 160-jährige Tradition zurück. «Diese Art von Kugeln macht heute nur noch eine einzige Frau», erzählt Willisegger. Und sie zeigt weitere seltene Stücke, welche alle ihre eigene Geschichte haben.

Alles führt in den Osten Deutschlands

Wie nur kommt all dieser Weihnachtschmuck nach Luzern? Anna Willisegger und ihr Mann fahren jedes Jahr für mehrere Wochen ins Ausland und besuchen Orte, wo die Tradition des Weihnachtsschmuck-Handwerks noch gelebt wird. Im Gebiet des Thüringer Waldes im Osten Deutschlands und in Tschechien findet das Paar eine Vielfalt von wunderbarem Schmuck vor. «Die Reisen sind sehr spannend, aber auch ziemlich anstrengend», erzählt Anna Willisegger. 900 Kilometer sind es bis nach Görlitz, insgesamt legen sie 3300 Kilometer zurück. Und am Schluss ist das Auto prall gefüllt mit Weihnachtsschmuck. Entsprechend ziehen sich die Formalitäten am Zoll jeweils in die Länge.

So füllt sich der Laden an der Haldenstrasse mit Trouvaillen aus deutscher und tschechischer Handwerkskunst. Dass das Geschäft eine Fundstätte für Liebhaber von historischem Weihnachtsschmuck ist, hat sich nicht nur bei den Luzernern herumgesprochen. «Wir haben viele Sammler aus allen möglichen Ländern, die vorbeikommen», sagt Willisegger. Besonders viele ausländische Besucher verzeichnet sie während der Zeit des Lucerne Festival.

Es türmen sich Schachteln über Schachteln

Anstrengende Reisen, die Arbeit mit dem Sortieren der Ware und lange Tage im Laden: Warum tun sich das die beiden Pensionäre an? Es sei einfach eine Leidenschaft, meint Anna Willisegger. Und das seit über 35 Jahren. Zuerst betrieben sie und ihr Mann ein Geschäft, bei dem sie antike Möbel polsterten und verkauften. Immer mehr handelten sie aber auch mit Weihnachtsschmuck.

«Kunstvoll hergestellter Weihnachtsschmuck ist nun mal nicht für zwei Franken zu haben.»

Tag für Tag steht Anna Willisegger in ihrem Laden, von 9 bis 17 Uhr. Dabei steht sie immer, absitzen gibt es nicht. «Ich ertrage sehr viel», sagt sie nur. Und zu tun gibt es immer genug, auch wenn keine Kundschaft im Laden ist. «Es steckt viel mehr Arbeit dahinter, als man vermuten würde», sagt sie. Schliesslich müssen die unzähligen Stücke peinlichst genau geordnet, sortiert und gelagert werden. Unter der Theke und im hinteren Teil des Geschäfts türmen sich Schachteln über Schachteln. Wenn ein Kunde etwas Spezielles sucht, muss sie stets wissen, wo was ist.

Nicht nur für Reiche

Schnäppchenpreise gibt es bei den Williseggers kaum. Obwohl sie betont, dass schöner Weihnachtsschmuck nicht nur für Reiche erschwinglich sein soll. Deshalb achte ihr Mann stets darauf, dass sie beim Einkauf nicht allzu hohe Preise bezahlen müssen. «Aber kunstvoll hergestellter Schmuck ist nun mal nicht für zwei Franken zu haben», sagt Anna Willisegger. Obwohl sie auch günstige Stücke im Angebot haben. Die Preisspanne bewege sich zwischen zwei und zweihundert Franken – pro Stück.

Jetzt, kurz vor Weihnachten, haben die Williseggers besonders viel zu tun. Obwohl sie, wie sie betonen, das ganze Jahr über Weihnachtsschmuck verkaufen. Aber im Advent haben sie verständlicherweise mehr Kundschaft im Laden als im Juni oder Juli. An Heiligabend seien sie jeweils schon ziemlich müde, gibt Anna Willisegger zu. Darum feiern sie erst am 25. zu Hause in ihrem Haus. Dafür aber jeden Abend bis zum 6. Januar. Sie sei zwar nicht religiös, betont Anna Willisegger. Aber die Liebe zum weihnächtlichen Brauchtum lässt sie einfach nicht los, weder beruflich noch privat.

Bäume, die an der Decke hängen

Selbstverständlich wird bei den Williseggers punkto Baumschmuck nicht gespart. Nebst einem «möglichst grossen» Weihnachtsbaum stehen noch viele kleine Bäume im Haus – einer davon ist gemäss alter Tradition an der Decke aufgehängt. Alle sind reich behangen mit Weihnachtsschmuck aus der privaten Sammlung der Familie Willisegger. «Wir haben einige sehr schöne und wertvolle Sachen», versichert sie.

Auf jeden Fall sehe ihr Haus zurzeit aus wie ein riesiges Antiquariat, meint Anna Willisegger. Alles sei voll mit Figuren, Schmuckstücken, Krippen und reich verzierten Christbäumen. Zu Hause und im Geschäft dreht sich alles um Weihnachten: Wird ihnen das nicht fast etwas zu viel manchmal? Nein, sagt sie. «Wir haben einfach Freude an diesen alten handwerklichen Traditionen. Von mir aus könnte das ganze Jahr Weihnachten sein.»

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