Gesellschaft
Weihnachten für Kriegswerkzeugs-Enthusiasten

Vom Sackmesser bis zum Maschinengewehr: die Luzerner Waffenbörse

Messer an der Waffenmesse Luzern: Eher für Karotten oder Steaks?

(Bild: Heinz Steimann)

Am Anfang der Messe verteilt die Polizei Waffenerwerbsscheine, am Ende verlassen die Besucher das Gelände mit prallen Plastiktaschen: ein Bericht aus dem Paralleluniversum der Luzerner Waffenmesse.

Da treibt es jedem Waffenfan Freudentränen in die Augen: Kriegswerkzeug, wohin das Auge reicht. Vom mittelalterlichen Schwert bis zum hochmodernen Maschinengewehr gibt es an der Luzerner Waffenbörse alles. Sammler, Jäger, Sportschützen und Freunde der Militärgeschichte, sie alle kommen ganz bestimmt auf ihre Kosten. In den Hallen drei und vier auf der Luzerner Allmend wird an diesem Wochenende geklotzt und nicht gekleckert. Immerhin ist die Schweizer Waffen-Sammlerbörse mit ihren erwarteten 10’000 Besuchern und 103 Ausstellern nach eigenen Angaben eine der bedeutendsten Waffenbörsen Europas.

Enormer Andrang

Um 10.30 Uhr dieses schönen Samstagmorgens hat sich vor den drei Kassen am Eingang bereits eine lange Schlange gebildet. In Halle drei herrscht grosse Geschäftigkeit, als ich eintrete. Die verschiedenen Stände sind dicht aneinandergereiht und die mehrheitlich männlichen Besucher inspizieren die ausgestellten Waren mit einer Mischung aus fachkritischem Interesse und bubenhafter Bewunderung.

Die Luzerner Waffenmesse ist sowas wie Weihnachten für Kriegswerkzeugs-Fans.

Die Luzerner Waffenmesse ist sowas wie Weihnachten für Kriegswerkzeugs-Fans.

(Bild: Heinz Steimann)

Gleich neben dem Eingang wird man von der Polizei begrüsst, die hier ihren eigenen Stand betreibt. Zwei ältere Beamte geben freundlich über das Schweizer Waffengesetz Auskunft und helfen gleich noch beim Ausfüllen eines Gesuchs für einen Waffenerwerbsschein – ein Angebot, das rege genutzt wird. An den verschiedenen Ständen wird derweil fleissig gefachsimpelt: über Waffenmodelle, Munition, Zielfernrohre, den richtigen Schalldämpfer und vieles mehr. Fachchinesisch für den Laien wie mich.

Weihnachten für Waffenfans

«Geil», kommt es unisono aus den Mündern dreier Mittzwanziger, die vor einem hochmodernen Maschinengewehr stehen und es bestaunen. Scheinbar kennen sie den Aussteller, denn dieser begrüsst sie nun fröhlich. «Immer noch mit leeren Händen», bemerkt er. «Nicht mehr lange», erwidert ein anderer mit glänzenden Augen – es herrscht Weihnachtsstimmung unter den Waffenfans.

An einem anderen Stand beklagt sich ein älterer Herr in ärmelloser Lederweste und mit der kleinen Lesebrille auf der Nasenspitze bei einem Aussteller darüber, dass es schwer sei, für sein Gewehr heute noch Munition zu finden, da sie kaum mehr hergestellt wird. «Davon habe ich zu Hause noch ganz viel», antwortet der Aussteller, «Sie müssen mal bei mir vorbeikommen, dann können wir noch zusammen schiessen gehen.»

Den Sheriff-Stern gibts gleich dazu: Ein Colt für die hauseigene Waffensammlung.

Den Sheriff-Stern gibts gleich dazu: Ein Colt für die hauseigene Waffensammlung.

(Bild: Heinz Steimann)

Eigenwillige Faszination

Es ist unglaublich, wie viele unterschiedliche Waffen es doch gibt: Colts, Pistolen, Gewehre, Messer, Armbrüste, Bögen und das alles in den verschiedensten Farben und Formen. Ich bin bereits völlig übersättigt, als ich Halle vier betrete und sofort den Lauf eines Gewehrs auf mir spüre, das ein Besucher probeweise angelegt hat. Der Lauf wendet sich zwar wieder von mir ab, doch das mulmige Gefühl bleibt zurück.

Wie sich herausstellt, war Halle drei nur der Vorgeschmack auf das, was in Halle vier wartet: nämlich noch mehr Waffen. Gleich am ersten Stand legen Besucher die Maschinengewehre an, richten sie schräg nach oben zur Decke und blicken hochkonzentriert durch die Zielfernrohre, als befänden sie sich auf der Vogeljagd.

Ein Gewehr mit Sicherheitsfunktion

Überall werden Pistolen und Gewehre vorgeführt und die technischen Finessen erläutert und diskutiert. Besonders kritisch befasst sich ein deutscher Herr Mitte vierzig mit einem Gewehr, über dessen Vorgängermodell er eine Diplomarbeit geschrieben hat, wie er erzählt. Er will ganz genau wissen, wie sich das neue Modell vom alten unterscheidet, und hakt immer wieder kritisch nach. «Nein, auseinandernehmen dürfen Sie es hier nicht», wiegelt der Standbetreiber schliesslich ab, als der Deutsche ans Eingemachte gehen möchte.

Am Ende von Halle vier befindet sich ein kleiner Stand des österreichischen Waffengeschäfts Ritter und Stark. Ein Herr mit kurzen Haaren und schickem Anzug stellt zwei jungen Männern das neueste Hightech-Gewehr seiner Firma vor. Interessiert hören die beiden zu, wie er ihnen die neuesten Verbesserungen erläutert. Hinter ihm ist ein Flachbildschirmfernseher angebracht, worauf die Hochglanzwerbung seiner Firma zu sehen ist. Besonders stolz ist der Waffenverkäufer auf die neuen Sicherheitsfunktionen des Gewehrs, die dafür sorgen, dass dem Schützen auch bei einer kleinen Unachtsamkeit nichts passiert.

Dem Typen mit Gewehr sollte man nicht wiedersprechen: Finger weg vom Schweizer Waffengesetz fordert der Flyer.

Dem Typen mit Gewehr sollte man nicht widersprechen: «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht» fordert der Flyer.

(Bild: gup)

Widerstand gegen die Waffenfeinde

Nach zwei Stunden habe ich endgültig genug gesehen. Beim Rausgehen nehme ich noch einen der Flyer mit, die überall aufliegen. Ein Mann im T-Shirt mit Schweizerkreuz auf der Brust, Maschinengewehr im Arm und flankiert von zwei Pistolen hält seine rechte Handfläche nach vorne: «Ob EU oder Bern: Finger weg vom Schweizer Waffenrecht!», steht in grossen dicken Lettern da, «Egal, welche Verschärfungsansätze aus Brüssel oder Bern kommen, egal ob heute oder morgen. Wir lehnen sie kategorisch ab.» Ich kann mir irgendwie nicht helfen, aber die Worte «Zum Widerstand formieren» in Verbindung mit den Waffen wirken auf mich leicht bedrohlich. Jedenfalls werde ich die Gruppe nicht auf Facebook liken, wie mich der Flyer auffordert.

Mit mir verlassen zufriedene Waffenliebhaber mit vollen Plastiktaschen die Messe. Draussen scheint mir die Sonne entgegen und ich komme mir ein wenig so vor, als wäre ich gerade aus einem merkwürdigen Paralleluniversum nach Hause zurückgekehrt. Ich bin ein wenig erleichtert.

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