Gesellschaft
Kulturzentrum – daran scheiterte es letztes Mal

Villa von Rachmaninoff sollte ein «Jumbo-Hotel» werden

Wo heute die Villa Senar steht, sollte in den 80er-Jahren ein Hotel mit bis zu 600 Zimmern gebaut werden. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Friedli, Werner)

Der Kanton Luzern will die Villa Senar des berühmten Komponisten Serge Rachmaninoff kaufen und dort ein neues Kulturzentrum einrichten. Weitaus spektakulärere Pläne gab es schon vor 40 Jahren. zentralplus ist in die Archive gestiegen.

Für rund 16 Millionen Franken kauft der Kanton Luzern eine Villa am Vierwaldstättersee (zentralplus berichtete). Im denkmalgeschützten Bau finden künftig Ausstellungen, kleine Konzerte und Kunst-Kurse statt. Nicht nur den oberen Zehntausend, sondern allen Luzernerinnen steht das ehemalige Haus des weltbekannten Komponisten offen (zentralplus berichtete).

Die Kultur sollte schon in den 1980ern in die Villa einziehen. Damals schwebte dem deutschen Philosophie-Professor Franz Körner ein Luxus-Erholungscenter für die Oberschicht vor, wie ein Blick ins Staatsarchiv Luzern zeigt. «Elitäre Führungskräfte» aus aller Welt sollten am Vierwaldstättersee «ihre innere Mitte» wiederfinden. Angefangen beim japanischen Grossfürsten über Industrie-Manager und Fabrikanten bis hin zu Universitätsrektoren, Juristen und Schriftstellern.

Manager auf der Suche nach der «inneren Mitte»

Die Vision des Professors klingt aus heutiger Perspektive wie eine Mischung aus Luxus-Burnout-Klinik, Jetset-Hotel und Universität. Sie war als Antwort auf den gesellschaftlichen Zerfall gedacht. «Jahrzehntelange anthropologische Forschung hat ergeben, dass die in unserem Kulturkreis zunehmend deutlicher (...) zu beobachtenden Verfallerscheinungen ihre tiefste Ursache im ‹Verlust der inneren Mitte› haben», heisst es in dem Exposé, das er an die Luzerner Regierung schickte.

Dem «Untergang des Abendlandes» könne die Gesellschaft «nur unter Aufbietung aller verfügbaren positiven Kräfte entgegenarbeiten», fand Körner. Wie? Die Antwort des Professors war es, «den vielen Führungskräften einen neuen Zugang zu den uralten, nur in der Stille und Besinnlichkeit sich erschliessenden Grundkräften des menschlichen Daseins zu ermöglichen». Konkret wollte er existenzanalytische Therapien anbieten. Dabei geht es – vereinfacht gesagt – darum, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben.

Fünf-Sterne-Hotel mit 400 Betten

Die Villa Senar und das grosszügige Grundstück in Hertenstein direkt am See, wo Serge Rachmaninoff von 1931 bis 1939 die Sommermonate verbrachte, verkörpern Luxus. Urs Ziswiler, Präsident der Stiftung Serge Rachmaninoff, erzählt im Video, wie es dazu kam, dass er sich hier niederliess.

Professor Franz Körner wollte 1979 daraus ein «landschaftsförderndes Schlösschen» machen, das bald zum «Touristen-Magnet werden sollte. «Dadurch würde aus einer der schönsten, aber seit Jahrzehnten schon fast ungenutzten, brachliegenden Parkvillen ein attraktives Kleinod», schwärmte er.

Konkret wollte er ein Fünf-Sterne-Hotel mit 400 Betten bauen. Die doppelstöckigen Häuser sollten in zwei grossen Viertelkreisen um die Rachmaninoff-Villa angeordnet werden. Das ehemalige Wohnhaus des Komponisten sollte zu einem Restaurant-Schlösschen erweitert werden, wo Sommernachtsbälle und Modeschauen stattfinden sollten.

Auch wenn im Konzept von Feuerwerk, Wasserski und einem Schlosscasino im Kellergeschoss die Rede ist: Im Vordergrund sollte die «ganzheitliche Regeneration an Geist und Körper» stehen. Nach dem Motto «Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist im gesunden Körper», wollte sich der Professor Platons Philosophenschule am Hain des Halbgottes Akademos zu Athen zum Vorbild nehmen.

Grosse Versprechen für grosse Investitionen

«Es wird nicht lange dauern, dann ist das Seeschloss Rachmaninow nicht nur des weltbekannten Künstlernamens wegen, sondern vor allem als geistiges und landschaftliches Kleinod der Zentralschweiz gerade in der elitären Gesellschaft weit über die Grenzen Europas hinaus ein internationaler Begriff, ohne den man sich den Kanton Luzern überhaupt nicht mehr vorstellen kann», versprach Körner vollmundig.

Ganzjährig sollten Kulturveranstaltungen und Gesprächsrunden auf den Gebieten Philosophie, Theologie, Psychologie, Anthropologie und Pädagogik, aber auch Musik, Theater, bildende Kunst und Technik, Medizin, ja sogar zum Bankwesen stattfinden.

Eine «zentraleuropäische Begegnungsstätte der internationalen Wissenschaften und Künste», wollte der Professor schaffen – und damit den Weg ebnen für den Aufbau einer eigenen Universität in Luzern. Der Professor war derart überzeugt, dass dieser Doppelschwerpunkt (Kur- und Bildungshaus) ein Renner würde, dass er sich um die Finanzierung keinerlei Sorgen machte.

Die Idee ist so gut – da muss das Geld sprudeln

Die Idee entspreche der Ganzheitlichkeit des Seele-Leib-Wesens Mensch, dessen geistiges und körperliches Heil untrennbar miteinander verknüpft sei. «Da bekanntlich alles, was dem Wesen des Menschen ganz entspricht, von diesem um ein Vielfaches besser akzeptiert und honoriert wird, ist fraglos auch die Rentabilität des Projekts gesichert», schrieb er zu der Frage, wie das Bauprojekt finanziert werden sollte. Das klingt gelinde gesagt naiv, bös gesagt grössenwahnsinnig.

Heute im Trend: Betreutes Wohnen

Sehr modern erscheint heute die Idee von Seniorenappartements, die in dem Exposé skizziert wird. «Der Service reicht vom Frühstück am Bett über die Nachtwache im Krankheitsfall bis hin zur Reservierung eines Sonnenplatzes auf der Dachterrasse des Schlosses», schreibt der Professor dazu. Diese biete einen so «herrlichen Fernblick», dass auch «Gehbehinderte noch voll entschädigt» würden. Die Appartements sollten verkauft werden und vielen «potenten Kapitalanlegern hoch geschätzte Möglichkeiten» bieten. Der Professor rechnete damit, noch vor Baubeginn 40–50 Millionen Franken zusammenzuhaben.

Machtanspruch eines Idealisten

Aus Sicht des Professors diente das geplante Kulturzentrum einem guten Zweck. Er habe deshalb den Rachmaninoff-Erben um drei Millionen runterhandeln können. Reine Nächstenliebe dürfte aber nicht die einzige Motivation gewesen sein. Er verlangte, auf Lebenszeit als Geschäftsführer eingesetzt zu werden und bis zu seinem Tod Verwaltungsratspräsident der Betreiberfirma zu sein – mit einer Sperrminorität der Aktien. Ausserdem wollte er selber einen Nachfolger ernennen können, der dann die gleichen Rechte gehabt hätte.

Landschaftsschutz bodigte die Idee

Der Konjunktiv deutet es an. Aus dem Traum wurde nichts. Die Stellungnahme des Landschaftsschutzbeauftragten liess ihn platzen. «Ein derartiges Gross-Projekt würde die noch wenig berührte Halbinsel Hertenstein in untragbarer Weise belasten», schrieb dieser. Er befürchtete, dass ein Präjudiz geschaffen würde für Projekte auf den anderen Halbinseln Meggenhorn, Haslihorn, St. Niklausen und Kastanienbaum. «Zudem wäre es ein Affront gegen die Gemeinde Meggen, die mit grossen Kosten das Schloss Meggenhorn erworben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, um es vor einer massiven Überbauung zu bewahren.»

Das Projekt war letztlich eine Schlappe auf ganzer Linie. Weil das Hotel nicht realisiert wurde, erteilte der Kanton dem deutschen Franz Körner auch keine Aufenthaltsbewilligung. Er musste die Schweiz verlassen.

Damit ereilte das geplante Kulturzentrum das gleiche Schicksal wie zwei Jahre zuvor die Vision eines sogenannten Jumbo-Hotels. Die Idee war, amerikanische Gäste in einem Grossflugzeug in die Schweiz zu fliegen – und alle im selben Haus in Hertenstein unterzubringen. Hochhäuser mit 600 Zimmern sollten die Villa Senar ersetzen. Ob das dem russischen Komponisten gefallen hätte? Wohl kaum. Und auch architektonisch wäre das ein unersetzlicher Verlust gewesen, wie die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder im Video erklärt.

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