Gesellschaft
Luzerner über (versteckten) Rassismus im Alltag

«Viele meinen, Rassismus gegenüber Asiaten sei legitim»

Man kennt ihn in der Stadt: Dominik Schmid. (Bild: )

«Black Lives Matter», schreien die Menschen weltweit. Dabei geht vergessen: Auch Asiaten sind von Rassismus betroffen. Wir haben mit einem betroffenen Luzerner gesprochen.

Wir müssen über Rassismus reden. Die ganze Welt tut’s. Tausende ziehen nach dem brutalen Tod von George Floyd auf die Strassen, es wird auf sozialen Plattformen breit diskutiert, findet Gehör in den Medien.

Doch genauso wie eben «Black Lives Matter», zählen die Leben von Menschen aller Kulturen. In der jetzigen Debatte geht wohl ein wenig unter: Auch Menschen mit asiatischen Wurzeln erleben Rassismus. Hier in Luzern.

Einer davon ist der Krienser Dominik Schmid. Man kennt den umtriebigen Luzerner in der Stadt. Dem gelernten Coiffeur gehört der Friseursalon «Die Stiefväter» beim Luzerner Hirschengraben, er ist Mitinhaber des «Parterre» und des «Nordpol».

Wir treffen den 32-Jährigen an einem Freitagmorgen auf einen Kaffee im «Alfred» in der Neustadt. Schmid, dessen Mutter aus Thailand kommt, hat selbst Erfahrungen mit Rassismus erlebt. X-Mal dumme Sprüche, «Schlitzaugen»-Witze gehört. Oder die Aussage, dass er ein «Random-Asiate bestimmt sein Bruder» sei.

Rassistische «Witze» und Verallgemeinerungen

«Viele meinen, Rassismus gegenüber Asiaten sei auf eine Art legitim», sagt Schmid. Es seien diese Witze. Die Verallgemeinerungen, dass ja alle Asiaten gleich aussehen würden. «Es meint ja niemand wirklich böse.»

«Manchmal stand ich vor den Spiegel und wünschte mir, dass ich gleich wie die andern aussehe.»

Doch: Wo beginnt Rassismus? «Rassismus geht sofort zu weit», so Schmid. «Das ist das Ding. Wenn jemand einen Witz über ein Merkmal des Gegenübers reisst, für welches dieses nicht dafür kann: Dann ist das Rassismus.»

Nirgends zu Hause

Besonders als Kind sei es für ihn hart gewesen. «Manchmal kam ich von der Schule nach Hause, stand vor den Spiegel und wünschte mir, dass ich gleich wie die andern aussehe. Nämlich europäisch.»

Und dann jeweils die Fragen über seine Herkunft. Die Frage, woher man denn «wirklich komme». «Die Kernaussage davon ist ja: Du bist nicht ganz von hier.» Man werde damit von den anderen differenziert. Fühle sich ausgegrenzt. Obwohl man hier aufgewachsen ist, den Schweizer Pass besitzt und Schweizer ist. «Das löst in jedem etwas aus.» Auch bei Ausweiskontrollen habe er sich mehr als einmal anhören müssen, dass «er ja gar nicht wie ein Schweizer» aussehe.

Wohl jeder Ausländer mache solche Erfahrungen, sagt Dominik Schmid. Dass man als Schweizer mit ausländischen Wurzeln das Gefühl habe, überall als Ausländer wahrgenommen zu werden. Als Aussenseiter.

Corona machte es noch schlimmer

Gerade zu Corona-Zeiten haben die Anfeindungen gegenüber Asiaten zugenommen. Unter dem Hashtag #iamnotavirus haben zahlreiche über fremdenfeindliche Erlebnisse geklagt. Dominik Schmid selbst hat in den letzten Wochen nichts dergleichen erlebt. Aber wenn er mit seiner Mutter unterwegs gewesen sei, habe er gespürt, dass sie genauer angeschaut wird als andere. Einmal sei er gar am Tanken gewesen, seine Mutter war im Auto. Jugendliche zeigten mit dem Finger auf seine Mutter und meinten: «Schau, das ist jetzt das Corona.»

Das Schlimmste ist, nichts zu tun

Früher habe er mitgelacht, wenn jemand einen Witz über Asiaten gemacht habe. Weil er sich nicht getraute, was zu sagen. Weil er unsicher war. Weil die wenigsten, die solche Sprüche fallen lassen, primär Rassisten seien.

Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Schmid spricht die Leute an. Sagt ihnen, dass er Schweizer ist. Wieder und wieder. Sagt fremden Menschen, die behaupten, er sei bestimmt der Bruder von irgendeinem anderen Asiaten, dass das zu weit gehe. Dass das Rassismus ist.

Für die Zukunft wünscht er sich, dass mehr Menschen eingreifen, wenn jemand rassistisch beleidigt wird. Man nicht still nebendran sitzt, wegschaut und nichts tut. Weil Betroffene dann das Gefühl bekommen, dass mit ihnen etwas nicht stimme. Man überempfindlich sei, oder es anderen schlichtweg egal sei. «Das macht einen am meisten fertig.»

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