Soziale Stadtführungen

Verein Abseits Luzern: Ende Jahr ist Schluss

Rund 1‘200 soziale Stadtführungen hat der Verein Abseits Luzern durchgeführt. (Bild: zvg)

Nach rund 1’200 sozialen Stadtführungen und etwa 16’000 Gästen muss der Verein Abseits Luzern sein Angebot einstellen. Dieser Schritt sei nötig, weil zu wenig Guides gefunden werden konnten.

Eine Stadt, wie man sie sonst nicht zu sehen bekommt. Abseits der schicken Museggtürme und der Kapellbrücke. Wo man die Geschichten und Schicksale von Menschen, an denen so mancher im Alltag eher vorbeihastet, kennenlernt: Genau darum gehts dem Verein Abseits Luzern (zentralplus berichtete).

Auf den Stadtführungen zeigen Menschen am Rande der Gesellschaft – vom trockenen Alkoholiker bis zur ehemaligen Heroinkonsumentin – die Stadt Luzern aus ihrer Perspektive. Im vergangenen Sommer sagte Marco Müller, der Präsident und Initiator des Projekts, dass sie ein «echtes Problem» hätten. Wenn sie nicht neue Guides finden würden, könnten sie schon bald keine Touren mehr anbieten (zentralplus berichtete). Im November gab Müller vorerst Entwarnung, sie konnten drei neue Guides finden.

Die Nachfrage ist da

In den vergangenen sechs Jahren hat der Verein rund 1’200 soziale Stadtführungen veranstaltet. Und etwa 16’000 Gäste auf den Stadtführungen begrüssen dürfen.

Doch nun sei bald Schluss, wie Abseits Luzern am Sonntag mitteilt. Der Vorstand hat entschieden, das Angebot Ende 2023 einzustellen. Dazu sagt Marco Müller: «Als ich 2016 die Idee von sozialen Stadtführungen in Luzern lanciert habe, hätte ich nie an einen solchen Erfolg gedacht. Die alternativen Stadtrundgänge, die von sozial benachteiligten Menschen als Guides geführt wurden, haben eine enorme Nachfrage erlebt.» Auch nach der Covid-Pandemie habe sich der Verein kaum vor Anfragen retten können, obwohl sie keine Werbung gemacht haben.

Neue Guides zu finden, ist gar nicht so einfach

Auf Anfrage spricht Marco Müller von «einem lachenden und einem weinenden Auge». «Natürlich sind wir ein wenig traurig, das Angebot einstellen zu müssen.» Doch sei ihm ein geregeltes Ende lieber. Die involvierten Guides und die im Hintergrund engagierten Personen wurden bereits im Juli darüber informiert.

«Unsere Guides bekamen eine Tagesstruktur und konnten an Selbstwertgefühl gewinnen, weil sich andere Menschen für ihre Geschichte und ihren Weg interessieren.»

Marco Müller

«Wir haben insbesondere seit vergangenem Sommer viel unternommen, um weiterhin soziale Stadtführungen anbieten zu können und neue Guides zu finden.» Doch leider ist das gar nicht so einfach. Die Anforderungen an die Guides seien hoch. «Für viele interessierte Personen war schon die Ausbildung eine Hürde. Andere Guides hatten nach einem guten Start persönliche Rückschläge und mussten darum wieder aufhören, etwa wegen stark gestiegenen Suchtverhaltens oder psychischen Krisen.» Doch genügend Guides seien eine Grundvoraussetzung für die längerfristige Fortführung des Angebots.

Menschen abseits der Gesellschaft in den Fokus rücken

Das Ende der Stadtführungen ist laut Müller gleich in dreierlei Hinsicht ein Verlust für diese Stadt. Zum einen hat sich der Verein darum bemüht, dass sozial benachteiligte Menschen, die manchmal etwas abseitsstehen, integriert werden. Zum anderen haben Guides pro Tour mehrere soziale Institutionen – wie beispielsweise das Jobdach, die Gassenarbeit oder die Wärchbrogg – vorgestellt, somit rückte auch deren Wirken in den Fokus. Und ebenso für die noch drei aktiven Guides ist es ein Verlust.

Gemäss Müller haben viele der Guides nämlich eine persönliche Entwicklung bei ihnen durchgemacht. «Darauf bin ich besonders stolz.» Für die Guides sei es sehr wertvoll gewesen, dass sie eine Aufgabe hätten und geachtet würden. «Unsere Guides bekamen eine Tagesstruktur und konnten an Selbstwertgefühl gewinnen, weil sich andere Menschen für ihre Geschichte und ihren Weg interessieren.»

Ein Verlust ist es auch, weil der Verein Abseits Luzern Menschen zusammengebracht hat. «Was mich sehr berührt hat, sind die vielen Begegnungen, die zwischen Guides und Gästen entstanden sind. Menschen kamen ins Gespräch, die wohl nie miteinander gesprochen hätten, wenn sie nur nebeneinander im Bus gesessen hätten.»

Personen, die noch an einer sozialen Stadtführung teilnehmen möchten, können dies noch bis Dezember 2023 tun.

Verwendete Quellen
  • Medienmitteilung Verein Abseits Luzern
  • Telefonat mit Marco Müller
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