Gesellschaft
Schmierereien und kaputte Fenster

Unbekannte bedrohen ukrainisches Zentrum in Reussbühl

Urban Frye ist sehr besorgt über die Schmierereien, die Unbekannte in der Nacht auf Halloween vor dem Prostir hinterlassen haben. (Bild: zvg)

Tausende von Menschen sind vor dem Krieg in der Ukraine nach Luzern geflüchtet. Sie mussten alles hinter sich lassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Nun sorgen mehrere Zwischenfälle um einen Treffpunkt für Geflüchtete dafür, dass sie wieder Angst haben.

Weihnächtlich geht anders. «Mehrere Kinder rannten in den Prostir und warfen eine Petarde ins Haus», steht in der E-Mail, die Urban Frye am Stefanstag bekommt. «Und diese Kinder riefen etwas über Putin…», schreibt eine Zeugin. Das klingt dramatisch. Was war da los am ersten Weihnachtstag im ukrainischen Begegnungszentrum?

Kantonsrat Frye ist einer der Gründer von Prostir, einem offenen Haus für Ukrainerinnen in Reussbühl (zentralplus berichtete). Er hat ein offenes Ohr für die Geflüchteten. Sie erzählen ihm von ihren Schwierigkeiten – beispielsweise in den kantonalen Unterkünften (zentralplus berichtete). Was ihm nun aber aus dem Begegnungszentrum geschildert wird, erschüttert den grünen Politiker.

Polizei bestätigt die Strafanzeige

«Ich weiss nicht, was wir machen können. Die Frauen sind komplett verängstigt», sagt er am Telefon. Der Vorfall an Weihnachten ist der dritte innerhalb von drei Monaten.

Begonnen hat es mit Schmierereien. Unbekannte haben in der Nacht vor Halloween vor dem Prostir das Wort «Russia» auf den Boden und an die Hauswand geschmiert. «Man muss sich das vorstellen: Hierher kommen Menschen, die wegen dem Angriffskrieg der Russen ihre Familie verloren haben. Sie haben ein fragiles Sicherheitsgefühl – und das wird durch solche Schmierereien erschüttert», sagt Frye.

«Alle fragen sich, was wohl als Nächstes passiert.»

Urban Frye

Die Hausbesitzerin – die Baugenossenschaft Reussbühl – hat eine Strafanzeige wegen Sachbeschädigung gestellt, wie die Luzerner Polizei auf Anfrage bestätigt. «Die Täterschaft ist weiterhin unbekannt», sagt Sprecher Urs Wigger.

Ukrainische Kinder wurden verhauen

Zum zweiten Vorfall kam es Mitte Dezember. Gemäss Frye sind mehrere ukrainische Kinder von älteren Schülern an der Schule Ruopigen verprügelt worden. «Besorgte Eltern haben sich bei mir gemeldet. Es soll ziemlich heftig gewesen sein. Man kann das nicht mehr als Schulrauferei abtun», findet Frye. Bei den Schlägern habe es sich um Sek-Schüler gehandelt.

David Schuler, Rektor der Volksschule, bestätigt einen solchen Zwischenfall, ordnet diesen aber anders ein. Ihm zufolge handelte es sich um eine Schneeballschlacht zwischen Mädchen und Jungs im Neuschnee, die schlussendlich ausartete.

Die Schüler mussten sich entschuldigen

«Die Schule hat die Situation mit allen Betroffenen aufgearbeitet; die Jungs, welche die Schneeballschlacht eskalierten, wurden zur Rechenschaft gezogen», schreibt David Schuler auf Anfrage. Sie hätten sich mündlich und schriftlich entschuldigen müssen. «Die betroffenen Mädchen haben die Entschuldigung angenommen; die Eltern der Jungs wurden individuell vom Schulleiter über den Vorfall informiert.»

Dieser sei auch mit Kantonsrat Urban Frye im Austausch gewesen. «Der respektvolle Umgang unter den verschiedenen Kulturen ist an der Volksschule der Stadt Luzern täglich ein Thema», versichert Rektor Schuler. «Die Aufnahmeklassen mit ukrainischen Kindern und die Regelklassen im Schulhaus Ruopigen sind in einem guten Austausch.»

Eine Fensterscheibe ging zu Bruch

Am Weihnachtstag ist im Prostir nach dem unheimlichen Auftritt der Jugendlichen noch eine Scheibe am Küchenfenster zu Bruch gegangen. «Das muss wohl ein Stein gewesen sein», vermutet Urban Frye. Die Verunsicherung im urkrainischen Begegnungszentrum sei gross. «Alle fragen sich, was wohl als Nächstes passiert.»

Nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine im Februar zeigte sich die Schweiz von ihrer solidarischen Seite. Nicht nur die Politik, auch die Bevölkerung nahm grossen Anteil am Leid der Geflüchteten. Kann es sein, dass nach fast einem Jahr Krieg die Stimmung kippt?

Bisher sieht es nicht so aus. Es gibt kaum Medienberichte über Zwischenfälle, bei denen Geflüchtete aus der Ukraine angegriffen oder beleidigt werden. Für Schlagzeilen sorgte lediglich eine Sachbeschädigung in Winterthur. Im Mai hatten Unbekannte ein ukrainisches Auto mit einem Hakenkreuz und einem «Z»-Symbol beschmiert. Mit letzterem kennzeichnet die russische Armee ihre Panzer und Fahrzeuge.

In den Unterkünften ist die Lage ruhig

In den kantonalen Unterkünften in Luzern ist es bislang gemäss der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen (DAF) zu keinen Sachbeschädigungen gekommen, die darauf schliessen liessen, dass die Täter mit der Unterbringung von ukrainischen Geflüchteten nicht einverstanden wären. Auch Zwischenfälle von verbaler oder physischer Gewalt gegenüber Geflüchteten seien nicht bekannt, so der Kanton.

Dass es trotz der massiven Flüchtlingswelle so ruhig bleibt, dürfte die Behörden erstaunen: Der Kanton Luzern hatte damit gerechnet, dass es im Falle eines Grossandrangs von Schutzsuchenden zu «Demonstrationen und vereinzelten Brandanschlägen auf kantonale Asylunterbringungsstrukturen» kommen könnte. Dies geht aus einer umfassenden Risiko-Abschätzung aus dem Jahr 2021 hervor, die allerdings seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine nicht mehr online verfügbar ist.

«Die Unterkünfte müssen in Folge bewacht und vor Übergriffen geschützt werden», heisst es im Referenzszenario. Die DAF bestätigt auf Anfrage: «Sollte es bei den Zentren zu Vorfällen kommen, wird unser interner Sicherheitsdienst Team Sicherheit & Prävention aufgeboten. Er bietet zudem die Polizei auf, sollte es die Situation erfordern.»

Bei der letzten grossen Flüchtlingswelle 2015 gab es Patrouillen von Sicherheitsbeamten – beispielsweise um die Unterbringung in Ruswil (zentralplus berichtete).

Rechte Gewalt gegen Flüchtlinge aus der Ukraine: Politik hat eine Verantwortung

Kantonsrat Urban Frye ist dennoch besorgt. Auch wenn Flüchtlinge aus der Ukraine bislang weitgehend von rechter Gewalt verschont blieben: Er glaubt eine Häufung von abwertenden Äusserungen über Geflüchtete aus der Ukraine festzustellen. «Ich höre sogar aus meinem Bekanntenkreis Sprüche, dass diese mit einem SUV oder einem BMW rumfahren würden», erzählt er. Er hat den Eindruck, dass die Verunglimpfungen zunehmen.

Der Kantonsrat spielt damit unter anderem auf die Behauptung des Luzerner Sozialdirektors an, ukrainische Geflüchtete hätten hohe Ansprüche und würden teils sogar nach Botox verlangen. Dies sagte Graf in der November-Session des Kantonsrats. Später relativierte er im «Tages-Anzeiger», solche Anfragen seien nicht die Regel, sondern seien vereinzelt vorgekommen.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Urban Frye
  • Telefonat mit Urs Wigger
  • Schriftlicher Austausch mit der Kommunikationsstelle der Stadt Luzern
  • Artikel im «Tages-Anzeiger» über den Zwischenfall in Winterthur
  • Web-Archive-Link: Kataplan des Kantons Luzern
  • Mailkontakt mit der Dienststelle Asyl-und Flüchtlingswesen
  • Chronologie der rassistischen Zwischenfälle der Stiftung gegen Rassismus (GRA)
  • Videoaufnahmen von der Kantonsratssession im November
  • Artikel im «Tages-Anzeiger» über die Äusserungen von Guido Graf
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