Gesellschaft
Nach Vergewaltigung in Luzern

Tipps einer Kampftrainerin: «Selbstverteidigung beginnt im Kopf»

Nachts empfiehlt es sich, den Heimweg über gut beleuchtete Hauptstrassen anzutreten. (Bild: Stadt Luzern)

In der Stadt Luzern ist am Wochenende eine Frau vergewaltigt worden. Der Fall ruft schlechte Erinnerungen hervor. Bereits vor einigen Jahren hat ein Mann mehrere Frauen vor Luzerner Clubs abgepasst, auf dem Heimweg angegriffen und sexuell genötigt. Die Selbstverteidigungstrainerin Anita Nisple erklärte gegenüber zentralplus, wie man sich erfolgreich zur Wehr setzt.

Der Mann schlug in den frühen Morgenstunden zu, als kaum noch jemand auf den Strassen unterwegs war. Seine Opfer suchte er sich unter Clubbesucherinnen aus, die sich nach den Partys alleine auf den Nachhauseweg machten. Zunächst redete er harmlos auf sie ein, dann wurde er plötzlich handgreiflich.

Eines seiner Opfer verhinderte eine Vergewaltigung, indem die Frau geistesgegenwärtig gegenüber dem Täter behauptete, sie habe Aids (zentralplus berichtete). Die zweite Frau schaffte es, ihn zu vertreiben, indem sie laut um Hilfe schrie. «Das ist eine glorreiche Reaktion, das haben Sie super gemacht», sagt die Luzernerin Anita Nisple, die seit Jahren Frauen in Selbstverteidigung trainiert.

Notsituation? Oder ein relativ harmloser Streit?

Anita Nisple rät, in solchen Situationen statt «Hilfe» laut «Feuer» zu rufen. «Wenn man um Hilfe ruft, passiert es oft, dass Passanten selber erschrecken und sich nicht in Schwierigkeiten bringen wollen. Wenn sie aber glauben, es sei ein Brand ausgebrochen, rufen sie eher um Hilfe», sagt Nisple.

«Wer derart angegriffen wird, hat das Recht, sich mit allen Mitteln zu wehren.»

Anita Nisple, Trainerin

Oft sei es auch ein Problem, dass für zufällige Augenzeugen nicht klar ist, ob es sich wirklich um eine Notsituation handelt – oder um einen relativ harmlosen Streit. «Deshalb ist es wichtig, Beobachter direkt anzusprechen.» Am besten sei eine konkrete Aufforderung. Beispielweise: «Sie da, mit der schwarzen Jacke! Rufen Sie die Polizei!»

Entschiedene Gegenreaktion ist angesagt

Wenn ein Angreifer sich sexuell nähert, rät Nisple zu entschiedenem Handeln: Nämlich kräftiges Zugreifen, Drücken, Drehen und längere Zeit nicht Loslassen, wo es dem Mann weh tut. «Das löst einen derartigen Schmerz aus, dass der Täter wehrlos ist. Das ist dann die Gelegenheit zur Flucht.»

Es gelte, sich in solchen Situationen entschieden zur Wehr zu setzen und keine falschen Hemmungen zu haben. «Selbstverteidigung beginnt im Kopf. Wer derart angegriffen wird, hat das Recht, sich mit allen Mitteln zu wehren und muss es nicht bei einem halbherzigen Gegenangriff belassen», so die Trainerin. Oft höre sie von Frauen, dass diese sich nicht trauen, sich zur Wehr zu setzen. «Dabei haben sie jedes Recht, sich zu schützen!»

Wie verhindert man eine Blockade?

Ein Problem ist, dass Frauen in solchen Situationen teils in einen Schockzustand geraten und dadurch nicht in der Lage sind, sich zu verteidigen. «In unseren Kursen üben wir das deshalb ganz gezielt: Die Teilnehmerinnen werden festgehalten und versuchen, sich zu befreien. Dadurch steigt die Chance, dass sie auch im Ernstfall so reagieren können.»

«Wenn eine Frau selbstbewusst geht, kann bereits das abschreckend wirken auf einen potenziellen Angreifer.»

Die Expertin rät Frauen, einen Kurs zu besuchen. Oder eine solche Situation mal mit einem Freund, Bruder oder Kollegen zu üben, um eine innere Blockade zu vermeiden. Das sei wie das «Rutzen» als Kinder, da lerne man schnell, was funktioniere und was nicht.

Selbstbewusstes Auftreten schreckt Angreifer ab

Aus Sicht von Anita Nisple gibt es noch weitere Möglichkeiten, um Angriffe zu verhindern. Ein wichtiger Punkt sei die Prävention. «Wenn man nachts alleine nach Hause gehen muss, würde ich möglichst gut beleuchtete Hauptstrassen wählen. Es macht Sinn, etwas zur Hand zu haben, mit dem man sich im Bedarfsfall wehren könnte – beispielsweise einen Schlüssel, das Natel oder einen Schirm.»

Wenn eine Frau alleine nachts angesprochen wird, rät Nisple, sich nicht darauf einzulassen und einfach weiterzugehen. Wer verfolgt wird, sollte besser die Richtung wechseln als etwa in eine dunkle Unterführung zu laufen. Wer sich unsicher fühlt, kann auch einen Freund oder eine Freundin anrufen und sich telefonisch nach Hause «begleiten lassen».

Einem selbstbewussten Auftreten komme eine grosse Bedeutung zu. «Wenn eine Frau mit aufrechter Haltung geht, einen kurzen Blick auf einen Mann wirft, der sie anspricht, dann aber ruhig weitergeht, kann bereits das abschreckend wirken auf einen potenziellen Angreifer», ist Nisple überzeugt. «Weil sie ausstrahlt, dass sie kein leichtes Opfer ist.»

Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Oktober 2019.

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