Gesellschaft
Luzernerin verlor Partner

Suizid: Gegen die Ohnmacht hilft das Sprechen

Anita Bättig hat ihren Lebenspartner durch Suizid verloren. Wir haben sie ihn Luzern getroffen. (Bild: ida)

Ein neues Projekt will Suizide im Kanton Luzern reduzieren. Denn oft fühlt man sich hilflos, wenn sich jemand das Leben nimmt oder solche Gedanken äussert. Das weiss auch Anita Bättig: Sie hat vor bald 21 Jahren ihren Partner durch Suizid verloren und litt selbst an suizidalen Gedanken.

Im Dezember sind es 21 Jahre. 21 Jahre, seit sich Roberto das Leben genommen hat. 21 Jahre, seit Anita Bättig ihren Lebenspartner durch Suizid verloren hat.

Es ist ein Thema, über das wir nicht gerne sprechen. Oder wir wissen oftmals schlicht nicht, was wir sagen sollen. Doch darüber reden ist wichtig. Das zeigt auch das Gespräch mit Anita Bättig.

Wir treffen sie bei der Luzerner Psychiatrie, wo sie seit Jahren als Chefarztsekretärin arbeitet. Und setzen uns an diesem heissen Sommertag auf eine Bank im Schatten.

Ihrem Partner ging es immer schlechter

Bättig beginnt, uns ihre Geschichte zu erzählen. «Viele Hinterbliebene erzählen, dass der Suizid überraschend kam. Bei Roberto war das anders.» Zehn Jahre lang waren die beiden ein Paar. In den letzten fünf Jahren veränderte er sich. Der Architekt hatte berufliche und finanzielle Schwierigkeiten, haderte zunehmend mit seinem Leben. «Er war immer ein sehr fröhlicher Mensch, hatte eine grosse Liebe zu seinem Leben.» Sie reisten gemeinsam, sahen viel von der Welt und lachten oft miteinander.

«Früher war er derjenige, der mir die Welt zeigte. Roberto hatte einen Blick für Details. Das änderte sich. Plötzlich habe ich neue Häuser entdeckt.»

Bis sich Roberto änderte. Anfänglich war er schlecht gelaunt, wie Bättig erzählt. Dann kamen Schuldzuweisungen an seine Partnerin und gesundheitliche Probleme. Zunehmend ging es Roberto psychisch schlechter. «Früher war er derjenige, der mir die Welt zeigte. Roberto hatte einen Blick für Details. Das änderte sich. Plötzlich habe ich neue Häuser entdeckt, ihm gesagt, dass das doch eine interessante Architektur sei. Er sah dies gar nicht. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass auch ich gar nicht mehr für ihn existiere.»

Doch er wollte sich nicht helfen lassen

Anita Bättigs Stimme ist ruhig und unaufgeregt. Über das Geschehene kann sie offen reden. Weil sie gelernt hat, dass es guttut, darüber zu sprechen. Und es unglaublich wichtig ist.

Immer wieder habe sie ihrem Partner damals gesagt, dass er sich Hilfe holen müsse. Einen Arzt und das Sozialamt aufsuchen und sich nach einem neuen Beruf umsehen soll. Wegen seiner somatischen Probleme ging er schliesslich zu einem Arzt. «Sonst hat er keine Hilfe angenommen. Das war sehr schwierig für mich.» Mit der Zeit reagierte er gar nicht mehr, wenn Anita ihn bat, sich helfen zu lassen. Oder er weinte einfach.

Anita fühlte sich immer hilfloser. Depressiver. «Ich konnte ihm nicht helfen, ich konnte mir nicht helfen.» Schliesslich ging sie zur Therapie – Jahre, bevor er sich das Leben genommen hat.

Er hinterliess Tagebuch, Brief und Buch

Ein halbes Jahr vor seinem Suizid sprach Roberto seine Gedanken an, sich das Leben nehmen zu wollen. «Ich sagte ihm: Denkst du dabei auch an mich? Und deinen Sohn?»

Irgendwie habe er das Ganze schon aufgenommen. Denn Roberto plante seinen Tod – und dachte an die Menschen, die er zurücklassen wird. Beispielsweise sprach das Paar vor seinem Tod darüber, gemeinsam an die Expo zu gehen. Roberto hinterliess Anita unter anderem ein Couvert. Darin war nur ein Billett für die Fachmesse. Für sich hatte er keines mehr gekauft.

Zwei Tage vor seinem Suizid bekam Anita Bättig ein Paket von ihm. Darin war unter anderem ein Tagebuch mit letzten Notizen von ihm. Gedichte von Hermann Hesse, Seiten, die gefüllt waren mit traurigen Worten. Dazu Schokoladenherzen, die Anita so mochte. Und ein Buch. Jetzt muss auch Anita im Gespräch mit den Tränen kämpfen. Es war ein Buch für Hinterbliebene nach einem Verlust durch Suizid. «Das hat er selbst durchgelesen und für mich wichtige Stellen angestrichen.» Später folgte auch eine Nachricht auf dem Telefonbeantworter und ein Brief.

Hier findest du Hilfe

Reden hilft. Wähle die Nummer 143 der «Dargebotenen Hand», wenn es dir nicht gut geht oder du dir Sorgen um jemand anderen machst. Kostenlos und rund um die Uhr wird dir auch über die Nummer 147 (Pro Juventute) geholfen.

Das Beratungstelefon der Luzerner Psychiatrie ist ebenfalls rund um die Uhr für Direktbetroffene von psychischen Erkrankungen sowie deren Angehörigen unter 0900 85 65 65 erreichbar.

Hinterbliebene nach Suizid finden Unterstützung beim Verein Refugium. Auf nebelmeer.net finden suizidbetroffene Jugendliche Perspektiven. Der Verein Regenbogen ist für Eltern da, die um ein verstorbenes Kind trauern. Das Trauernetz bietet Betroffenen Perspektiven nach einem traumatisierenden Verlust.

Hinterbliebene haben später oft selbst Suizidgedanken

An das erste Jahr nach Robertos Tod erinnert sich Anita Bättig nicht gerne zurück. «Es war ein Kampf ums eigene Überleben.» Denn oft haben Hinterbliebene nach einem Verlust selbst Suizidgedanken. So auch Anita. Sie fühlte sich einsam, wie sie uns erzählt.

Viele Menschen wandten sich von ihr ab, nachdem sich ihr Partner das Leben genommen hat. Die meisten schwiegen. Und wenn sie vom Verlust erzählte, so seien die anderen zurückgewichen. «Ich hätte mir gewünscht, dass mein Umfeld Anteilnahme zeigt. Dass ich gefragt werde, wie es mir damit geht.»

Verein Refugium bietet Hinterbliebenen Unterstützung

Zum Glück hat sich die Luzernerin Hilfe gesucht. Ihr stand eine Therapeutin zur Seite, die nicht lockergelassen hat. «Sie fragte alle zwei Tage nach mir.» Das brauchte Anita auch. «Es gab mir Struktur und Halt, mir das Leben nicht zu nehmen.» Zudem besuchte sie Selbsthilfegruppen, traf Frauen, die ihre Männer ebenfalls durch Suizid verloren haben.

Später hat Anita Bättig im Vorstand des Vereins Refugium mitgearbeitet. Einem Verein für Hinterbliebene nach Suizid. In Luzern hat sie ein Angebot für Hinterbliebene aufgebaut und Selbsthilfegruppen geleitet. Das Sprechen mit anderen half ihr. Und das Dazulernen. Was Menschen in den Suizid treibt und was sie am Leben hält.

Der Realitätscheck hilft bei Schuldgefühlen

Hinterbliebene plagen oft Selbstvorwürfe. Hat man etwas falsch gemacht? Zu viel oder zu wenig? Was Anita Bättig geholfen hat: die sogenannte «Realitätsprüfung». Sie erklärt uns, wie das funktioniert. Punkt für Punkt geht man dabei einzelne Situationen durch. Und schaut rückblickend hin: Was hat ihr Partner gesagt? Wie hat sie reagiert? Und was hätte sie vielleicht anders machen können?

«Am Ende bleibt immer einen Rest von Versäumnissen», sagt Anita Bättig. Im Buch der Psychotherapeutin Verena Kast las Anita: Es gibt keine Beziehung ohne Versäumnisse. «In diesem Punkt geht’s vor allem darum, sich selbst verzeihen zu können.» Und sich auch bewusst zu sein, dass diese Versäumnisse bei einem anderen Menschen nicht zum Suizid geführt hätten.

«Äussert jemand Suizidgedanken, sollte man das auf jeden Fall immer ernst nehmen. Und sie direkt darauf ansprechen.»

Auch Jahre nach dem Suizid von Roberto plagten Anita immer wieder suizidale Gedanken. Nachdem ihre Zwillingsschwester an Krebs gestorben ist, erhielt sie selbst die Krebsdiagnose. Geschwächt von der Chemotherapie und verzweifelt wegen eines lauten Tinnitus als Nebenwirkung konnte sich Anita das weitere Leben nicht mehr vorstellen. Sie wurde hospitalisiert. Still im Zimmer der Klinik setzte sie sich eine Lebensfrist von drei Monaten. Sie versprach, sich in dieser Zeit nichts anzutun. Auch wenn es kaum auszuhalten gewesen sei. «Doch ich erholte mich langsam. Es wurde immer besser.»

In diesen Momenten half es ihr auch, die Frage zu stellen: Was brauche ich, dass ich wieder gern am Leben bin?

So kann man anderen helfen

Was aber tun, wenn jemand anderes Suizidgedanken äussert? «Auf jeden Fall immer ernst nehmen», sagt Anita Bättig prompt. Und: «Betroffene direkt ansprechen. Sie damit zu konfrontieren, was das in einem selber auslöst. Dass man sich grosse Sorgen macht, sich ohnmächtig fühlt. Und sie auch direkt zu fragen: Du hast Suizidabsichten? Warum? Hast du schon einen Plan?» Auf diese Weise merke man, wie konkret die Absichten schon sind. So kann man auch reagieren und unterstützen: Dem Gegenüber anbieten, es zum Arzt zu begleiten oder in akuten Krisensituationen gleich selbst der Ärztin oder der Polizei anzurufen.

In Luzern will man Suizide reduzieren

Oft geschieht ein Suizidversuch in einem psychischen Ausnahmezustand. Die meisten suizidgefährdeten Personen wollen nicht sterben, halten aber das Leben im Moment nicht aus. Diese Krisen seien meistens vorübergehend und alle können davon betroffen sein.

Mit dem neuen Projekt «Sero» – Suizidprävention einheitlich regional organisiert – das unter anderem von der Luzerner Psychiatrie ins Leben gerufen wurde, will man der Suizidprävention mehr Rechnung tragen. «Sero» hat zum Ziel, die Anzahl der Suizide und Suizidversuche in den Kantonen Luzern, Ob- und Nidwalden zu reduzieren. Das Projekt unter der Leitung von Michael Durrer richtet sich an Fachleute, Suizidgefährdete und Angehörige.

Das Projekt umfasst vier zentrale Massnahmen. Für Fachpersonen und Kliniken hat sich die PRISM-S Methode zur zuverlässigen klinischen Einschätzung des Suizidrisikos in Kliniken und Praxen bewährt.

Mit Menschen mit suizidalen Gedanken wird beispielsweise ein Sicherheitsplan erarbeitet, mit dem sie Frühwarnzeichen erkennen und auf Bewältigungs- und Ablenkungsstrategien zugreifen können. Angehörige lernen in einem ensa-Kurs Erste-Hilfe-Gespräche über Suizidgedanken. Und sie erfahren, wie sie in solchen Situationen richtig unterstützten und wo sie sich Unterstützung holen können. Auch eine Selbstmanagement-App steht per Ende dieses Jahres zur Verfügung – für Betroffene wie auch für Angehörige.

Betroffene schätzen das Projekt

Anita Bättig findet das angesprochene Projekt unglaublich wichtig. Vor allem, weil die meisten von uns keine Sprache für Suizid haben. Und man eben in ein Gefühl der Ohnmacht kommt, wenn jemand solche Gedanken äussert oder nicht so recht weiss, wie man mit Hinterbliebenen umgehen soll.

Anita Bättig sagt: «Ich glaube, das ist das Wichtigste: Dass wir lernen, darüber zu sprechen.»

Ab Ende August kann man im Bourbaki Luzern die Ausstellung «Leben, was geht! Suizid im Gespräch mit Hinterbliebenen» in der Stadtbibliothek Luzern besuchen. Zuvor gastierte die Wanderausstellung bereits in Zug:

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Anita Bättig
  • Medienmitteilung zum Projekt «Sero»
  • Website von «Sero»
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