Gesellschaft

Ausgang am Heiligabend in Luzern
Stille Nacht, Party-Nacht

  • Lesezeit: 6 min
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Süsser die Rhythmen erklingen: Ausgang am Heiligen Abend (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Immer mehr wird die Nacht von Heiligabend auf Weihnachten dazu benutzt, um nach dem gemeinsamen Fondue Chinoise bei den Eltern so richtig auf den Putz zu hauen. Der 24. Dezember mausert sich langsam aber sicher zu einem festen Eintrag im Partykalender. Das war nicht immer so und auch heute muss ein Event an diesem Abend nicht zwangsläufig klappen. Aber er kann und tut es immer mehr.

Die Tradition, den Heiligabend im abzuschliessen, geht zurück bis in die frühen 80er Jahre. Dabei waren es aber nicht die klassischen - und Ausgangslokale, sondern Bars und Restaurants, welche zu später Stunde ihre Türen öffneten. Rolf Tschuppert, Inhaber der Wonder-Bar, erinnert sich, «dass damals erste Beizen begannen, am Heiligabend für eine Party zu öffnen. Damals war um 00:30 Uhr Sperrstunde. Zwei, drei Bars, welche auch unter dem Jahr Verlängerungen hatten, öffneten so auch am 24. Dezember. Für die Anderen war es damals schwierig am Heiligabend eine Verlängerung zu bekommen». Eine der ersten Bars, die diese Tradition einläutete, war die «Gerbern» vis-a-vis des heutigen Stadtkellers. Das Lokal war damals Treffpunkt für Homosexuelle und wurde danach zum Striplokal.

«Halbillegale» Partys ebneten den Weg

Die restriktive Verlängerungspolitik dieser Zeit konnte das Partyvolk nicht aufhalten. Und so entwickelte sich der ehemalige «Club 60» an der Tribschenstrasse zu einem beliebten Treffpunkt der alternativen Szene, nachdem der Abend im Familienkreis sein Ende fand: «Das war ein Fasnachtslokal, welches normalerweise bis 22:30 Uhr, am Wochenende bis 00:30 Uhr geöffnet hatte. Am Heiligabend wurde dann halt einfach illegal, oder sagen wir halblegal weitergefeiert», erzählt Tschuppert. Erst in den 90er Jahren breitete sich der Trend der «Christmas Parties» langsam weiter aus.

So öffnete zum Beispiel der Sedel seine Türen, ebenso die Lokale Restaurant St. Magdalena und das Downtown in der Eisengasse. Martin Gössi, Musiker und Veranstalter, weiss noch, wie sich die Party im Sedel von einem Weihnachtsessen langsam aber sicher zu einem Ausgangsevent entwickelte: «Im Sedel gab es dann mal die ‹Punker-Weihnachten› mit einem richtigen Ess- und Trinkgelage. Danach wurde es dann zur Tradition, dass der Sedel die Bar öffnete und man dort das Weihnachtsgeld versoffen hatte.»

Grosser Aufschwung nach dem Millenium

Zum fixen Veranstaltungstag, an welchem auch die klassischen Ausgangslokale ihre Türen öffneten, wurde der Heiligabend nach der Jahrtausendwende. Ein Blick in den Kulturkalender des Kulturmagazins aus dem Jahr 2003 zeigt, dass damals in der Schüür, im ehemaligen Wärchhof und nach wie vor im Sedel geöffnet war. Aber auch in ländlicheren Gebieten, zum Beispiel im Kulturwerk 118 in Sursee, fanden erste Veranstaltungen statt.

Mittlerweile hat der Partygänger am Heiligabend die Qual der Wahl. Alleine in der Stadt Luzern haben laut «zentral+ Veranstaltungskalender» zehn Lokale geöffnet, in Zug deren drei. Besonders augenfällig sind dabei die kreativen Namensfindungen für die Veranstaltungen: Royal Night, Jingle Jam, Kalorienkiller oder Rocking X-Mas heissen die Parties. Dabei werden die Veranstaltungen auch immer besser besucht, wie Rolf Tschuppert anhand seiner Wonder-Bar zu berichten weiss: «In der Wonder-Bar haben wir seit rund zehn Jahren am Heilig Abend immer ab 22:00 Uhr geöffnet. Am Anfang war das überschaubar und vor allem Stammgäste erschienen. Seit sieben, acht Jahren aber kommen immer mehr Besucher. Mittlerweile ist es bis vier Uhr morgens proppenvoll. Es ist einer der besten Abende des Jahres.»

Der Zustupf vom «Grosi»

Gute Erfahrungen am Heiligabend macht auch das Luzerner Casineum. Dabei wird das Publikum auch beschenkt, wie Yves Reitmann von «FirstSoirée», der Veranstalter-Agentur des Casineums erzählt: «Im Casineum gibt es an diesem Abend den Eintritt geschenkt – quasi unser Weihnachtsgeschenk.» Auffallend ist laut Reitmann, dass an diesem Abend vor allem die Stammgäste einkehren und für eine fast schon weihnatliche Atmosphäre sorgen: «Es herrscht immer eine friedliche Stimmung. Die Leute sind gut drauf und konsumieren gut. Es scheint, als haben alle den Zustupf vom Grosi mit in den Ausgang genommen.» Ebenfalls augenfällig präsentiert sich die Abendgarderobe des Publikums und eine gewisse Zurückhalten an der Bar: «Was auffällt ist, dass die Leute eher chic angezogen kommen. Es gibt dann auch keine Totalabstürze, jedenfalls im Casineum. Wenn man so will ist es ein richtig besinnliches Feiern.»

Ebenfalls gute Erfahrungen mit einer Party am Heiligabend macht das Luzerner Jugendradio 3FACH. Seit 2008 veranstaltet dieses eine Weihnachtsparty im Bourbaki. Laut Angela Meier, Marketingverantwortliche von Radio 3FACH, fällt auch an diesem Event auf, dass die meisten Besucher einen finanziellen Zustupf unter dem Weihnachtsbaum liegen hatten: «Auffallend ist, dass ein grosser Teil mit einem «Hunderternötli» bezahlt, welches wahrscheinlich Stunden vorher aus einem Päckli gefallen ist.» Ebenfalls bestätigt Meier eine Tendenz, welche alle angefragten Clubs bestätigten: «Die Leute kommen relativ spät (nach Mitternacht) und sind gut gelaunt und alkoholisiert.»

Die Leute wollen sich einfach treffen

Während unter dem Jahr die Veranstalter oft viel Geld in das Line-Up investieren, scheint es am 24. Dezember keine allzu grosse Rolle zu spielen, wer hinter den Plattenspielern für die Party verantwortlich ist: «Es braucht an diesem Abend keinen Star-DJ oder ein riesen Line-Up», erklärt Reittmann, «als Cubs arbeitet man eher mit seinen Haus-DJ’s und feiert so den Abend mit seiner Community». Auch Meier von Radio 3FACH kann das bestätigen: «Uns ist aufgefallen, dass das Publikum an Weihnachten nicht wegen dem Act kommt, sondern wegen der Party.»

Die von Yves Reittmann beschriebene Community scheint sich dann auch möglichst vollständig treffen zu wollen. Während die funktionierenden Weihnachts-Parties quasi überrennt werden, ist es für andere Veranstalter schwierig, sich an diesem Abend im Markt zu behaupten. So hat der Sedel seine eigene Veranstaltung eingestellt. Laut Boris Rossi, Barchef der Club-Bar, «mag es pro Szene nicht all zu viele Anlässe vertragen. Darum haben wir uns der 3FACH-Party im Bourbaki angeschlossen. Diese zu konkurrenzieren macht für uns keinen Sinn». Ebenfalls aus dem Weihnachtsgeschäft zurückgezogen hat sich das Konzerthaus Schüür, wie der künstlerische Leiter Thomas Gisler erzählt: «Bis 2010 veranstalteten wir jeweils eine Hip Hop-Party. Ein Jahr später versuchten wir eine British-Party zu lancieren, welche aber mit 27 Besuchern nicht funktionieren wollte.» Seither bleibt die Schüür am Heiligbend geschlossen, was laut Gisler aber auch seine Vorteile hat: «Wir gönnen unseren Mitarbeitern gerne auch mal einen freien Abend.»

Für die Kirchen steht das gemeinsame Feiern im Vordergrund

Feiern bis die Wände wackeln und das am Heiligabend. Gegen diesen Trend hat die Katholische Kirche der Stadt Luzern nichts einzuwenden, wie der Kommunikationsverantwortliche Urban Schwegler erklärt: «Am Heiligenabend zu feiern ist nichts entgegen zu setzen. Das gemeinsame Feiern entspricht schliesslich der christlichen Tradition.» Auf die Frage, ob dafür unter dem Jahr nicht genügend andere Abende zur Verfügung stünden, antwortet Schwegler pragmatisch: «Wir haben keinen Anspruch den Menschen vorzuschreiben, wie und wann sie feiern sollen. Das tun wir unter dem Jahr ja auch nicht, daher würde das am Heiligabend auch kein Sinn machen.»

Genau so tolerant zeigt sich in dieser Frage auch die Reformierte Kirche des Kanton Luzerns, wie der Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit Stefan Sägesser wissen lässt: «Wenn die ‹Jungen› am Heilig Abend feiern wollen, dann sollen sie das tun. Weihnachten ist ja ein Fest der Zusammenkunft und des gemeinsamen Feierns. Warum also nicht im Ausgang miteinander feiern. Die Parties sind keine Gegenveranstaltung, sondern eine Ergänzung und entsprechen offensichtlich einem Bedürfnis. Ich sehe nichts, dass dagegen spricht.» Weiter erklärt Sägesser, dass Weihnachten für die Reformierten zwar ein wichtiges, aber nicht das wichtigste Fest sei: «Das ist Ostern, vor allem der Karfreitag, an welchem im Kanton Luzern das Tanzverbot gilt.»

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