Gesellschaft
Existenzängste und Depressionen

Sorgentelefon für Luzerner Bauern klingelt immer öfter

Das Leben als Landwirt ist kein leichtes. Mitunter, weil die Anforderungen steigen. (Bild: Symbolbild: Emanuel Ammon)

Die Landwirtschaft ist ein anspruchsvolles, zuweilen stressiges Berufsfeld. Weil im Thurgau in den letzten Jahren mehrere Bauern Suizid begangen hatten, wurde eine kantonale Kampagne gestartet. Auch in der Zentralschweiz gibt es Angebote für überforderte Bauern. Und sie werden genutzt.

Bauer sein ist in der Schweiz nicht leicht. Viel Arbeit fällt an, dafür gibt's wenig Lohn und kaum Anerkennung. Die Dankbarkeit, die der Landwirtschaft aufgrund der Nahrungsimport-Unsicherheit anfangs der Pandemie zuteil wurde, ist längst verpufft.

Existenzängste, enormer Druck und Depressionen sind keine Seltenheit. Die Suizidrate bei Bauern ist hoch. Gerade erst hat der Verband Thurgauer Landwirtschaft eine spezielle Präventionskampagne gestartet. Dies, nachdem es in den letzten Jahren zu mehreren Suiziden von Bauern im Umkreis von wenigen Kilometern gekommen ist.

Das Angebot, das neu geschaffen wurde, wendet sich an die Besucher von Höfen, also etwa Veterinäre, Futtermittelverkäuferinnen oder Kontrolleure. Diese lernen in einem freiwilligen Suizid-Präventions-Kurs, der explizit auf die Landwirtschaft ausgerichtet ist, auf mögliche Probleme aufmerksam zu werden. Damit sollen insbesondere jene Landwirtinnen in Not abgefangen werden, die der Thurgauer Landwirtschaftsverband sonst nicht erreichen könnte.

Dürftige Faktenlage zu Suizid bei Landwirten

Die Faktenlage zum Thema Suizid in der Landwirtschaft ist relativ dürftig. Dies stellte 2018 auch eine Studie der Berner Fachhochschule fest: «Das Fehlen von Daten für die Berechnung von Suizidraten und für die differenziertere Charakterisierung der Gruppe von Betroffenen in der Schweizer Landwirtschaft lässt viel Interpretationsspielraum für Politik und Medien zu. Dies erschwert die Situation für die Betroffenen eher, als dass es sie erleichtert», heisst es darin.

«Das Verständnis für die Landwirtschaft schwindet.»

Hella Schnider, Luzerner Bauernverband

Entsprechend erfolglos erweist sich eine Medienanfrage beim Gesundheitsdepartement des Kantons Luzern: Die Frage, wie sich die Suizidrate in der Landwirtschaft in den letzten Jahren entwickelt hat, kann nicht beantwortet werden, da die Statistik nicht nach Berufsgruppen aufgeschlüsselt ist. Die allgemeine Suizidrate im Kanton Luzern war zwischen 2018 und 2020 tendenziell tiefer als in den Jahren davor.

«Offene Türe» für Bauern in der Not

Seit Jahrzehnten gibt es in Luzern die «Offeni Tür i de Not» (zentralplus berichtete). Es handelt sich um eine Telefon-Beratungsstelle des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands. Hella Schnider ist zuständig für dessen Öffentlichkeitsarbeit.

Sie erklärt: «Zwar gibt es allgemeine Anlaufstellen wie die Dargebotene Hand, doch hat sich gezeigt, dass es Sinn macht, ein spezielles Hilfstelefon für Landwirte und Bäuerinnen anzubieten.» Dies, da Bauern oft sehr spezifische Probleme hätten: «Bei vielen geht es um finanzielle Themen, aber auch Ehe- sowie Generationenprobleme sind häufig. Ebenfalls machen sich einige Sorgen um die Tierhaltung.»

Fachfrauen im 24-Stunden-Einsatz

Mit dem Not-Telefon wurde vor Langem ein niederschwelliges Angebot geschaffen. Dieses wird von zwei Bäuerinnen 24 Stunden täglich geführt. «Es handelt sich um Fachfrauen, die auch privat schon einiges erlebt haben und daher den Anrufern in vielen Fällen gut weiterhelfen können.»

«Jeder Anruf ist einer zu viel.»

Hella Schnider

Eine Ausbildung in der Seelsorge hätten die beiden zwar nicht. «Das ist auch nicht zwingend. Wichtig ist vielmehr, dass es sich um gestandene Personen handelt. Je nach Anfrage können sie an die entsprechenden Spezialisten weiterverweisen, etwa wenn es um die Buchhaltung eines Hofes geht. Auch stehen Coaches zur Verfügung.»

Bevölkerung und Landwirtschaft in unterschiedlichen Welten

2022 wurde die Nummer von «Offeni Tür i de Not» 70 Mal gewählt. Tendenz steigend. Schnider, selber Bäuerin sowie Gemeindepräsidentin von Flühli, nennt dafür folgende Gründe: «Das Verständnis für die Landwirtschaft schwindet. Es ist eine zunehmende Distanz zwischen der Bevölkerung und der Landwirtschaft zu spüren.»

Ausserdem habe es einige gesetzliche Verschärfungen gegeben. «Viele Bauern wissen nicht, wie sie die dafür nötigen Anpassungen bewerkstelligen respektive zahlen sollen», sagt Schnider.

Es kommt nicht auf die Quantität an

Gleichzeitig bekämen Landwirte oft Anschuldigungen zu hören. «Man wirft ihnen vor, dass sie sehr viel Geld vom Bund bekommen und dennoch alles falsch machen. Aus diesem Grund fällt es einem wohl auch schwerer, sich bei Problemen gegen aussen zu öffnen.» Gerade auch deshalb sei «Offeni Tür i de Not» ein wichtiges Angebot. «Man kann nicht sagen, dass es die Nummer nicht mehr braucht, wenn weniger Leute sie wählen. Jeder Anruf ist einer zu viel.»

«Offeni Tür i de Not» ist 24/7 unter 041 939 20 39 oder [email protected] erreichbar. Die Plattform richtet sich an Landwirte. Hilfe in der Not bietet ausserdem die Dargebotene Hand unter der Nummer 143.

Verwendete Quellen
  • Studie der Berner Fachhochschule zu Suiziden in der Landwirtschaft
  • Bericht «SRF» zu Massnahmen im Thurgau
  • Mailkontakt mit den zuständigen Kantonsdepartementen
  • Telefongespräch mit Hella Schnider vom Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband
  • Suizidstatistik des Kantons Luzern
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