Gesellschaft
Vermisst, untergetaucht, verstorben?

Sie sind wie vom Erdboden verschwunden

Prominente Vermisstenfälle aus Zug und Luzern. (Bild: Screenshot verschiedener Webseiten)

Der Fall der vermissten Svenja aus Unterägeri hat die letzten Tage die Schweiz beschäftigt. Dabei gelangen die allermeisten Vermisstenfälle gar nie an die Öffentlichkeit, weil die Personen rasch wieder auftauchen. Doch manche Fälle bleiben für immer ein Rätsel. zentral+ begab sich auf Spurensuche bei den Polizeistellen von Zug und Luzern.

Im Kanton Zug mit seinen rund 100’000 Einwohnern werden 80 bis 100 Personen im Jahr als vermisst gemeldet. Im rund vier Mal grösseren Kanton Luzern müssten es rein theoretisch um die 400 Fälle sein. Es sind doppelt so viele: 815 Vermisstenmeldungen gingen 2013 bei der Polizei ein. Mit ein Grund für die Häufung könnte sein: Sehr viele Personen in Luzern verschwinden aus Institutionen wie Gefängnissen, psychiatrischen Kliniken, Spitälern und Jugendheimen.

Die meisten Fälle sind innert weniger Tage erledigt. «Es sind nur wenige Fälle, die bei uns über Jahre offen bleiben», sagt Kurt Graf, Kommunikationschef der Luzerner Polizei. Dasselbe in Zug. «Fast alle Personen werden innert kurzer Zeit gefunden oder tauchen wieder auf», sagt auch Marcel Schlatter, Mediensprecher der Zuger Polizei.

Junge und Alte laufen häufig weg

Dass Eltern ihre Sprösslinge als vermisst melden, kommt ebenfalls oft vor. «Viele Jugendliche von 13 bis 20 Jahre reissen gelegentlich aus», weiss Kurt Graf. Auch hier löst sich das Problem meistens von alleine. Die andere grosse Gruppe sind ältere Menschen mit Demenz, die aus einem Heim oder von ihrem Wohnort weglaufen und sich verirren. «Sie halten sich oft ganz in der Nähe ihres Wohnorts auf, haben sich vielleicht im Keller oder einem technischen Raum verirrt. In solchen Fällen suchen wir jeden Raum des Hauses ab.»

Bei Kindern und kranken Menschen Alarmstufe rot

Fall Svenja: Wer bezahlt das?

Rund 30 Stunden suchte die Zuger Polizei vom 31. März bis zum 1. April nach der 11-jährigen Svenja. Dabei kamen auch Armeeeinheiten und der Zivilschutz zum Einsatz. Das Mädchen wurde schliesslich bei einem Nachbarn im Wohnhaus ihrer Mutter in Unterägeri gefunden. Die Mutter mit psychischen Problemen hatte das Mädchen wegen angeblichem Mobbing in der Schule bei sich versteckt. Gegenüber der Polizei gab sie an, nichts zu wissen und willigte auch in die Öffentlichkeitsfahndung ein. Die Rechtsabteilung der Zuger Polizei prüft, ob sie die Kosten des Grosseinsatzes allenfalls weiter verrechnen will. «Für die Eigen- und Drittkosten eines solchen Einsatzes ist im Polizeiorganisationsgesetz eine Verrechnung möglich bei mutwilliger Alarmierung», sagt Mediensprecher Marcel Schlatter. Die Höhe der Kosten ist noch nicht bekannt.

Laut Graf läuten die Alarmglocken bei der Polizei, wenn ein Kind aus der Schule verschwindet oder auf dem Heimweg nicht zuhause ankommt. Dasselbe gilt bei kranken Menschen. Da zählt jede Stunde und gar jede Minute, um ein Leben zu retten. Das bestätigt auch Marcel Schlatter aus Zug. «Ein vermisstes Kind gilt als besonders gefährdet, ein Verbrechen kann nie ganz ausgeschlossen werden. Auch bei alten, kranken oder behinderten Menschen beginnt die Polizei sofort zu suchen. Das gleiche gilt für Personen in Not, wie beispielsweise vermisste Wanderer.»

In solchen Fällen werden in Luzern wie in Zug alle Hebel in Bewegung gesetzt.

Denn kann eine Gefahr für den Vermissten nicht ausgeschlossen werden, muss die Polizei alles unternehmen und schnell und mit allen verfügbaren Mitteln nach der vermissten Person suchen. Der Einbezug der Öffentlichkeit ist dabei ein wirksames Mittel.

Svenja: Luzerner boten Zugern Unterstützung an

Den Einsatz seiner Zuger Kollegen im Fall der vermissten Svenja findet Kurt Graf angemessen. Zur Verhältnismässigkeit des Mitteleinsatzes fügt er hinzu: «Im Zweifel gilt immer die Maximallösung.» Das heisst, alle Hebel werden in Bewegung gesetzt, um die vermisste Person rasch zu finden. Die Polizei wird dabei wenn nötig durch Feuerwehr und Armeeeinheiten unterstützt. Helikopter mit Infrarotkameras kommen ebenso wie Spürhunde zum Einsatz. Doch jeder Fall sei anders und verlange nach anderen Mitteln.

«Wir haben die Zuger mit unserem Push up, der an 20’000 Personen geht, angefragt, ob sie Hilfe brauchen. Dies wurde dankend angenommen», erklärt der Luzerner.

Mädchen versteckte sich im Dorfladen

Graf erinnert sich an einen besonderen Fall von 2007 aus dem Dorf Entlebuch, an dem er in seiner früheren Funktion als Pikettoffizier beteiligt war: «Eine Drittklässlerin wurde als vermisst gemeldet und war bis abends noch nicht zuhause erschienen.»

Die Polizei kämmte zusammen mit der Feuerwehr ein grosses Gebiet Sektor für Sektor durch. Um 2 Uhr morgens fand man sie. «Das Mädchen versteckte sich beim Dorfladen neben dem Wareneingang. Wir waren alle unglaublich erleichtert, das war ein schöner Erfolg.» Der Grund dieses Ereignisses: Wegen schlechter Schulnoten hatte sich das Kind nicht getraut, nach Hause zu gehen. Kurt Graf: «In einem solchen Fall informiert die Polizei auch die Schulbehörden, obwohl das streng genommen nicht zu unseren Aufgaben gehört.»

Fall von Rebecca Bieri ungelöst

Doch es gibt auch die anderen tragischen Fälle. Rückblende: Im Frühling 1982 verschwindet im luzernischen Gettnau die damals achtjährige Rebecca Bieri spurlos. Rund ein halbes Jahr später wird das Mädchen im Kanton Bern tot aufgefunden.

Der «Fall Rebecca» löste damals nicht nur bei der Kantonspolizei Luzern eine einmalige Fahndungsaktion aus. Eine interkantonale kriminalpolizeiliche Arbeitsgruppe wurde damals ins Leben gerufen, ihr Name lautet «Soko Rebecca». Sie existiert bis heute und wurde lange vom inzwischen pensionierten Polizeiermittler Josef Emmenegger geleitet.

Der Grund war die Häufung solcher Fälle in den «dunklen 80er-Jahren»: Zwischen 1980 und 1989 wurden in acht Kantonen elf Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren entführt. Während 8 ermordet aufgefunden wurden, gelten 4 bis heute als vermisst. Die Handschrift der Verbrechen wies auf einen psychisch abnormen Täter mit sadistischen Zügen hin. Bis heute wird der seit 1989 einsitzende Werner Ferrari verdächtigt, denn nach seiner Festnahme hörte die Serie schlagartig auf. Er streitet die Tat ab und wurde 1990 auch in Luzern dazu vernommen, man vermutet aber, dass er einen Komplizen gehabt haben könnte.

Studentin verübte Suizid

Auch im Kanton Zug gab es tragische Vermisstenfälle. Der Aufsehenerregendste war derjenige von Olivia O. im letzten Jahr. Die junge Frau verschwand am 26. März 2013 spurlos. Tagelang wurde nach der 20-Jährigen intensiv gesucht. Drei Wochen später fand man die Frau in einer Scheune in Oberägeri– sie hatte sich das Leben genommen.

«Der Fall zog ein riesiges Medieninteresse nach sich. Auch in den sozialen Medien fand das Thema Einlass. Auf einer eigenen Facebookseite kam es zu über 20’000 Interaktionen», erinnert sich Polizeisprecher Marcel Schlatter. Soziale Medien hätten ein enormes Mobilisierungspotential, Vermisstenmeldungen können damit in Sekunden verbreitet werden. Doch: Das Internet vergisst nie. Und so geistern Bilder von Vermissten auch lange Zeit nach deren Auftauchen noch im Netz herum. Das kann negative Folgen haben. «Ein Mädchen, das einmal davon gelaufen war, hatte Mühe eine Lehrstelle zu finden, weil sein Bild immer noch in Google zu finden war», weiss der Luzerner Polizeisprecher. Deshalb geschieht eine solche Publikation immer nur mit der schriftlichen Einwilligung der Angehörigen. Und bei der Revokation wird die Publikation von der Polizei gelöscht.

Social Media müssen betreut werden

Die Informationsflut im Internet und das Monitoring der geposteten Inhalte binden zusätzliche Ressourcen der Polizei, findet Marcel Schlatter. Der Mediensprecher: «Leider war es gerade im Fall Olivia so, dass einige Personen online abstruse Theorien über das Verschwinden aufstellten und sich eher selbst zelebrierten als der Suche hilfreich zu sein. Auch Hellseher und Pendler nutzen die Plattformen, um ihre Eingebungen zu platzieren. Ein spirituelles Medium konnte uns jedoch noch nie weiterhelfen!»

Ein weiterer prominenter Fall, wo das Internet bei der Fahndung half, betraf einen Vater und seine Kinder. Im Februar 2011 waren in Neuheim ein Vater und seine zwei Söhne wie vom Erdboden verschluckt. Eine gross angelegte Suche konnte nach zwei Tagen beendet werden, nachdem die drei auf einer Raststätte in der Nähe von Mailand durch die italienische Polizei aufgegriffen worden waren. Wie sich später herausstellte, war sich der Vater aufgrund psychischer Probleme nicht im Klaren, was um ihn herum passiert war und was er ausgelöst hatte.

«Die Ausschreibung im Schengener Informationssystem SIS hat uns sehr geholfen», erklärt Schlatter, «dank dieser Fahndung wussten die italienischen Kollegen bei der Kontrolle der Familie schnell einmal über unseren Vermisstenfall Bescheid.»

Langzeitvermisste

Grundsätzlich hört die Suche nach einer vermissten Person nie auf, denn verschwundene Personen bleiben im Fahndungssystem aufgeführt, bis sie gefunden oder für verschollen erklärt werden. Hinter jeder Vermisstenmeldung verbirgt sich die Geschichte eines Menschen – manchmal mit tragischem Ende. Oder ein ungelöstes Rätsel, das die Angehörigen nie zur Ruhe kommen lässt.

Im Kanton Luzern werden seit 1971 total 33 Menschen vermisst. Die Polizei führt sie auf einer internen Liste. Die meisten sind vermutlich tot, ihr Körper wurde aber nie gefunden – oder existiert nicht mehr. Die Polizei hat bei gewissen Fällen nach dem Verschwinden Fingerabdrücke, DNA, Zahnschemen von Zahnärzten sichergestellt, um die Person identifizieren zu können, falls die Leiche eines Tages doch noch auftaucht.

Bei jedem Fall auf der Liste wird die letzte Information aufgeführt. Mancher Suizid ist darunter – aufgrund von Depressionen, Problemen im Geschäft, psychischen Krankheiten. Andere Luzerner verunfallten auf Bergtouren oder beim Schwimmen in der Schweiz oder in den Ferien im Ausland. Eine Person ging auf Weltreise und kam nie zurück, ein anderer äusserte zuletzt, bei der Freundin in Indien bleiben zu wollen. Aufgeführt ist ausserdem ein politischer Flüchtling, der vermisst wird.

Luzern: Wenige Fälle auf der Webseite

Fünf Einzelpersonen und ein Ehepaar sind diese Tage auf der Webseite der Luzerner Polizei noch öffentlich ausgeschrieben, weil man noch auf Hinweise hoffte, die zur Aufklärung beitragen könnten. Der älteste Fall stammt von 1997. Der Kroate Mihill Pjetraj arbeitete in Emmenbrücke und erschien im Oktober desselben Jahres nicht an seinem Arbeitsplatz. Ein Verbrechen könne aufgrund umfangreicher Ermittlungen nicht ausgeschlossen werden, schreibt die Polizei.

Seit 2003 vermisst wird der Österreicher Stefan Ebensperger, der zuletzt in Luzern wohnte. 2009 verschwand auch ein junger Eritreer, der nach einem Familienzwist seine Familie in Emmenbrücke verliess, seit 2011 vermisst wird eine junge tamilische Staatsangehörige, die im Asylzentrum Sonnenhof in Kriens wohnte. Bei den beiden letzten Vemissten vermutet man, dass sie woanders leben könnten.

Mysteriös ist der Fall von Beatrice Storci-Stadelbauer aus Greppen, die seit Juni 2008 vermisst wird. Man fand ihr Auto auf dem Parkplatz der Pilatusbahnen in Alpnachstad. Von ihr fehlt seither jede Spur. Die Luzerner Polizei vermutet, sie könnte eine Bergwanderung unternommen haben und an einer unzugänglichen Stelle abgestürzt sein. Man habe damals umfangreiche Suchaktionen unternommen. «Auch der Förster war beteiligt«, sagt Graf.

Ehepaar im Atlantik verschollen

Zu den mysteriösen und nie geklärten Fällen gehört auch derjenige des Ehepaars Gudrun und Walter Meili-Kessler. Das Ehepaar unternahm eine Weltreise mit einer Segelyacht. Es wollte von Westafrika nach Brasilien segeln. Am 22. Juni 2002 hatte das Paar letztmals Kontakt mit Angehörigen. Seither hat man nie mehr etwas von ihnen gehört.

Für die Angehörigen vermisster Personen ist das ein besonderes Drama. «Sie können nie Abschied nehmen und sprechen ungern darüber, weil dann alles wieder aufgewühlt wird», sagt der Luzerner Erwin Rast, Kommunikationschef des Luzerner Justiz- und Sicherheitsdepartements. Als früherer Journalist recherchierte er einmal einen solchen Fall und sprach mit Angehörigen. Doch schliesslich wurde nichts publiziert.

Ein Langzeitvermisster in Zug

Im Kanton Zug wird zurzeit bloss eine Person vermisst: Es handelt sich um den 27-jährigen Pascal Frey, dessen Angehörige im Kanton Zug wohnen. Frey brach am 12. Mai 2012 von seinem Wohnort Kriens zu einer Wanderung auf die Musenalp im Kanton Nidwalden auf – und kam nie mehr zurück.

Beim Kantonsgericht pendent ist das Begehren um Verschollenenerklärung von Christine Emma F., Jahrgang 1964. Sie wurde zuletzt 2008 am Urnersee gesehen. Zwei weitere Vermisste sind inzwischen als verschollen erklärt: Sonja S., Jahrgang 1971, hielt sich zuletzt in in Khao Lak in Thailand auf und ist 2004 vermutlich ein Opfer des Tsunami geworden.

Ebenfalls verschollen ist der Rentner Otto K., Jahrgang 1926. Er fuhr 1991 mit seinem Boot auf den Ägerisee und kam nicht mehr zurück.

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