Gesellschaft
Luzern will historische Grabmäler recyceln

Secondhand-Gräber: Morbid oder clever?

Bald zum Zweitgebrauch freigegeben? Ein erhaltenswertes, aber aufgehobenes Grabmal im Friedental. (Bild: Stadt Luzern)

Bald soll es möglich sein, sich in einem fremden Grab beerdigen zu lassen. Die Stadt will erhaltenswerte, aber aufgehobene Familiengräber weitervermieten. Das Modell Secondhand-Grab klingt morbid, soll aber eine Win-Win-Situation werden.

Rund 1200 historische Familiengräber gibt es in der Stadt Luzern: Das sind meist kunsthistorisch bedeutende Grabmäler, die von der Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft wurden. Deshalb entfernt man sie nach 25 Jahren nicht wie alle anderen Grabsteine. Sie bilden sozusagen die Crème de la Crème der städtischen Grabsteine. Einige hundert von diesen erhaltenswerten Grabmälern haben keine Besitzer mehr: «Wenn das Grab aufgehoben wird, entscheiden sich manche Familien, die Gräber nicht mehr zu erhalten», erklärt Cornel Suter, Leiter der Stadtgärtnerei. Diese lässt man nicht verlottern, sondern die Friedhofsgärtner erhalten sie weiter.

Secondhand-Gräber sollen Bedürfnis erfüllen

Die Stadt will diesen verlassenen Grabmälern nun wortwörtlich neues Leben einhauchen: Zukünftig sollen Luzernerinnen und Luzerner zu Lebzeiten ein solches Grabmal mieten können und sich später dort begraben lassen. Falls die Totengräber beim Ausheben des Grabes auf menschliche Überreste stossen, werde man gleich vorgehen wie jetzt bereits, sagt Suter: «Diese Knochen vergraben wir etwas tiefer wieder. Der neue Sarg kommt darüber, dazwischen liegt etwas Erde.» Bei Erdbestattungen werden Überreste grundsätzlich nie entfernt. Auch eingravierte oder eingemeisselte Namen werden stehengelassen, später dazu gekommene Tote nach Möglichkeit dazugraviert. Je nachdem bringe man auch eine zusätzliche Namensplatte an, sagt Suter: «Die Denkmalpflege wird entscheiden müssen, was vertretbar ist.»

Mit solchen Schildern macht die Friedhofsverwaltung auf die erhaltenswerten Gräber aufmerksam.

Mit solchen Schildern macht die Friedhofsverwaltung auf die erhaltenswerten Gräber aufmerksam.

(Bild: Stadt Luzern)

Zwei wildfremde Menschen werden sich also in Zukunft ihre letzte Ruhestätte teilen. Auf diese Idee muss man zuerst einmal kommen. Kein Einfall der Friedhofsverwaltung sei das, sagt Cornel Suter: «Es kommen immer wieder Leute zu uns, die Gefallen an einem alten Familiengrab gefunden haben und gerne dort begraben werden möchten.» Bisher habe man solche Anfragen immer ablehnen müssen. «Jetzt möchten wir den Leuten diesen Wunsch erfüllen können.» Man werde das neue Angebot deshalb auch nicht extra bewerben. «Es ist einfach schön, wenn diese Grabmäler wieder einen Zweck bekommen.»

«Die Gräber werden nicht weggehen wie warme Weggli.»

Cornel Suter, Stadtgärtnerei

Stadt spart Unterhaltskosten

Stadt will Friedhöfe sanieren

Um Secondhand-Gräber möglich zu machen, muss das genaue Vorgehen erst im städtischen Friedhofsreglement festgeschrieben werden. Dieses soll entsprechend angepasst werden, das Stadtparlament muss die Änderungen bewilligen. Weiter soll das Friedhofsreglement der Stadt Luzern nun auch auf die Littauer Friedhöfe angewandt werden. Das hat der zuständige Stadtrat Adrian Borgula am Freitag an einer Medienkonferenz bekannt gegeben.

An der gleichen Konferenz hat die Stadt auch angekündigt, die Friedhöfe für 1,6 Millionen Franken sanieren zu wollen. Dieses Geld soll in den nächsten drei Jahren fliessen und hauptsächlich im grössten Friedhof der Stadt im Friedental investiert werden. Dort soll die Abdankungs- und Einsegnungshalle saniert und technisch erneuert werden. Auch weitere Infrastrukturen wie Wege, Mauern, Treppen, Tore und Leitungen hätten Investitionsbedarf.

Die Stadt als Betreiberin der Friedhöfe hat von Secondhand-Gräbern aber auch handfeste Vorteile: Sie kann Platz für neue Gräber und Geld für den Unterhalt bestehender einsparen. Die Unterhaltskosten von jährlich einigen hundert Franken pro Grab müssten dann nämlich die neuen Benutzer der Gräber beziehungsweise deren Hinterlassene übernehmen. Auch allfällige Restaurierungen gehen zulasten der Zweitbenutzer. Ausser den üblichen Friedhofskosten wird aber keine eigentliche Miete fällig.

«Das ist ein angenehmer Nebeneffekt», meint Cornel Suter von der Stadtgärtnerei dazu: «Wer weiss, ob sich die Stadt in zehn, fünfzehn Jahren den Unterhalt der erhaltenswerten Gräber noch leisten kann». Man müsse aber realistisch bleiben, anfangs würde das Angebot vielleicht vier- bis fünfmal in Anspruch genommen, erwartet Suter: «Die Gräber werden nicht weggehen wie warme Weggli». In Zürich, wo es bereits Secondhand-Gräber gibt, seien es Einzelfälle.

Was sagen die Toten?

So gesehen wäre das neue Recycling-Modell für historische Gräber eine klassische Win-Win-Situation. Nur jene, die an ihrer letzten Ruhestätte bald Gesellschaft bekommen könnten, die Auftraggeber und ehemaligen Besitzerinnen der Gräber, kann man nicht mehr nach ihrer Zustimmung fragen. Die Stadtgärtnerei will aber auf jeden Fall das Einverständnis von Angehörigen einholen, bevor sie ein Grabmal recycelt: «Die Hinterbliebenen haben immer das Recht, Nein zu sagen.» Um in Zukunft allfällige Angehörige oder Nachfahren nicht jedes Mal ausfindig machen zu müssen, sollen diese bereits bei der Aufhebung der Gräber nach 25 Jahren angeben, ob sie dem Grab einen neuen Nutzen ermöglichen möchten oder lieber nicht.

Und was meint der Stadtgärtner selber zum Wunsch, in ein fremdes Grab gebettet zu werden? Ist das nicht etwas gar morbid? Cornel Suter: «Es ist sicher speziell. Das ist halt individuell. Manchen gefällt das.»

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Hier sehen Sie zwei weitere Grabmäler, die bald Zuwachs bekommen könnten:

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