Gesellschaft
Seltsame «Tinder-Storys» aus Luzern

«Schweizerisch pünktlich wartete ich nackt hinter der Tür»

Es könnte so schön sein: Zwei gefallen einander optisch. Doch das muss noch lange nicht heissen, dass sie sich mögen. (Bild: Montage jav) (Bild: )

Auf dem Online-Dating-Portal Tinder tummeln sich die Singles auf der Suche nach der grossen Liebe oder wilden Abenteuern. Unsere Leser haben uns ihre speziellsten Online-Dating-Geschichten erzählt: Von nackten Tatsachen, fiesen Fremdgängern, der grossen Liebe und Männern, die Bäume umarmen.

Tinder und die ganzen anderen Online-Dating-Plattformen sind schon lange keine Tabus mehr. Fast jede hat sich schon mal im Handy einer Freundin durch das Angebot an Single-Frischfleisch geklickt.

Eine Person dann auch wirklich zu treffen, braucht etwas mehr Mut. Denn was dabei herauskommen kann, hört man in zahlreichen Horror-Storys: Von todlangweiligen Abenden, Männern, die nackt oder in Frauenkleidern die Tür aufmachen, die Mutter mitbringen oder den ganzen Abend nur von Pilzen erzählen.

Ob es wirklich so schlimm ist, wollten wir wissen und haben uns in Luzern umgehört. Und auch in unserer beschaulichen Stadt passieren schauerliche Geschichten:

Nackedei-Auftritt für die Nachbarin

Ständig am Daten, das ist Pascal* nicht. Aber wenig sei es auch wieder nicht. «Das liegt wohl zum einen daran, dass uns Homosexuellen sowieso pausenloser Geschlechtsverkehr angedichtet wird und ich ein Single-Mann über dreissig bin.» Und dann sind da noch die Smartphones mit ihren Dating-Apps. «Da denkt man doch, das würde die Sache vereinfachen, aber weit gefehlt. Auch wenn die ‹Auswahl› in einer Kleinstadt wie Luzern verhältnismässig klein ausfällt.»

«Da habe ich gemerkt, dass der Schreibstil sehr stark dem meines früheren Vorgesetzten entsprach.»

Online beginnt er mit einem Mann zu schreiben, der kein Foto von sich auf dem Portal stehen hat. «Ich dachte natürlich, das ist vielleicht der Traumprinz auf dem weissen Ross, der halt ein bisschen schüchtern ist.» Etwas naiv, gibt er zu. Aber auf jeden Fall schreiben sich die beiden hin und her, er will noch immer kein Foto von sich senden. Trotzdem, er scheint nett und wortgewandt zu sein. «Ich war kurz davor, mich einfach mit ihm zu verabreden.» Doch aus irgendeinem Grund liest Pascal sich den Verlauf nochmals durch. «Da habe ich gemerkt, dass der Schreibstil sehr stark dem meines früheren Vorgesetzten entsprach.» Also hakt er nach und konfrontiert ihn mit seiner Vermutung. «Na, ich habe nie eine Antwort bekommen …»

Doch von einer Niederlage lässt man sich doch nicht runterziehen. Pascal macht weiter, hat schon bald wieder ein «potenzielles Opfer» gefunden, wie er es ausdrückt. Diesmal ist von Anfang an klar: Es läuft alles nur auf das Eine raus. «Er meinte dann bei unserem versauten Geschreibsel, dass er total drauf stehen würde, wenn ich ihn ‹füdliblut› an der Wohnungstür erwarten würde.» Nun. Er sei eigentlich nicht der Typ dafür, aber weshalb nicht mal offen sein und etwas Neues ausprobieren? «Mit schweizerischer Pünktlichkeit wartete ich also eine halbe Stunde vor verabredeter Zeit nackig hinter der Wohnungstür.» Langsam wird es kalt. Es ist Winter, das Date mittlerweile schon eine Viertelstunde überfällig und die Heizung wegen der Nebenkosten eher runtergedreht.

Gerade als er die Nase voll hat und sich selbst etwas angezogen hat, klingelt es. «Ganz schnell wieder ausgezogen, öffnete ich also die Tür und erblickte meine Nachbarin, wie sie gerade in ihre Wohnung will.» Vor lauter Aufregung und dünnen Wänden hat er die Klingel der Nachbarin gehört. «Schnell verschwand ich mit rotem Kopf wieder in der Wohnung und lachte mich selbst aus.»

Aber keine Sorge: Eine Stunde später klingelt es dann wirklich an seiner Wohnungstür. «Ich öffnete, diesmal aber in meiner gammeligsten Trainerhose und meinem ältesten T-Shirt – hatte es aber nicht lange an.»

Der gelangweilte Aufreisser

In Luzern ist dank Festivals, Musikhochschule und KKL das Angebot an datebaren Musikern beachtlich. Und an einen solchen geriet auch Petra* über Tinder. Ein holländischer Hornspieler war er – und für das Lucerne Festival in der Stadt. «Wir trafen uns im Parterre», erzählt sie. Doch der junge Mann macht von Anfang an keine Anstalten, sie irgendwie kennenzulernen. «Er konnte mir nicht in die Augen schauen, stellte keine einzige Frage, schien komplett uninteressiert.»

«Naja, immerhin hatte er beide Biere bezahlt.»

Petra spielt die Entertainerin, stellt Fragen, erzählt von sich und versucht währenddessen ihr Bier möglichst schnell auszustrinken. Bald ist sie überzeugt davon, dass er sie absolut blöd und uninteressant findet. «Da macht man sich Gedanken wie: Sehe ich auf dem Tinder-Foto viel besser aus als in Realität, dass er nun völlig enttäuscht ist?» Er fragt nichts. Gibt einsilbige Antworten. Irgendwann hält sie die Stille nicht mehr aus. «Da fragte ich Musikbanause, was sie denn am Konzert spielen würden.» Ein völliges Eigen-Goal. «Ich hörte nur ‹Strawinsky, blabla, Strawinsky und noch ein Stück von blabla›.»  Sie heuchelt Interesse. «Super. Nun waren wir zum Glück so weit, dass er kein drittes Bier wollte. Er wollte gehen, endlich.» Doch als die beiden draussen stehen und sie sich verabschiedet, will er plötzlich wissen, wo es denn jetzt weitergehe? Bei ihr? «Er fand es dann enorm schade, dass er nicht mit zu mir kommen durfte.» Den ganzen Abend hatte er ihr das Gefühl gegeben, er sei zu Tode gelangweilt, und am Schluss wollte er mit zu ihr. «Naja, immerhin hatte er beide Biere bezahlt.»

Danke, das war toll – nicht!

Nach sechs Jahren Beziehung und einer gefühlten Ewigkeit ohne Sex hat sich Johanna* über Tinder auf einen jüngeren Mann eingelassen. Sie schrieben eine Weile hin und her und verstanden einander ganz gut. Irgendwann lud sie ihn dann zu sich nach Hause ein. «Es ging mir nur um den Sex und ihm offensichtlich auch.»

«Da lässt der mich einfach nackt liegen.»

Als er schliesslich vorbeikommt, liegen die beiden ziemlich schnell zusammen auf dem Sofa und machen rum. Schon bald fliegen auch die Kleider. «Doch als ich dann nur ganz kurz seinen ‹Kollegen› berührte, war die Geschichte auch schon vorbei …» Sie ist noch kaum warmgelaufen – er schon fertig. Er küsst sie und hält sie noch eine Weile im Arm. Dann meint er, er müsse jetzt aber wirklich los. «Und ich: Äh …? Wie bitte?» Ja, er müsse am darauffolgenden Tag früh raus.

Er steht auf, zieht sich an, gibt ihr einen Kuss und sagt: Ich freue mich aufs nächste Mal. «Das hab ich echt noch nie erlebt. Da lässt der mich einfach nackt liegen.» Da scheint jemand noch nicht mitbekommen zu haben, dass Sex keine Einbahnstrasse ist.

Zwei Frauen sind nicht genug

Im Frühling lernte Manuela* ihn auf Tinder kennen. Er sei auf der Suche nach einer Beziehung und seit einem halben Jahr Single. Bis die beiden einander das erste Mal trafen, war aber noch viel Zeit verstrichen. «Er hatte die Treffen immer wieder abgesagt, da er viel arbeiten müsse und gerade umgezogen sei.»

«Geschlafen haben wir in dieser Nacht nicht viel.»

Das erste Treffen aber läuft super. Er empört sich über die Frauen, die nur das Eine wollen. So etwas könne er sich nicht vorstellen. Schon auf dem Heimweg schreibt er, wie toll und attraktiv er sie findet. Es fühle sich gut an – wie der Anfang von etwas Grösserem. Eine Woche später schon das zweite Treffen. Und bereits vorher fragt er schüchtern, ob er dann bei ihr übernachten dürfe. Es läuft. Die beiden sprechen darüber, wie sie sich eine Beziehung vorstellen, was sie sich für die Zukunft – vielleicht die gemeinsame – wünschen. Der Fall ist klar. «Geschlafen haben wir in dieser Nacht nicht viel.»

Danach hat er wieder wenig Zeit. Immer wieder sagt er die Treffen ab, muss beruflich nach Schweden. Dann hat seine Grossmutter einen Schlaganfall. Jedes Mal beteuert er aber, es sei alles in Ordnung, und er wolle sie unbedingt bald wieder sehen. «Ich wurde immer skeptischer.» Eine gute Freundin sucht ihn auf Facebook und findet zwei Profile. Eines, mit welchem er mit Manuela befreundet ist. Ein anderes mit Fotos von ihm und einer Frau – seiner Freundin.

Manuela fällt aus allen Wolken, konfrontiert ihn damit. Er beteuert, er habe sie nicht angelogen, sie hätten eine Beziehungspause eingelegt. Doch das Vertrauen ist angeknackst. «Auf meinen Vorschlag, seine Freundin direkt zu fragen, flippte er so sehr aus, dass ich einen Moment lang sogar Angst vor ihm bekam.» Nach diesem Gespräch ist die Sache für sie gegessen. Doch die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Ein paar Tage später sieht sie ihn auf «Friendscout», immer auf der Suche, immer auf der Jagd. «Ich war so wütend, dass ich mich bei ihm meldete, um ihm alle Schande zu sagen.» Nein, er suche nicht, er wolle nur das Profil löschen, deshalb sei er online. Die nächsten Wochen ist er täglich online.

«Zwischen unseren Treffen hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht.»

Einige Monate später kommt der Rückfall. Manuela lässt sich wieder auf ihn ein. «Ich war bereit, dies so weiterzuziehen, bis er und seine Freundin sich definitiv entschieden hätten, wie es weitergehen würde.» Aber es hat sich nichts geändert, wieder sagt er das nächste Treffen ab. «Da platzte mir der Kragen.» Sie schrieb seiner Freundin eine E-Mail und fragte sie, ob die Geschichte mit der Beziehungspause stimme. «Ich hätte ihn kennengelernt und könne mir mehr vorstellen, wolle ihr aber nicht im Weg stehen.»

Jetzt kommt alles raus: Es gibt keine Beziehungspause. Er war nie in Schweden gewesen, und seine Grossmutter hatte auch nie einen Schlaganfall. Und das Beste: «Zwischen unserem ersten und zweiten Treffen hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht.»

Er weiss nichts vom Gespräch der beiden Frauen und schreibt Manuela weiter. «Er habe mich nie angelogen, ich sei ihm so viel wert.» Manuela reagiert nicht mehr auf seine Nachrichten, hat seit Monaten nichts mehr von ihm gehört. «Aber auf Facebook habe ich neulich das Profil von ihr besucht. Sie hat ihn wieder zurückgenommen, unglaublich.» Wirklich. Da kann man nur alles Gute wünschen.

Toller Typ mit einer grossen Zuneigung zu Bäumen

Sandra* hatte schon zwei Tinder-Dates hinter sich, als sie ihn traf. Er hatte das Treffen ziemlich schnell vorgeschlagen – geschrieben hatten die beiden noch nicht viel. «Ich war wahnsinnig nervös und war auch kurz davor, das Date abzusagen.» Aber zum Glück habe sie das nicht getan.

«Er spricht gerne mit Tieren oder Bäumen.»

Das erste Date läuft super, auch wenn die beiden ganz offensichtlich ziemlich verschieden sind. Die Beschreibung ihres Dates hört sich spannend an: «Er lebt vegan – mag Yoga und Meditation – erzählt gerne und auch viel – mag Indien und den Buddhismus – lebte bereits eine Zeit in einem Kloster – ist sehr spirituell und naturverbunden – spricht gerne mit Tieren oder Bäumen und zeigt auch keine Scheu, Letztere am helllichten Tag zu umarmen, weil der Baum dies eben gerade so möchte – er versucht beim Sex möglichst nicht zu kommen, da er den Orgasmus als eine Verschwendung seiner Energie sieht.»

Ein wirklich spezieller Charakter. «Aber so erfrischend ehrlich und natürlich, dass ich ihn möglichst bald wiedersehen wollte.» Und so kam es auch.

Beim zweiten Date sitzen die beiden zwei Stunden lang im Vögeligärtli und reden, ohne dass sie merken, wie die Zeit vergeht. «Er liess mich meine Lebenseinstellung überdenken, wie dies noch niemand zuvor geschafft hat.» Als er während des Dates aufsteht und den nächsten Baum umarmt, ist sie zwar etwas irritiert, aber irgendwie passt es auch.

Die beiden treffen sich weiter, haben schon bald zum ersten Mal Sex. Die ganze Nacht lang. «Ich war total verwirrt von diesem Mann.» Doch bald schon kommt eine Nachricht von ihm: «Ich brauche etwas Zeit für mich.» Es geht um seine vergangene Beziehung, die ihn nicht loslässt. Sie gibt ihm die Zeit, aber die beiden entfernen sich immer mehr voneinander. «Ich war einerseits traurig, dass es so schnell wieder vorbei war, und anderseits war mir bewusst, dass das Ganze sowieso keine Zukunft gehabt hätte, da wir einfach zu verschieden sind.»

Mit Spongebob zur grossen Liebe

Fabienne* war erst seit kurzem Single und wollte gar nichts von Dates wissen – und erst recht nichts von einer neuen Beziehung. Doch ihre Schwester motivierte sie dazu, sich auf Tinder anzumelden. «Mehr als Witz tat ich das dann auch. Ich nahm es nicht wirklich ernst, und das Angebot haute mich auch nicht gerade vom Hocker.» Man werde ja ganz schön fies, beim Durchklicken der Männer.

Schon bald zeigt die App den ersten Match an. «Ich hab das erst gar nicht so begriffen, ihm aber schliesslich doch zurückgeschrieben.» Nach kurzer Zeit schickt er ihr einen Spongebob-Kuss  – ein Volltreffer. Denn sie liebt Spongebob über alles. «Ich bin der grösste Fan überhaupt.» Also schreiben sich die beiden weiter. Es passt, sie verstehen sich gut. «Aber als er sich dann mit mir treffen wollte, kriegte ich plötzlich Panik und brach den Kontakt ab.»

«Das ist kein Tinder-Match, das ist ein richtiger Match.»

Doch wie es der Zufall will: Ein paar Tage später treffen sie sich zufällig auf der Strasse. «Wir haben einander gleich erkannt, und es war mir furchtbar peinlich, dass ich mich einfach nicht mehr gemeldet hatte.» Doch er nimmt es ihr nicht übel. Nochmals schlägt er ein Treffen vor. Und diesmal sagt sie zu. Zum Glück – das erste Date läuft perfekt. «Zwei Tage später trafen wir uns schon wieder, und von da an war klar: Das ist kein Tinder-Match, das ist ein richtiger Match.» Heute sind die beiden schwer verliebt und können sich alles miteinander vorstellen. «Das erste und einzige Tinder-Date für uns beide hat es wirklich gebracht.»

*Alle Namen geändert

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