Gesellschaft
Zuger Perle wird überbaut

Salesianum: Widerstand gegen das umstrittene Bauprojekt in Zug bröckelt

Blick vom Meisenberg auf die Salesianum-Baustelle: (Bild: Beat Holdener)

Anwohner, Polikterinnen und der Zuger Heimatschutz kämpfen schon jahrelang gegen die gepante Überbauung des Areals um das Salesianum in Oberwil. Ob auch gegen das dritte, aktuell ausgeschriebene Bauprojekt mit exklusiven Wohnungen Einsprachen eingehen, ist fraglich. Die Identität einer weiteren Zuger Perle fällt damit wohl dem Renditedenken zum Opfer.

Acht Wohngebäude mit 61 Wohnungen im Hochpreissegment sollen beim Salesianum in Oberwil zwischen der Bahnlinie und den historischen Gebäuden des Salesianum und der Kapelle St. Karl Boromäus an der Artherstrasse entstehen. So sieht es das Baugesuch der Alfred Müller AG vor, das gegenwärtig bei der Stadt aufliegt. (zentralplus berichtete).

Das Bauunternehmen hatte das Land von den Menzinger Schwestern im Baurecht übernommen. Das neue Projekt ist der dritte Anlauf für eine Überbauung. Frühere Eingaben und der zugrundeliegende Bebauungsplan wurden jahrelang politisch und juristisch bekämpft.

Optimistische Bauherrschaft, skeptische Anwohner

Die Alfred Müller AG ist optimistisch, dass das neue Projekt tatsächlich auch realisiert werden kann. «Wir haben das Baugesuch sorgfältig ausgearbeitet und sämtliche Vorgaben aus dem rechtskräftigen Bebauungsplan berücksichtigt», sagt Sprecherin Melanie Ryser.

Die Immobilienfirma verspricht eine architektonisch und städtebaulich hochwertige Wohnüberbauung. Baubeginn ist für das kommende Jahr vorgesehen. «Wir wünschen uns natürlich, dass das Bewilligungsverfahren unkompliziert und schnell verläuft», so Ryser. «Trotzdem ist es bei jeder Baueingabe möglich, dass es Einsprachen gibt.»

Anwohner geben sich noch bedeckt

Die Anwohnerinnen, welche den Bebauungsplan Salesianum bis vor Bundesgericht weitergezogen haben, geben sich noch bedeckt. Sie wollen das Gesuch im Detail prüfen und dann über das weitere Vorgehen befinden. «Ich würde allen Zugerinnen und Zuger empfehlen, sich mit eigenen Augen anzuschauen, was mit dem Areal Salesianum passieren soll», sagt ein Vertreter der ehemaligen Einsprecher auf Anfrage.

Die Nachbarschaft ist vor allem durch die Verbauung ihrer Aussicht auf den Zugersee betroffen. Ob weitere rechtliche Schritte unternommen werden, ist noch nicht entschieden – aber auch nicht ausgeschlossen.

Zuger Heimatschutz akzeptiert Gerichtsentscheide

Der Zuger Heimatschutz sieht dagegen wenig Möglichkeiten, das Projekt mittels Einsprachen zu verhindern: «Nachdem die Sache bereits vor Bundesgericht war, erachten wir den Gerichtsweg als eher aussichtslos», schreibt Präsident Felix Gysi. Fachleute sehen in den neuen architektonischen Entwürfen durchaus Verbesserungen gegenüber den früheren Plänen. Die Gebäude sind beispielsweise weniger hoch. «Insofern hat sich der Widerstand durchaus gelohnt», sagt Vorstandsmitglied und Architekt Felix Koch.

«Wir müssen darauf hinwirken, in Zukunft, präzisere und verbindliche Auflagen zu definieren.»

Felix Koch, Vorstandsmitglied Zuger Heimatschutz

Für den Zuger Heimatschutz ist es wichtig, aus der Geschichte mit dem Salesianum die richtigen Lehren zu ziehen. «Wir finden wir es sinnvoll, wenn die Öffentlichkeit erfährt, was aus den mit der Perlen-Initiative ‹speziell geschützten› Gegenden Salesianum, Rötelberg und Zurlaubenhof mittlerweile wurde», so Präsident Gysi. Der Verein plant dafür spezielle Veranstaltungen.

«Wenn nun bloss das höhere Preissegment bedient werden sollte, wäre dies ein klares Zeichen an die Politik.»

Urs Bertschi, Mitglied Grosser Gemeinderat (SP)

Die vorhandenen Schutzvorgaben und -versprechungen allein bewirken wenig: weder Ortsbildschutz noch eine Einstufung als Perle durch den Zuger Stadtrat noch eine Aufnahme in das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS). «Die Erfahrungen beim Salesianum sind sehr ernüchternd», sagt Felix Koch. «Wir müssen darauf hinwirken, in Zukunft präzisere und verbindliche Auflagen zu definieren.»

Klosterfrauen schweigen

Aus der Substanz ihrer Liegenschaften wollen die Menzinger Schwestern ihren Lebensunterhalt finanzieren können, die Auswirkungen nehmen sie in Kauf. «Dass im Kanton Zug das Bauen und Wohnen generell immer teurer wird und mit dem Land viel spekuliert wird, kann nicht den Schwestern zum Vorwurf gemacht werden», argumentiert der Klostergeschäftsführer. Offen liessen die Schwestern die Frage, inwiefern der Bau von Luxuswohnungen für Begüterte auf ihrem Land mit den Werten des Ordens vereinbar sei

Das Bauland beim Salesianum gehört nach wie vor den Schwester vom Heiligen Kreuz in Menzingen, der Alfred Müller AG wurde lediglich das Baurecht abgetreten. Zwar hat die Provinzoberin das Baugesuch mit eingereicht, inhaltlich beteiligt sich das Kloster nicht an der Projektierung. «Den Schwestern war es wichtig, dass das Baurecht an einen vertrauensvollen Partner abgegeben werden kann, zu welchem auch eine Verbindung besteht», schreibt der Geschäftsführer des Mutterhauses Thomas Odermatt. «Mit der Alfred Müller AG bewirtschaftet eine Organisation das Baurecht, welche für Vertrauen, Verlässlichkeit und auch eine gewisse Zurückhaltung in Bezug auf Maximierung steht.»

Kritik an exklusiver Wohnutzung

In die gleiche Richtung zielt die Kritik von Urs Bertschi, ehemaliger Präsident der Bau- und Planungskommission. Im Grossen Gemeinderat hatte er darauf hingewiesen, dass es nie die Absicht der Zuger Bevölkerung war, hier ein Baugebiet für exklusives Wohnen zu realisieren. «Wenn nun bloss das höhere Preissegment bedient werden sollte, wäre dies ein klares Zeichen an die Politik, den Investoren künftig viel restriktivere Rahmenbedingungen zu setzen», sagt Bertschi heute.

Bei der Abstimmung über den Bebauungsplan Salesianum wurde der Bevölkerung auch eine öffentliche Nutzung und Zugang zu den denkmalgeschützten Gebäulichkeiten versprochen (zentralplus berichtete). Ob eine solche realisiert wird und wie diese allenfalls aussehen soll, ist immer noch unklar.

«Das berechtigte Vertrauen der Öffentlichkeit in diesen Ort mit einer massvollen Überbauung inklusive einer attraktiven öffentlich zugänglichen Nutzung würde letztlich allein der Wirtschaftlichkeitsrechnung einer Investorin geopfert», monierte Urs Bertschi in der Debatte über den Bebauungsplan. Fragen zum aktuellen Stand der Nutzungsplanung beantwortete die Nikolajsen Capital AG, welche das historische Landhaus erworben hat, nicht. Zurzeit werden die Gebäude umgebaut und renoviert.

Unbehagen in der Bevölkerung

Gefordert ist vor allem der Stadtrat, gemachte Absichtserklärungen für eine qualitatätsvolle Entwicklung auch um- und durchzusetzen. In verschiedenen Leserbriefen wurde die «fehlende Bauästhetik und -sensibilisierung in den politischen Gremien» angeprangert. «Innere Verdichtung stellt doch höhere Anforderungen in Bezug auf Einordnungsaspekte und erfordert unbedingt auch eine klare Respektierung grüner Perlen innerhalb unserer Bauzonen!», schreibt beispielsweise alt-Kantonsrat Beat Bussmann.

«Die Stadt Zug darf und sollte nicht mehr länger überwiegend quantitativ, sondern bewusst qualitativ wachsen und dies als Axiom seitens der verantwortlichen Gremien nicht nur verbal formulieren, sondern eben auch in der Praxis wahrnehmen.»

Baugrube beim historischen Salesianum in Oberwil, das derzeit umgebaut und renoviert wird. (Bild: )

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