Gesellschaft
Entscheid sorgt für Kritik aus Luzern

Migros: Gibt’s Alkohol, sind Gutscheine für Arme passé

Der Verein Windrad aus Luzern hilft Randständigen. Unter anderem schenken sie ihnen einmal im Monat einen Migros-Gutschein. (Symbolbild: Adobe Stock) (Bild: )

Was fast 100 Jahre verboten war, soll möglich werden: Bier und Wein in der Migros. Das finden nicht alle toll. Kritik ertönt vom gemeinnützigen Verein Windrad in Luzern, der Bedürftigen Migros-Gutscheine verteilt. Wenn's künftig Alkohol gibt, geht diese Art der Unterstützung verloren.

Die Migros will künftig ihre Regale mit Bier, Wodka und Co. füllen. An diesem Wochenende haben die Delegierten den Weg für den Alkoholverkauf geebnet.

Der Entscheid sorgt für saftige Kritik. Schliesslich war es der Gründer Gottlieb «Dutti» Duttweiler selbst, der 1925 bei der Gründung festgeschrieben hat, dass die Migros keinen Alkohol verkaufen darf. Dutti würde sich im Grab umdrehen, lautet nun die Kritik. So schreibt Philipp Hadorn, Präsident des Blauen Kreuzes: «Mit einem ‹Verrat› an der DNA der Migros riskiert das Unternehmen, die Reputation eines sozialen und gesellschaftsverantwortlichen Grossverteilers zu verlieren, mit verheerenden Risiken für Gefährdete und vermutlich auch für die Unternehmensentwicklung.»

Problematisch finden auch gemeinnützige Organisationen den Entscheid. Denn bis anhin haben viele von ihnen ihren Klienten Migros-Gutscheine geschenkt. Mit dem Wissen: Damit können Suchtbetroffene keinen Alkohol kaufen.

Luzerner Verein setzt auf Migros-Gutscheine

Auch der Luzerner Verein Windrad setzt genau aus diesem Grund auf Migros-Gutscheine. Den Verein haben drei ehemalige Junkies ins Leben berufen. Er setzt sich zum Ziel, Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, Zeit und gute Gedankenanstösse zu schenken. Und Essen. Jeden Freitag geben sie Gratis-Lunchpakete ab, einmal im Monat gibt's einen 10-Franken-Migros-Gutschein (zentralplus berichtete).

«Dass die Migros wirtschaftliche Profite höher gewichten will als soziale Aspekte und die gesellschaftliche Verantwortung, finde ich sehr befremdlich.»

Reto Siegrist, Verein Windrad Luzern

Im Schnitt kommen 80 Menschen – letzte Woche waren es mehr als 100 Bedürftige. Das sagt der Präsident des Vereins, Reto Siegrist, auf Anfrage.

Rund 80 Menschen suchen am Freitagabend die Stadtmission auf, um ein Lunch-Paket oder Gutschein abzuholen. Hinweis: Die Gesichter der Menschen wurden verpixelt, sodass sie nicht erkennbar sind. (Bild: zvg)

Das Lunch-Paket und der Gutschein kommen enorm gut an. «Randständige sind extrem dankbar und froh um das Essen, das sie bei uns kriegen. Und dass sie dank des Migros-Gutscheins eben auch unter der Woche nochmals etwas zu essen haben», sagt Siegrist. «Für uns als gemeinnütziger Verein sind die Gutscheine eine tolle Sache, weil wir damit keine Alkoholsucht mitfinanzieren. Weil es bis anhin ein Wert der Genossenschaft ist, soziale Verantwortung zu übernehmen.»

Gibt's künftig Alkohol, fallen die Gutscheine für Randständige weg

«Dass die Migros nun künftig wirtschaftliche Profite höher gewichten will als soziale Aspekte und die gesellschaftliche Verantwortung, finde ich sehr befremdlich», sagt Reto Siegrist.

«Wenn es in den Migros-Geschäften in Luzern künftig wirklich Alkohol zu kaufen gibt, werden wir keine Gutscheine mehr abgeben können.»

Reto Siegrist, Verein Windrad Luzern

Für Siegrist hätte die Aufhebung des Alkoholverbots in den Filialen klare Folgen: «Wenn es in den Migros-Geschäften in Luzern künftig wirklich Alkohol zu kaufen gibt, werden wir keine Gutscheine mehr abgeben können. Das wäre eine Zielverfehlung unseres Vereins.» Das wäre für den Verein, und noch viel mehr für die Bedürftigen, ein Verlust.

Gerade während der Corona-Zeit, in der Menschen am Rande der Gesellschaft noch stärker in Not geraten sind. Als Aussenstehende könne man sich gar nicht vorstellen, wie sich Bedürftige über Essen und Gutscheine freuen würden. «Erst wenn man das Glitzern und die Dankbarkeit in ihren Augen sieht.»

Natürlich komme es auch vor, dass die Gutscheine für andere Zwecke missbraucht werden. Siegrist erzählt von Dealern, die Heroin anstatt gegen Geld gegen Migros-Gutscheine verticken. Oder von Menschen, die in die Migrolino-Tankstelle gehen, um mit dem Gutschein Alkohol zu kaufen. «Aber dieses Spannungsfeld nehmen wir in Kauf. Zumal es nur vereinzelt vorkommt – und der Grossteil mit den Gutscheinen vernünftig umgeht.»

Migros Luzern «ist und bleibt verantwortungsvoll»

Wie äussert sich die Genossenschaft Migros Luzern zur Kritik? «Die Migros ist und bleibt ein verantwortungsvolles Unternehmen», schreibt Rahel Kissel, Leiterin Unternehmenskommunikation. «Die Migros-Identität baut auf ganz vielen gesellschaftlichen Engagements und Aktivitäten auf.» Dazu gehört zum Beispiel das Kulturprozent für Bildung und Kultur oder die «Parks im Grünen». Aber auch der Unterstützungsfonds für Ökologie und Entwicklungshilfe.

«Die Migros-Identität baut auf ganz vielen gesellschaftlichen Engagements und Aktivitäten auf.»

Rahel Kissel, Migros Luzern

Rahel Kissel verweist weiter darauf, dass es das Verdienst des Migros-Gründers Duttweiler war, die demokratische Struktur in der Migros einzuführen. Das heisst, dass die Genossenschaftsmitglieder abschliessend entscheiden können, wie die Migros-Statuten aussehen.

Ob es in den Geschäften in Luzern künftig wirklich Bier und Wein gibt, wird sich noch zeigen. Bis Anfang Dezember müssen der Verwaltungs- und Genossenschaftsrat der Migros Luzern entscheiden, ob sie das Alkoholverkaufsverbot in der Migros Luzern aufheben möchten. Dieses würde erst dann in den Filialen erfolgen, wenn auch die Genossenschafterinnen im Juni 2022 im Rahmen der Urabstimmung zustimmen würden. Wein und Bier kämen also frühestens 2023 in die Regale.

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