Gesellschaft
Als das Schamtuch noch Pflicht war

Oben ohne in die Badi: Einst undenkbar in Luzern

1940 zeigte sich diese Frau im Badekleid im Luzerner Lido. (Bild: Lisa Meyerlist, Staatsarchiv Luzern, FDC 102 196.12)

Endlich steigen die Temperaturen an, die Tage werden länger – und die Röcke kürzer. Die Badi lockt. Das Oben-ohne-Baden erregt dabei die Luzerner Gemüter längst nicht mehr. Das war früher anders.

Luzern ist bereit für die «Free your Boobies»-Bewegung: Frauen ist es erlaubt, oben ohne zu sonnen und zu baden. Etwa im Strandbad Tribschen und im Seebad Luzern.

Vergangenes Jahr sprachen plötzlich alle über den Dresscode in Badis. Grund war ein Fall in Göttingen (Deutschland). Eine non-binäre Person – eine, die sich weder als männlich noch als weiblich definiert – zog in einer Badi ihr Bikinioberteil aus und wurde mit Hausverbot sanktioniert. Dagegen erhob sich Widerstand. Das feministische Bündnis «Gleiche Brust für alle» kämpfte für einen Oben-ohne-Freipass. Mit Erfolg. Zumindest versuchsweise durften in Göttingen vergangenen Sommer alle Menschen toplos baden – zumindest an den Wochenenden. «Oben ohne» habe sich nun etabliert – mittlerweile sei es sieben Tage die Woche erlaubt, berichtete der «Spiegel».

Die Debatte schwappte auch in die Schweiz. SP-Nationalrätin Tamara Funiciello forderte, dass auch hierzulande Frauen und Non-Binäre oben ohne baden dürfen.

Seebad: Früher waren Weiblein und Männlein getrennt

In Luzern machte man kein grosses Tamtam darum. In dem Vierteljahrhundert, in dem Betreiber Bruno Milesi beim Seebad ist, habe sich noch nie jemand darüber gestört, wenn eine Frau oben ohne war (zentralplus berichtete).

«Um 1900 war die Welt noch in Ordnung. Da wusste man noch, wo man hingehörte. Jedenfalls in der Badeanstalt: die Frauen links, die Männer rechts.»

Heinz Horat in seinem Buch «Seelust – Badefreuden in Luzern»

Doch ein Blick zurück zeigt, dass dem nicht immer so war. Früher reihten Mann und Frau ihre Badetücher auch nicht nebeneinander, wurde doch geschlechtergetrennt gebadet. Auch im Seebad, der Holzbadi im Luzerner Seebecken.

Gebaut wurde die 1885 eröffnete «Badeanstalt am Nationalquai» vom Luzerner Architekten Heinrich Viktor von Segesser. Das Kastenbad besteht bekanntlich aus zwei Bassins. Links badeten die Frauen – rechts die Männer.

Das alte Seebad von Luzern 1978. Frauen und Männer sind getrennt. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Der überdimensional grosse Babystrampler

«Um 1900 war die Welt noch in Ordnung», schreibt Heinz Horat in seinem Buch «Seelust – Badefreuden in Luzern». «Da wusste man noch, wo man hingehörte. Jedenfalls in der Badeanstalt: die Frauen links, die Männer rechts.» Der Historiker und frühere Direktor des Historischen Museums Luzern beleuchtet in seinem 2008 erschienen Buch das Baden in öffentlichen Gewässern, die Geschichte der Bäder – und den vorherrschenden Dresscode.

Die Männer trugen damals Badetrikots und Dreiecksbadehosen, «jene knappen, kurzen, ohne Beinröhren». Frauen zeigten sich wesentlich bedeckter und stiegen im zweiteiligen Badekostüm – der einem überdimensional grossen Babystrampler ähnelte – in den Vierwaldstättersee.

Nicht alle besuchten die Badi zum Baden

Erst 1919 kam das Badekleid auf. Und das wurde zeitweise von Frauen und Männern gleichermassen getragen. Etwa im damals eröffneten Strandbad Weggis. Dort teilten sich Männer und Frauen nicht nur den Strand, sondern auch den Dresscode.

Beide Geschlechter mussten ihre Oberkörper bedecken, das hielt das damalige Strandreglement fest, wie Heinz Horat in seinem Buch weiter schreibt. Dass Männlein und Weiblein im Strandbad Tribschen in Luzern nicht getrennt badeten, gab ordentlich zu reden. Schnell mauserte sich das «Strandbad» im Volksmund zu einem «Schandbad».

Ein Schandbad, das die Zuschauer zu Tausenden anlockte. Denn nicht alle, die das Strandbad besuchten, gingen auch wirklich baden. Die Hälfte besuchte das Bad als Zuschauer. Viele nahmen ihren Fotoapparat mit, um die Badenden hemmungslos zu fotografieren. Die Badekommission musste gar mit einem Fotografierverbot kontern.

Obwohl die Badi polarisierte, schien nichts zu eskalieren. Polizeikorporal Häfliger hielt im August 1919 fest, dass er nichts Unsittliches beobachtet habe. «Es geht zu wie in einer normalen Badeanstalt.»

Die Bademodenschau

In den 30er-Jahren wurde die Hose beim Mann knapper, bei den Frauen wurde das Badekleid enger. Jedoch folgten weitere Kleidervorschriften, wie Horat festhält. 1929 beispielsweise wurde es Männern verboten, sich im Lido mit Spitz- oder Dreikantbadehosen ohne Beinröhren zu zeigen.

«Blendender Sonnenschein und schöne Frauen mit reizsamem Linienfluss origineller Kostüme sind im Strandleben wohl die stärksten Effekte, die faszinieren.»

«Luzerner Tagblatt», im Jahr 1930

Im Lido selbst fand 1930 die erste Schweizer Bademodenschau statt. Darüber berichteten auch die Zeitungen. Das «Luzerner Tagblatt» schrieb am 17. Juni: «Seitdem das Strandbad zu einer Art Boulevardfiliale geworden ist […], ist auch die Strandbademode ein Herz und Hirn füllendes Problem der gesamten Damen- und mitunter auch der Herrenwelt.» Und weiter: «Blendender Sonnenschein und schöne Frauen mit reizsamem Linienfluss origineller Kostüme sind im Strandleben wohl die stärksten Effekte, die faszinieren.»

Der passende Sonnenhut durfte beim Aufenthalt im Lido nicht fehlen, 1940. (Bild: Lisa Meyerlist, Staatsarchiv Luzern, FDC 102 195.6)

1815 galt die «Schamtuch»-Pflicht

Bevor man sich über Kleidervorschriften sorgte, badeten die Luzerner lange Zeit splitterfasernackt. Das gefiel nicht jedermann. Etwa «Pfarrer Müller». Im 19. Jahrhundert erhob er Anzeige, nachdem er junge Knaben beim Baden beobachtet hatte. Und das an einem Sonntag. Und dann noch füdliblutt. Das sei «doppelt anstössig», habe Pfarrer Müller moniert, wie Heinz Horat schreibt.

Im Jahr 1815 folgten dann Regeln. Unter anderem durfte nicht baden gehen, wer keine Schwimmhose oder kein «Schamtuch» trug. Frauen und Männer mussten getrennt baden – und Baden durfte «niemals zur Zügellosigkeit führen».

FKK in der Ufschötti: Nicht immer toleriert

Tempi passati. Heute wollen einige nicht nur oben ohne, sondern auch gleich unten ohne baden. In der Zentralschweiz gibt es den einzigen offiziellen FKK-Strand in Zug. Nämlich bei der westlichsten der drei Buchten im Choller (zentralplus berichtete). Blutt Sünnelen und Baden ist hier seit 1998 offiziell erlaubt.

«Die mit Büschen überwachsene Anlage hat sich zu einer Oase des Nacktbadens entwickelt.»

«SDA» über die Luzerner Ufschötti im August 1983

Auch in der Ufschötti halten sich am östlichen Ende der Halbinsel immer wieder nackige Menschen auf. Schon seit Jahrzehnten ziehen Badende an jener Stelle blank. So berichtete die Nachrichtenagentur «SDA» im August 1983, dass die «Aufschütte» zum Ärgernis der Behörden geworden sei. «Die mit Büschen überwachsene Anlage hat sich zu einer Oase des Nacktbadens entwickelt, doch haben sich besonders in diesem Sommer die Klagen bei der Stadtpolizei gehäuft.»

Der damalige Stadtpräsident Matthias Luchsinger (FDP) warnte an einem Pressegespräch die «Anhänger der Freikörperkultur»: «Ganz- ohne-Leute ausserhalb des buschigen Areals sollen künftig gesetzliche Sanktionen zu gewärtigen haben», so die SDA weiter.

Jahrzehnte später gibt es in der Ufschötti nach wie vor Nacktbadende. Die Stadt scheint diese zu tolerieren. Den Nacktbadenden den Riegel geschoben hat hingegen die Gemeinde Meggen: Beim Schloss Meggenhorn hat diese 2011 das Blütteln verboten.

Verwendete Quellen
  • Buch Heinz Horat, «Seelust – Badefreuden in Luzern», Luzern im Wandel der Zeiten, Stadtarchiv Luzern (Hg.), Luzern, 2008
  • Recherche in der Schweizer Mediendatenbank
  • Medienbericht im «Spiegel»
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