Gesellschaft

Niklaus Weiss ist gestorben
Nachruf auf einen unbekannten Zuger Stadtbekannten

  • Lesezeit: 3 min
  • Kommentare: 6
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Der Zuger Niklaus Weiss 2017 vor seiner Wohnung beim Delta. (Bild: wia)

Der bekannteste Wuschelkopf der Stadt Zug ist nicht mehr. Niklaus Weiss ist am Mittwoch, den 5. Mai, mit 70 Jahren verstorben. Ein Nachruf.

Niklaus Weiss ist gestorben. Wer? Ja, Niklaus Weiss. Das Zuger Stadtoriginal, das keiner beim Namen kannte. Dennoch kannten fast alle den grossen, schlacksigen Mann mit dem auffälligen Lockenkopf, der häufig in der S-Bahn mit den Menschen ins Gespräch trat und meist auf peinliche Berührtheit traf. Manch einer wurde jedoch auch mal überrascht. Etwa der Informatiker, der auf einer Reise mit Weiss ins Gespräch kam und sehr schnell realisierte, dass Weiss seltene Computerprogrammiersprachen beherrscht, wodurch eine unverhoffte und geistreiche Fachsimpelei entstand.

Vor einigen Jahren veröffentlichte zentralplus eine Reportage über den Stadtzuger, der viele Jahre wie ein Eremit in einem lottrigen Haus direkt am See lebte (zentralplus berichtete). Obwohl dieser nur einen Steinwurf von seinem Haus entfernt liegt, traf man Niklaus Weiss nie am Ufer, zu gross war seine Angst vor dem Wasser.

Ein Leben ohne warmes Wasser und Heizung

Wir besuchten Weiss 2017 in seinem maroden, heillos überstellten Zuhause, das weder über warmes Wasser, einen funktionierenden Herd noch eine Heizung verfügte. Kein Problem für den Zuger, der sich jahrelang nur von Rohkost ernährte und zum Duschen auch mal nach Zürich fuhr. Sein Geld verdiente Weiss mit dem Reparieren von alten Geräten, etwa Flipperkästen oder Jukeboxen. Dies auch nach seiner Pension. Selbst für die wenigen Ausgaben reichte die karge Rente nicht aus.

Während der langen Gespräche, die wir mit dem kauzigen Mann führten, schwang stets derselbe Gedanke, dasselbe Gefühl mit. Dass man diesem Leben nicht gerecht geworden war. Dass Weiss, hätte er die Chance dazu erhalten, ein ganz anderes, weniger isoliertes Leben mit guter Ausbildung hätte führen können. Er sei zu dumm für eine Lehre, habe man ihm in der Jugend gesagt, erzählte Weiss beim Treffen damals. Seine Eltern hätten gar geglaubt, er sei geistig behindert.

«Ich wusste irgendwann, dass mit diesem Behindertenmärchen etwas nicht stimmen kann.»

Sein umfangreiches Wissen über Computer und Elektronik hatte er sich indes viele Jahre später selber beigebracht. Auch Fernkurse in Mathematik besuchte er. «Bis zu Integral- und Differenzialrechnung. Ich habe alles davon verstanden. Da wusste ich, dass mit diesem Behindertenmärchen etwas nicht stimmen kann», sagte Weiss in einem Kurzfilm der Kunststudentin Sarja Gauch, der 2018 veröffentlicht wurde. Und weiter: «Wissen Sie, wenn Sie einem Kind immer wieder sagen: ‹Du kannst das nicht›, machen Sie aus dem intelligentesten Mensch einen Tschumpel. Dann machen Sie ihn kaputt.»

Keine richtigen Freundschaften

Nicht nur in technischen Belangen hatte Weiss verborgene Talente. Ganze Bibelverse wusste Weiss zu rezitieren, jeweils passend zu den gerade besprochenen Themen schüttelte er sie aus dem Ärmel, stets mit einem Funken Schalk in den Augen. Dass Weiss den meisten Zugern als exzentrischer Mann im Gedächtnis bleiben wird, hat gute Gründe.

Es sei schwierig, Kontakte zu knüpfen, denn viele Menschen würden nur nach dem Äusseren urteilen, erklärte Weiss damals. Eine richtig gute Freundschaft habe er selber nie gehabt. Auch die Vorstellung, selber eine Familie zu gründen, verwarf er bald. «Mir war schnell klar, dass ich die Verantwortung für eine Familie nie tragen könnte. Ich wusste, dass ich nie so viel Geld verdienen würde, dass es dafür reicht.»

Am 1. April 1951 wurde Weiss in Zug geboren. «Am 1. April. Da glaubt man einem nie etwas, das wissen Sie doch», sagte der Stadtbekannte im Video. «Also gibt es mich gar nicht.» Am 5. Mai 2021 verstarb Niklaus Weiss.

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6 Kommentare
  1. Nora Fehr, 19.10.2021, 13:05 Uhr

    ich lernte Niklaus Weiss kennen als ich Jemanden suchte um meine mir liebe AMI Musikbox,
    aus den 50er Jahren wieder zum laufen zu bringen. Er kam nach Zürich und ich war
    überrascht, erstaunt, die Musik klang aus der Box, das Gespräch und der Kontakt erfreute mich, das Spezielle und Eigene. Er machte mir auch einen guten Vorschlag zur Reparatur, ich müsse einfach Geduld haben, das habe ich. Heute schrieb ich ihm einen E-Brief und fragte an.
    Jetzt aber lese ich seine Todesanzeige. Er hat meine Musik mitgenommen und ich werde ihn nicht vergessen. Du hast sicher für immer einen speziellen Platz.
    Nora

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    1. Redaktion Valeria Wieser, 19.10.2021, 15:04 Uhr

      Vielen Dank, dass Sie Ihre Erinnerung an Herrn Weiss mit uns teilen.

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  2. Kaspar, 09.06.2021, 23:27 Uhr

    Auch ich kannte Niklaus Weiss persönlich. Heute würde man seine Hochbegabung erkennen und fördern, damals tragischerweise leider nicht. So kam es halt, dass er statt als ETH-Professor als Autodidakt mit seinem riesigen elektrotechnischen Wissen seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdiente. Und nun hat sich sein kleiner Lebenskreis geschlossen. Sozial verarmt, anonym, inexistent. Himmeltraurig.

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  3. Daniel, 12.05.2021, 13:57 Uhr

    Du warst ein toller Typ und ein Genie dazu. Schade, dass Du verkannt wurdest.
    Meine 40jährige Stereoanlage hat nur dank Dir bis heute überlebt! Nochmals herzlichen Dank dafür.
    Du hast nicht nur Elektrotechnik und Elektronik begriffen, sondern hattest auch sonst ein enormes Wissen, weil Dich so viel interessiert hat.
    Du hast vieles verstanden – nur leider die Leute Dich nicht.
    Du fehlst den Zugern und Du fehlst mir. Hoffentlich erfährst Du jetzt die Gerechtigkeit, die Du verdient hast.
    Ruhe in Frieden, Niklaus!

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  4. Mättu, 07.05.2021, 21:31 Uhr

    Schade. Ein Original weniger und ein begnadeter Techniker dazu.

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  5. Marco B., 07.05.2021, 18:02 Uhr

    Ich habe Niklaus Weiss auch immer wieder mal gesehen.
    Zudem hat er mir mal bei Joe Brändli Electronic Center ein Gerät repariert.

    ZP+, Danke für den Artikel 🙂

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