Gesellschaft
Luzerner Facebook-Gruppe

«Möchte meine Haare verschenken»

In der Facebook-Gruppe «Verschenkkreis Luzern» werden sogar Umarmungen verschenkt. (Fotomontage) (Bild: Emanuel Ammon/AURA Fotoagentur)

Luzerner beglücken sich gerne gegenseitig. Die Facebook-Gruppe «Verschenkkreis Luzern» hat ihre Mitgliederzahl in den letzten Monaten mehr als vervierfacht. Während im letzten November noch 800 Personen ihre Besitztümer in der Gruppe weggaben oder nach neuen suchten, sind es jetzt bereits knapp 3’500. Ein Selbstversuch von zentral+ zeigt: Das «Verschenken» funktioniert.

Gegenstände, Tiere und Umarmungen: Luzerner beschenken sich in der Facebook-Gruppe «Verschenkkreis Luzern» gegenseitig. Die Plattform hat Erfolg, seit sie Ende 2012 ins Leben gerufen wurde. In den letzten Monaten erlebte die Gruppe einen starken Mitgliederzuwachs. Die zahlreichen Besitztümer, nach denen die Mitglieder suchen, könnten unterschiedlicher nicht sein: Während die einen auf der Suche nach Gartenzwergen, Lesebrillen, Laminat oder einer Fleischschneide-Maschine sind, suchen andere einen ganzen Garten.

Noch zahlreicher als die Suchanfragen sind jedoch die Angebote auf der Seite. Diese werden praktischerweise meistens mit einem Foto gepostet. Am häufigsten wechseln Möbel, Haushaltsartikel oder Kinderkleider den Besitzer. Und Hatun Huber, die seit März 2014 die Administratorin der Gruppe ist, ergänzt: «Es wird durchs Band alles verschenkt. Von Kleinigkeiten wie Blumentöpfen, Kabeln, CDs und DVDs bis hin zu Lampen, Felgen und Grills.» Kürzlich sei sogar eine Solarium-Sonnenbank auf der Seite angeboten worden.

Die aufwendige Administrativ-Arbeit nehme sie auf sich, weil es ihr Spass mache zu helfen. Es nehme doch einige Zeit in Anspruch. Denn wenn alte Beiträge auf der Seite nicht gelöscht werden, gäbe es ein ziemliches Durcheinander, so die Krienserin. Dennoch engagiert sich Huber gerne: «An der Gruppe gefällt mir am besten, dass sich die Menschen gegenseitig helfen.»

Geckos zu verschenken

Auch zentral+ hat die Gruppe schon getestet. Eine Ikea-Matratze wurde gepostet, die ansonsten in den Müll gewandert wäre, und gleich hat sich jemand per Nachricht gemeldet. Schon am nächsten Tag holte der Interessent die Matratze wie besprochen ab. In einem zweiten Versuch war eine Garderobe im Angebot. Und siehe da, auch diese wurde wie abgemacht abgeholt. Beide Male waren die Interaktionen höflich, respektvoll und die Beschenkten sehr dankbar für die Sachen. Überraschenderweise bekam man sogar etwas für die Einrichtungsgegenstände: Beide Abholer brachten Schokolade als Dankeschön mit.

Die ungewöhnlichsten Angebote, die auf der Seite zu finden sind: Ein Traktorreifen, ein Twilight-Puzzle oder das vielleicht nicht ganz so ernst gemeinte Angebot, den Mitbewohner verschenken zu wollen. In der Gruppe kommt auch die Tierwelt nicht zu kurz. Neben Hasen und Katzen werden auch exotischere Tiere angeboten: Ein Madagaskargecko und vier bis fünf Goldgeckos zum Beispiel. Neben dem Foto der Geckos stehen die Angaben zu den Tieren: Sie stammen aus Vietnam, sind 20 Zentimeter lang und essen Insekten. Eine andere Tierbesitzerin bietet Fische an: «Zu verschenken: Malawi Prachtbarsche in den verschiedensten Farben und diversen Grössen.» Auch ein sechsjähriger Kater sucht nach einem neuen Zuhause mit Auslauf im Freien. Dieser müsse sonst am folgenden Tag ins Tierheim.

Von der Facebook-Gruppe wird eigentlich erwartet, dass die Mitglieder eine soziale Ader haben. Ein User wollte sogar seine Haare für Krebspatienten verschenken und schrieb: «Möchte meine Haare verschenken! Kein Witz.» Ob jemand einen Coiffeur kenne, der ihm weiterhelfen könnte. Ein anderer User bot Umarmungen auf der Plattform an.

Regeln sind nötig

Da die Mitgliederzahl stark gestiegen ist, gibt es seit März 2014 aber auch Regeln für die Gruppe. Eine Regel beinhaltet, dass man abgemachte Abholtermine einhalten muss oder dies ansonsten dem Administrator melden soll. Diese Regel scheint nötig, wie der Post einer Userin zeigt, die einen Blumenständer und ein Holiday-Park-Eintritt verschenken wollte. Beides sei von zwei verschiedenen Personen nicht abgeholt worden, obwohl so ausgemacht. Auch Huber stört das: «Es gibt Einige, die zwar um eine Sache bitten, diese dann aber nicht abholen und sich nicht mehr melden. Ich finde das unerfreulich, denn es ist frustrierend für die Leute, die etwas von Herzen verschenken möchten und dann mit dieser Undankbarkeit konfrontiert werden.»

Zudem stellen weitere Regeln klar, für was die Plattform genutzt werden soll: Missbräuche der Seite für Werbezwecke, Spam und sonst unangebrachte Posts führen zum Ausschluss aus der Gruppe. Posts, die eine finanzielle Gegenleistung verlangen, werden gelöscht. Weitere Regeln hatte Huber aufgestellt, damit etwas Ordnung in die Gruppe kommt: «Der Umgang war zwischenzeitlich angespannt, da es immer wieder solche Leute gab, die provokative und vulgäre Kommentare machten und somit eine unangenehme Atmosphäre schufen.» Diese Regeln scheinen inzwischen gewirkt zu haben.

Für die Zukunft der Gruppe hofft Huber auf viel Gutmütigkeit der Menschen und dass sie sich weiterhin gegenseitig helfen. Damit auch in anderen Regionen das Verschenken eine Plattform bekommt, hat sie nun vor kurzem auch eine Verschenkkreis-Gruppe für Zug eröffnet. Huber: «Ich schätze, es werden ähnliche Gruppen für weitere Kantone folgen.»

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