Gesellschaft
Sündenbock-Diskussion um Reiserückkehrer

Luzerner Kosovaren fordern einfacheren Impfzugang

Rapper Marash Pulaj und Politikerin Ylfete Fanaj besuchen regelmässig ihre Verwandten im Kosovo. (Bild: Adobe Stock, zvg)

Die Spitaleinweisungen von Covid-Patienten steigen stark an. Ein grosser Teil davon sind Rückkehrer aus dem Kosovo. zentralplus hat mit zwei prominenten Luzerner Kosovaren über Impfskepsis und falsche Ferienbilder gesprochen.

Der Nachholbedarf diesen Sommer war gross – in etlichen Bereichen. Endlich wieder Ferien am Strand, Konzerte unter freiem Himmel oder Oma und Opa in der Heimat besuchen. Letzteres sorgt nun aber für den grossen Kater danach. Die Ferienrückkehrer lassen die Corona-Fallzahlen und nun auch die Spitaleinweisungen nach oben schnellen. Fast alle eingelieferten Corona-Patientinnen sind ungeimpft (zentralplus berichtete).

Wie Zahlen der wissenschaftlichen Task-Force des Bundes zeigen, sind es zu einem grossen Teil Rückkehrer aus dem Kosovo, die die Covid-Spitalbetten füllen. Seit Tagen wird in der Schweiz diskutiert, wie es so weit kommen konnte. Bilder von Hochzeitsfeiern mit mehreren Hundert Gästen werden verbreitet, den kosovarischen Behörden wird Fahrlässigkeit vorgeworfen.

 «Wir gehen nicht in den Kosovo Caipirinha am Strand trinken»

Die gebürtige Kosovarin und Luzerner Kantonsrätin Ylfete Fanaj (SP) glaubt, die Diskussion gehe in die falsche Richtung. Schliesslich habe man die Nachlässigkeit auf die Sommerferien hin auch bei Schweizerinnen erlebt. «Als die Regierung die Massnahmen aufhob, waren die Fallzahlen im Kosovo sehr tief, wie auch in der Schweiz.» Dass die kosovarische Regierung aber gleich sämtliche Beschränkungen aufhob, gerade für private Feiern, «das ging gar nicht».

«Wir haben den Luxus, einen Lockdown zu machen. Im Kosovo ist Armut mindestens so gefährlich für die Menschen wie eine Pandemie.» 

Marash Pulaj

Gemäss der «Sonntagszeitung» flogen alleine im Juli fast eine halbe Million Passagiere nach Pristina, deutlich mehr als in «normalen» Jahren. Einer davon war der Luzerner Rapper Marash Pulaj. «Viele tun so, als würden wir dort Ferien wie auf Mallorca machen. Doch dem ist nicht so.» Viele Schweiz-Kosovaren besuchen ihre Verwandten, die teils sehr abgelegen auf dem Land wohnen. «Oder wir fahren unsere Grosseltern regelmässig zum Arzt. Dieses Narrativ muss sich ändern, wir gehen nicht in den Kosovo feiern und Caipirinha am Strand trinken.»

Dennoch glaubt der 27-Jährige, «dass Corona den Menschen im Kosovo weniger einen Schrecken eingejagt hat als uns hier». Fahrlässigkeit würde er den kosovarischen Behörden nicht vorwerfen. «Wir haben den Luxus, einen Lockdown zur Sicherheit der Menschen zu machen. Im Kosovo ist Armut mindestens so gefährlich für die Menschen wie eine Pandemie. Darum wurden wohl auch weniger strenge Massnahmen umgesetzt.»

Impfskepsis oder einfach schlechte Planung?

Unter den Ferienrückkehrern, die in den Schweizer Spitälern liegen, sind die allermeisten nicht geimpft. Und auch im Kosovo selber liegt der Anteil an vollständig Geimpften nur gerade bei knapp 12 Prozent, in der Schweiz sind es fast 52 Prozent. Sind die Kosovarinnen impfkritischer? Rapper Pulaj winkt ab: «Ich kenne kaum jemanden aus dem Kosovo, der der Impfung gegenüber sehr kritisch eingestellt ist. In meinem Umfeld haben sich die meisten Älteren oder sonstige Risikopersonen impfen lassen.»

«Die Empfänglichkeit für Fake News ist im Kosovo sicherlich grösser.»

Ylfete Fanaj, SP-Politikerin aus Luzern

Der Moderator glaubt, dass viele die zwei Impftermine und Sommerferienpläne nicht unter einen Hut gebracht haben. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sich nun viele impfen lassen werden.» Ähnlich sieht es Ylfete Fanaj: «Wie in der Schweiz wurden auch im Kosovo auf den Sommer hin viele Massnahmen gelockert. Viele haben sich zu wenig um ihren Impftermin gekümmert, es wäre mitten in ihre Ferien gefallen.»

Impfskeptiker gebe es auf beiden Seiten, sowohl bei Migrantinnen als auch bei Schweizern. «Die Argumente, die ich auch im Umfeld höre, sind dieselben: Die Impfung sei zu wenig erforscht, man will sich nicht dazu zwingen lassen und so weiter», sagt die Luzerner Politikerin. Einen Unterschied hebt Fanaj dennoch hervor: «Die Empfänglichkeit für Fake News ist im Kosovo sicherlich grösser.» Das kritische Hinterfragen werde in der Bildung weniger gefördert. Komme hinzu: «Die Kosovarinnen und Kosovaren sind ein sehr junges Volk, der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 20. Wie auch hier fühlen sich die jungen Menschen weniger gefährdet durch das Virus.»

Ärzte auf Social Media und Impfen beim Abendshopping

Zudem glaubt die SP-Politikerin, dass die Migranten in der Impfkampagne zu wenig angesprochen wurden. «Was besonders wirkt, sind glaubwürdige Personen aus dem Kosovo, die hinstehen und über die Impfung aufklären. In den letzten Tagen wurden viele Ärztevideos oder Texte auf Albanisch im Netz verbreitet, das ist ein wichtiger Weg, um die Impfbereitschaft zu erhöhen.»

Ein Beispiel: Der Schweizer Journalist Enver Robelli hat den Arzt Omer Xhemali interviewt:

Auch Rapper Marash Pulaj war Teil einer Aufklärungskampagne – gar von einer des Bundesamts für Gesundheit (zentralplus berichtete). Haben die Botschaften Ende Juni zu wenig gefruchtet? «Ich glaube, die Kampagne hat gut funktioniert. Wir konnten Botschaften gezielt platzieren, gerade dort, wo viele unsicher waren», sagt der Luzerner. Er habe sehr viele positive Reaktionen erhalten. «Aber ich bin davon überzeugt, dass eine solche Promi-Kampagne nicht ausreicht. Vielleicht müsste man den Zugang zur Impfung noch mehr vereinfachen.»

Auch Fanaj sieht darin den wichtigsten Lösungsansatz: «Wir müssen jetzt die Fehler beheben, die gemacht worden sind. Es braucht mehr dezentrale, spontane Impfmöglichkeiten im Abendverkauf oder an den Wochenenden, die Bevölkerung muss jetzt abgeholt werden.» Schliesslich beginnen bereits in einem Monat die Herbstferien.

Kosovarische Regierung greift nach lockerem Sommer durch

Nachdem die kosovarische Regierung vor den Sommerferien viele Beschränkungen aufgehoben hatte, etwa solche für private Feste wie Hochzeiten, hat sie die Schrauben nun wieder angezogen. Seit dem 20. August sind alle Discos und Nachtclubs geschlossen und Hochzeiten sowie andere private Feiern verboten. Die Restaurants müssen um 22.30 Uhr Lichter löschen, an Anlässen mit über 100 Personen dürfen nur Geimpfte und Getestete teilnehmen.

Am Sonntag verkündete die kosovarische Regierung zudem den verschobenen Start des Schuljahres. Statt ab dem 1. September werden die Schülerinnen erst Mitte des Monats in die Klassenzimmer zurückkehren. Zudem verkündete die Landesregierung eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr. Diese trat diesen Montag, 30. August, in Kraft.

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