Gesellschaft
Erste Hilfsangebote eingestellt

Luzerner Hilfsbereitschaft für Ukraine kriegt erste Risse

Zu Anfang lancierten Luzernerinnen viele private Spendensammlungen für die Ukraine. (Bild: Adobe Stock)

Zu Kriegsbeginn gab es in Luzern fast täglich Benefizkonzerte, Spendensammlungen und andere Hilfsaktionen für die Ukraine. Inzwischen müssen einzelne Angebote mangels Spenden eingestellt werden. zentralplus hat nachgefragt, wie es um die Hilfsbereitschaft der Luzerner steht.

Der Ukraine-Krieg hat in der Schweiz eine Welle der Solidarität ausgelöst. Viele öffneten ihre eigenen Türen, damit geflohene Ukrainerinnen ein Dach über dem Kopf haben. Andere wiederum sammelten Güter, um damit an die Grenze zu fahren (zentralplus berichtete). Oder musizierten, um Geld für Hilfsorganisationen zu sammeln.

Geldspenden fliessen nur noch spärlich

Nun dauert der Krieg schon Monate, und die Schlagzeilen ändern sich. «Hilfsfahrten in die Ukraine: Mangels Spenden ist vorläufig Schluss», titelt beispielsweise die «Luzerner Zeitung». Ein Surseer Carunternehmen, das Materialspenden hin- und Flüchtlinge zurückgefahren hat, muss die Fahrten einstellen. Rund 300 Personen konnte die Firma so in die Schweiz bringen – doch weil die Spendengelder immer spärlicher flossen, ist jetzt Schluss.

Ähnliches Verhalten beobachtet auch die Glückskette. Am Anfang sprudelten die Spendengelder nur so. Am Spenden-Sammeltag knackte die Glückskette mit über 50 Millionen Franken den Spendenrekord vom Tsunami 2004. Mittlerweile seien über 126 Millionen Franken zusammengekommen, so Mediensprecherin Judith Schuler auf Anfrage.

Doch in der Bevölkerung macht sich eine gewisse Spendenmüdigkeit breit. «In der Zwischenzeit hat die Spendenbereitschaft stark abgenommen. In den letzten zwei Monaten haben wir noch etwa zwei Millionen Franken erhalten.»

«Die Hilfsbereitschaft ausschliesslich an den Spenden zu messen, greift zu kurz.»

Reto Stalder, Mediensprecher Caritas Luzern

Sie fügt jedoch an: «Die Spendenbereitschaft für die Ukraine hat vergleichsweise lange angehalten. Wir erhalten immer noch täglich Spenden, wenn auch meist kleinere Beiträge.» Sorgen, dass diese bald versiegen, hat Schuler nicht. «Ich denke, die Spendenbereitschaft für die Ukraine wird wegen der öffentlichen Präsenz des Konflikts noch eine Weile anhalten.»

Einen Durchschnittswert, wie lange die Hilfs- und Spendenbereitschaft für eine Krise anhalte, gebe es nicht. Dies hänge jeweils davon ab, wie lange ein Konflikt dauere und wie stark die Schweizer von einer Krise betroffen seien.

Weniger Spenden, aber ungebrochene Solidarität

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Caritas Luzern. Mit den anfänglichen Geldspenden «konnte die Caritas Luzern unbürokratische Soforthilfe leisten», schreibt Mediensprecher Reto Stalder auf Anfrage. So hat die Hilfsorganisation 3’000 Karten an Ukrainerinnen verteilt, damit diese in den Caritas-Läden vergünstigt Essen und Möbel kaufen können (zentralplus berichtete).

Doch: «Die Geldspenden sind in den letzten Monaten zurückgegangen.» Stalder fügt jedoch gleich hinzu: «Die Hilfsbereitschaft ausschliesslich an den Spenden zu messen, greift zu kurz.» Die Caritas nehme unverändert eine hohe Solidarität gegenüber den Flüchtlingen wahr.

«Gerade unsere treuen Spenderinnen und Spender zeigen eine hohe Solidarität.»

Raymond Ruch, Mediensprecher Schweizerisches Rotes Kreuz

Ein gutes Beispiel sei das Gastfamilienprojekt im Nachbarkanton Zug. Aktuell seien immer noch über 150 Gastfamilien auf der Liste, die Ukrainerinnen bei sich daheim aufnehmen würden. Viele Gastfamilien würden zudem ihr minimales Engagement von drei Monaten verlängern. «Kommt es zu einem Wechsel, sind entweder die Platzverhältnisse der Grund oder aber die Schutzsuchenden wollen bei ihrer eigenen Integration den nächsten Schritt machen.»

Geld für Aufbauarbeiten fliesst weiterhin

Anders sieht es hingegen beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) aus. So schreibt Raymond Ruch auf Anfrage: «Nach wie vor verzeichnen wir eine hohe Spenden- und Hilfsbereitschaft. Gerade unsere treuen Spenderinnen und Spender zeigen eine hohe Solidarität.»

Für gewöhnlich sinken Spenden für Katastrophen- oder Krisenfälle nach rund sechs Wochen. Im Fall der Ukraine halte die Spenden- und Hilfsbereitschaft nun seit bald einem halben Jahr an. Dass das SRK immer noch Spenden erhält, erklärt sich Ruch mit ihrem vielseitigen und langfristigen Engagement.

Denn das SRK unterstützt die Ukrainer auch vor Ort – und will voraussichtlich bis 2025 in der Ukraine aktiv bleiben. Und nebst der sofortigen Nothilfe setze das SRK die Spenden auch langfristig für den Wiederaufbau ein. Andererseits erklärt sich Ruch das anhaltende Engagement mit der starken Medienpräsenz des Kriegs.

Kulturzentrum Prostir erhält nach wie vor Unterstützung

Beim ukrainischen Kulturzentrum «Prostir» halte die Hilfsbereitschaft nach wie vor an, erzählt Mit-Initiant und Grüne-Kantonsrat Urban Frye. Derzeit sind viele Kinder für das Sommerprogramm im Zentrum. «Wir machen ganz viele Ausflüge mit den Kindern. Und wo immer wir anfragen, werden wir mit offenen Armen empfangen», erzählt Frye am Telefon. Viele Firmen bedankten sich gar für ihr Engagement.

Trotzdem könne er sich gut vorstellen, dass andere Hilfsaktionen eingestellt wurden. «Am Anfang hatten viele Leute das Bedürfnis, etwas zu machen und haben etwas auf die Beine gestellt.» Doch diese Angebote länger zu betreiben, brauche einen langen Atem und auch eine gewisse Professionalität. «Ich denke, es fehlt nicht am Willen, sondern an Energie.»

Frye geht jedoch davon aus, dass die Solidaritätswelle im Winter wieder zunimmt. Dann sieht sich die Schweiz gemäss Prognosen des Staatssekretariats für Migration einer weiteren grossen Flüchtlingsbewegung gegenüber.

Damit die Solidarität anhalte, solle der Kanton die Zivilbevölkerung mehr einbeziehen, sagt Frye. «Besonders bei der Unterbringung von Flüchtlingen spürt man schweizweit eine enorme Hilfsbereitschaft. Dass der Kanton solche Angebote in Luzern nicht nutzen möchte, sorgt bei engagierten Personen sicher für Frust.»

Hinweis: Der Text wurde mit Aussagen von Urban Frye ergänzt.

Verwendete Quellen
  • Artikel «Luzerner Zeitung»
  • Telefonat mit Judith Schuler, Mediensprecherin Glückskette
  • Schriftlicher Austausch und Telefonat mit Reto Stalder, Mediensprecher Caritas Luzern
  • Schriftlicher Austausch mit Raymond Ruch, Mediensprecher Schweizerisches Rotes Kreuz
  • Telefonat mit Urban Frye, Grüne-Kantonsrat und Mit-Initiant Kulturzentrum «Prostir»
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