Gesellschaft

«Religiöses Erlebnis» im Titlis-Gletscher
Luzerner Freerider brettern auf Skis durch Bauch des Gletscherriesen

  • Lesezeit: 4 min
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Mann von Welt staunt im Gletscher: Jan Vyskocil in der vier Meter hohen «Eingangskathedrale». (Bild: hae)

Derzeit ist ein packendes Naturwunder am Titlis zu erleben: Abenteuerfreudige Freerider pilgern zum grössten Gletscher der Zentralschweiz. Sie fahren durch den natürlichen Eistunnel und staunen still in einer riesigen Eiskathedrale. Einer der Ersten war Heini Giesker. Die Freerider-Legende ganz in Weiss spricht von einem «religiösen Erlebnis». 

Vor zwei Wochen tapste ein Bär über die Gerschnialp ob Engelberg. Jetzt hat das Bergdorf mit seinem ewigen Gletscher eine weitere Attraktion: Dank vieler Zufälle schneite es durch ein vier mal acht Meter grosses Loch in einen abschüssigen Tunnel im Gletscher, der «Steinberg» heisst.

Mutige Skifahrer, die hier bis zum Saisonende am 27. Mai über majestätische Freerider-Pisten heizen, haben vor drei Wochen den rund 40 Meter langen Durchgang entdeckt und erstmals befahren. Normalerweise ist so etwas nicht möglich, weil Gletscherhöhlen aus Mangel an Schnee praktisch nie auf Skis zu begehen sind.

Steil und gefährlich: der Aufstieg ins Einstiegsloch am Titlis-Gletscher.

Steil und gefährlich: der Aufstieg ins Einstiegsloch am Titlis-Gletscher.

(Bild: hae)

Hier aber bedeckt eine Schicht Schnee den Eisboden, weshalb Skifahrer derzeit sachte den auf natürliche Weise entstandenen Gletschertunnel durchqueren können. zentralplus liess sich diese Chance nicht entgehen und wagte sich selbst in die Höhle des sich bewegenden Gletschers: trotz konstanten Tropfens von den Wänden und immer mal wieder eines mächtigen Knackens im Eis bei derzeitigen Temperaturen von rund 5 Grad.

Thrill im klirrenden Eis

Einziger Wermutstropfen beim Thrill im klirrenden Eis: der steile und nicht ungefährliche Aufstieg von 20 Metern in einem an sich gesperrten Gebiet. Doch das hält längst nicht alle vom Eintauchen in das grosse Blauweiss ab. Die meisten abenteuerlustigen Eiskundler machen einen viertelstündigen Fotohalt im Bauch des Gletschers und halten die Dramatik in den zahllosen Blautönen für die Ewigkeit fest.

«Ich fahre schon mehr als 60 Jahre hier Ski, doch das gab es noch nie.»

Heini Giesker, Legende am Titlis

So wie der Luzerner Heini Giesker (70), der jeden schönen Tag am Berg verbringt. «Ich fahre schon mehr als 60 Jahre am Titlis Ski, doch das gab es noch nie», sagt er. Der wettergegerbte Bergler, der mehr als 100 Tage pro Saison auf Breitskis verbringt, kennt hier jeden Stein, jedes Couloir, jede Wächte.

Legende am Berg: Heini Giesker liebt die Nähe zur Natur, rechts hinten die Ausfahrt.

Legende am Berg: Heini Giesker liebt die Nähe zur Natur, rechts hinten die Ausfahrt.

(Bild: hae)

Der ehemalige Mitbegründer der «Blondino»-Modeboutiquen erlangte in der Freerider-Szene Berühmtheit, als eine grosse US-Skifirma ihn in einem emotionalen Video (siehe unten) in Engelberg filmte. Seither kennt jeder am Berg den «Schneeflöckli» genannten Tiefschneefahrer in seinem ramponierten weissen Overall.

Hier sieht man Heini Giesker im Video:

 

Heini Giesker war einer der Ersten, die sich in den Eistunnel auf einer Höhe von rund 2’800 Metern wagten. «Da bekomme ich religiöse Gefühle: Mutter Natur ist doch einzigartig.» Normalerweise ist Giesker glücklich, wenn er im «Kanada-Eck» zwischen Tannen tanzen, auf dem «Sommerweg» abheben und juchzen oder im «Laub» über Felsen springen kann. 

«Mitten im Gletscher braucht man keine Drogen, so berauschend ist die Natur.»

Heini Giesker, Luzerner Legende am Berg

Jetzt hat Heini Giesker eine neue Attraktion mitten im «Steinberg» gefunden. Und er philosophiert über das grandiose Freiheitsgefühl im Schnee: «Freeriden ist wie eine Droge – man will immer mehr. Aber hier mitten im Gletscher braucht man keine Drogen, so berauschend ist die Natur.»

Das sehen auch andere Luzerner so. Etwa Jan Vyskocil (55) aus Meggen, ein Unternehmer, der gerne in Oldtimern, mit Tauchflasche oder auch mit Skis die Welt bereist. «Ich habe schon viel gesehen – aber so etwas Spektakuläres habe ich noch selten erlebt.» Nach dem ersten Durchgang führte er tags darauf auch seine Frau und ein paar Freunde durch den Tunnel.

«Ich hatte schon weiche Knie und wusste um die Gefahr.»

Rita Schmid, Marketingfrau aus Luzern

Auch Rita Schmid (55), Marketingfrau aus Luzern, wagte sich am letzten Wochenende ins Eis. Sie gesteht: «Ich hatte weiche Knie und wusste um die Gefahr. Aber das Erlebnis und die tollen Fotos belohnten mich für die durchgestandene Angst im Gletscher.»

Kleine Marketingfrau, fast verschluckt vom grossen Eis: Rita Schmid im Bauch des Steinberggletschers.

Kleine Marketingfrau, fast verschluckt vom grossen Eis: Rita Schmid im Bauch des Steinberggletschers.

(Bild: hae)

Ihnen allen dürfte es wie Heini Giesker gehen, der ehrfürchtig mit neuem Blick auf die beiden grossen Löcher im Gletscher schaut. Bis Mutter Natur die natürlichen Zu- und Ausgänge im Gletscher wieder schliessen wird. Das wird sicherlich noch ein paar Tage dauern, bis die Wärme wie jeden Frühling mächtige Eisbrocken am leider rapide schmelzenden Gletscher zum Abbrechen bringt, die dann tosend ins Tal donnern.

Nur erfahrenen Freeridern zu empfehlen

Dann ist «Schneeflöckli» weit weg. Denn Sicherheit geht dem rüstigen Rentner trotz aller Abenteuer über alles. Und er warnt Nachahmer: Der Tunneltrip ist nichts für schwache Nerven. Und nur erfahrenen Freeridern zu empfehlen.

Kein Blick zurück: Nach der Ausfahrt gilt es schnell vom Gletscher wegzufahren; es herrscht Abbruchgefahr.

Kein Blick zurück: Nach der Ausfahrt gilt es schnell vom Gletscher wegzufahren; es herrscht Abbruchgefahr.

(Bild: hae)

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