Inflation, Krise, Krankenkassenprämien

Luzerner Caritas-Beraterin: «Existenzkampf macht krank»

Antje Sonntag ist seit fünf Jahren die Leiterin Sozial- und Schuldenberatung bei der Caritas Luzern. (Bild: ida)

Das Leben wird teurer. Viele Luzernerinnen müssen deswegen den Gürtel enger schnallen. Wie sehr das auch die Caritas Luzern spürt, sagt Sozial- und Schuldenberaterin Antje Sonntag.

Viele merken, dass Ende des Monats nicht mehr so viel Geld übrig bleibt wie auch schon. Die Inflation frisst das Einkommen weg, Lebensmittel wurden teurer, die Mieten steigen und bald folgt der nächste Hammer: der hohe Aufschlag bei den Krankenkassenprämien. Für die einen ist es ärgerlich, für die anderen fatal.

Menschen mit knappem Budget finden bei der Caritas Luzern Hilfe. Sie unterstützt Armutsbetroffene, aber auch Armutsgefährdete, also jene, die sich knapp über der Armutsgrenze befinden. Antje Sonntag kennt die Sorgen dieser Menschen. Sie ist die Leiterin der Sozial- und Schuldenberatung von Caritas Luzern.

zentralplus: Antje Sonntag, was löst die Inflation sowie die steigenden Mieten und Krankenkassenprämien bei den Menschen aus?

Antje Sonntag: Wenn das Budget eh schon knapp ist, löst das Geldsorgen aus. Fragen plagen einen, wie man es schafft, die Krankenkasse oder die Kita der Kinder zu bezahlen. Viele machen sich Sorgen um die Zukunft, weil alles immer teurer wird. Oft höre ich von Müttern, die das Haushaltsgeld verwalten: Früher hat das Haushaltsgeld bis Ende Monat knapp gereicht, wenn ich einkaufen gegangen bin. Jetzt merke ich schon Mitte Monat: Das Geld ist weg.

zentralplus: Wie gross ist die Gefahr, dass weitere Menschen in die Armut abrutschen?

Sonntag: Bei «Working Poors» braucht es nicht viel, bis das passiert. Sie leben trotz Arbeit und einem Einkommen knapp an der Armutsgrenze. Es muss nur einmal ein Einkommen wegfallen, ein Pensum reduziert werden und schon rutscht man in die Armut ab. Oft ist es ein stetiger Kampf. Bei der Caritas Luzern begleite ich einige Personen über mehrere Jahre. Oft erkenne ich wellenartige Bewegungen: Wenn man sich finanziell gefangen hat, kommt die nächste Krise. Viele konnten sich beispielsweise von der Corona-Pandemie gar nicht richtig erholen.

zentralplus: Wer sucht bei der Sozial- und Schuldenberatung der Caritas Luzern Hilfe?

Sonntag: Klassische «Working Poors». Oft handelt es sich um Alleinerziehende oder kinderreiche Familien. Oder Alleinstehende, die einen schweren Schicksalsschlag erlebt haben wie ein Todesfall in der Familie oder eine Scheidung. Die Menschen, die zu uns kommen, sind jene, die zwischen Stuhl und Bank fallen.

Tipps zum Sparen – und Prämienverbilligung beanspruchen!

Die Caritas Luzern hat Tipps, wie man in der Zentralschweiz günstiger lebt, in einem «ABC des Sparens» zusammengetragen. Dieses findest du hier. Budgetvorlagen kannst du hier gratis herunterladen und erstellen. Wer sich bei der Caritas Luzern beraten will, findet hier mehr Infos.

Zudem kann sich jeder im Kanton Luzern noch bis am 31. Oktober für die Prämienverbilligung anmelden, anschliessend wird geprüft, ob ein Anspruch besteht. Du musst dich dafür jedes Jahr von Neuem anmelden. Das kannst du hier tun.

zentralplus: Was meinen Sie damit?

Sonntag: Sie haben zu viel, um Sozialhilfe beziehen zu können, aber zu wenig, um ihren Alltag alleine bewerkstelligen zu können. Zudem haben viele Mehrfachproblematiken, das heisst: Sie kommen, kurz bevor der Strom bei ihnen zu Hause abgestellt wird oder sie die Krankenkasse betreibt. Dann müssen wir schnell reagieren, um Schlimmeres abzuwenden.

zentralplus: Durch den Ukraine-Krieg und die Teuerung verspüren die Caritas-Märkte in der Schweiz, in denen Armutsgefährdete vergünstigt einkaufen können, einen starken Anstieg (zentralplus berichtete). Wird auch die Sozial- und Schuldenberatung überrannt?

Sonntag: Wir haben eine stetig hohe Nachfrage, aber wir werden nicht überrannt. Letztes Jahr betreuten wir rund 600 Dossiers, dieses Jahr werden es in etwa gleich viele sein. Allerdings muss ich festhalten, dass viele tendenziell mehr Zeit brauchen, bis sie den Weg in die Sozial- und Schuldenberatung finden. Wenn Probleme finanzieller Art entstehen, ist der erste Gedanke meistens: Wie schaffe ich das alleine?

«Finanzielle Not ist für viele ein Grund, sich zu isolieren.»

zentralplus: Was tun Betroffene, um dennoch irgendwie Geld zu sparen?

Sonntag: Das ist sehr individuell. Der eine verzichtet auf jene Dinge, bei denen man sich eher mal einschränken kann. In der Regel sind das soziale Interaktionen, die mit Geld verbunden sind. Man besucht beispielsweise nicht mehr das Fussballspiel im Stadion oder verzichtet auf den Kaffee mit der Kollegin. Finanzielle Not ist für viele ein Grund, sich zu isolieren. Oft leihen sich Betroffene auch Geld von Freunden oder Familie.

zentralplus: Und wieder andere gehen nicht zum Arzt, trotz Schmerzen oder Krankheit oder setzen auf die höchste Franchise, in der Hoffnung, Prämie zu sparen und nie zur Ärztin gehen zu müssen …

Sonntag: Das ist ein klassisches Beispiel aus der Sozial- und Schuldenberatung. Manche setzen die Franchise bei 2500 Franken an, in der Hoffnung, durch das Jahr zu kommen, ohne einen Arzt aufsuchen zu müssen. Und schon passiert es. In einem anderen Beispiel hatte ein Familienvater, der in einem handwerklichen Beruf arbeitet, einen steifen Finger. Die Familie hatte bei der Krankenkasse die tiefste Franchise gewählt, dennoch strapazierte eine einzige Leistungsabrechnung das Budget über mehrere Monate. Als Konsequenz ging der Familienvater trotz Schmerzen nicht zum Arzt, um Kosten zu vermeiden. Auch Zahnarztbesuche werden oftmals lange hinausgezögert. In der Regel werden die Zahnarztrechnungen aber nur höher, je länger man wartet.

Bei der Sozial- und Schuldenberatung der Caritas Luzern wird Menschen in finanzieller Not kostenlos geholfen. (Bild: ida)

zentralplus: Wie geht es den Betroffenen mental?

Sonntag: Gefährlich ist insbesondere die Existenzangst, mit der die Menschen leben müssen. Sie ist eine der schlimmsten Ängste. Für Armutsgefährdete ist es sehr belastend, wenn man nicht weiss, wie man im nächsten Monat über die Runden kommen soll. Diese Existenzangst kann sehr krank machen. Neben dem Stress können Depressionen als Begleiterscheinungen finanzieller Probleme und Schulden entstehen.

«Unser Klientel sind richtige Sparexpertinnen und -experten.»

zentralplus: Wie helfen Sie in der Sozial- und Schuldenberatung Armutsgefährdeten?

Sonntag: Oft merken wir, dass viele gar nicht wissen, dass sie sozialversicherungsrechtliche Ansprüche hätten, wie beispielsweise die Prämienverbilligung. Wir klären über diese auf und machen diese Ansprüche zusammen geltend. Ein Angebot der Caritas ist die KulturLegi, die Personen trotz kleinem Budget erlaubt, an kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen. Durch diese kriegen sie beispielsweise einmal einen Gratis-Eintritt im KKL oder ins Schwimmbad. Zudem leisten wir Überbrückungshilfe in jenen Fällen, wenn beispielsweise Mietzahlungen offen sind.

zentralplus: Wie sieht es mit Budgetberatungen aus?

Sonntag: Die Erstellung eines Budgets ist jeweils das erste, was wir machen, wenn wir uns gemeinsam hinsetzen. Dieses dient zur Situationsanalyse, um zu sehen, welche Einnahmen und welche Ausgaben die Person hat. Oft sehen wir dann, wo das meiste Geld hinfliesst und wo wir optimieren können.

Das A und O zum Kostensparen: eine saubere Budgetplanung. (Bild: ida)

zentralplus: Geht das denn überhaupt: Optimieren, wenn das Budget so knapp ist?

Sonntag: Unser Klientel sind richtige Sparexpertinnen und -experten. Ich staune immer wieder aufs Neue, wie sie sich finanziell einschränken können. Auch wenn es schwierig ist: In den letzten fünf Jahren in der Sozial- und Schuldenberatung habe ich gemerkt, dass es immer noch mehr Lösungen gibt, wie man sparen kann oder wo man noch etwas rausholen kann. Ganz unmöglich ist es nie.

zentralplus: In welchen Bereichen gibt’s am ehesten Sparpotenzial?

Sonntag: Gerade im Bereich Konsum. Es lohnt sich, beim Einkaufen auf Aktionen zu achten – oder mit der Kultur-Legi im Caritas-Markt einzukaufen. Auch lohnt es sich, Preise bei Handy- und Internetanbietern zu vergleichen. Und natürlich einen Budgetplan zu erstellen. Was man sich leisten kann und was nicht und sich auch an das hält, zeigt sich damit relativ schnell. Dieser Budgetplan ist aber keine statische Vorlage, oft muss man jeden Monat wieder aufs Neue planen.

zentralplus: Als Leiterin der Sozial- und Schuldenberatung sind Sie mit vielen Schicksalen konfrontiert. Was macht das mit Ihnen?

Sonntag: Sie überlegt. Zum einen bin ich immer wieder erstaunt, was für eine intrinsische Energie viele mitbringen, obwohl sie mit so vielen Hürden in ihrem Leben konfrontiert sind. Ich empfinde grossen Respekt dafür, was diese Menschen leisten. Natürlich macht es mich auch betroffen. Das ist wichtig, damit ich ihnen als authentische Sozialarbeiterin gegenübertreten kann. Und ich freue mich, wenn es Erfolgserlebnisse gibt.

zentralplus: Können Sie uns ein solches Erfolgserlebnis schildern?

Sonntag: Ich betreue seit einiger Zeit eine Frau, die nach einem Todesfall in der Familie sehr zu hadern hatte. Sie fing mit Online-Shopping an. Sie sagte selbst: «Das brucht ke Mönsch – ich has brucht für mich.» Mehr und mehr ist sie in die Schuldenfalle geraten, hat sich Geld von Familie und Freunden ausgeliehen. Schliesslich war sie bei der Krankenkasse, beim Steueramt und bei Kreditkarten-Anbietern überschuldet. Insgesamt hatte sie rund 50’000 Franken Schulden.

zentralplus: Wie halfen Sie ihr?

Sonntag: Wir haben klein angefangen, miteinander Briefe geöffnet, weil sie das nicht mehr konnte. Mit einer Überbrückungshilfe konnten wir die Miete sichern. Gemeinsam erstellten wir ein Budget, an das sie sich Jahre lang ganz präzise gehalten hat. Jetzt ist sie fast ganz schuldenfrei. Das zu sehen, ist wahnsinnig schön. Ich freue mich immer wieder, wenn ich sie sehe und sie frage: Und, wie gehts? Und sie sagt lächelnd: Alles gut.

Braucht es eine Neudefinition des Begriffs Armut?

Die Armut nimmt in der Schweiz seit 2014 zu. 2020 lag die Armutsquote im Kanton Luzern bei 7,8 Prozent. Eine Umfrage in Bern zeigt, dass doppelt so viele Menschen in Bern von Armut betroffen wären, wenn man die derzeitige Armutsgrenze um nur 500 Franken pro Monat heraufsetzen würde. Müsste man angesichts der steigenden Lebenshaltungskosten über eine Neudefinition des Begriffs Armut sprechen?

Antwort darauf gibt Daniel Furrer, der Geschäftsleiter der Caritas Luzern. «Ich finde es grundsätzlich wichtig, dass man die Definition der Armutsgrenze beziehungsweise den Begriff Armut dynamisch betrachtet. Das heisst, ihn den aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen anpasst.»

Ob die Umfrage aus Bern auch in Luzern zutreffen würde, kann er nicht sagen, da dies von verschiedenen Faktoren abhänge. Sicherlich würde sich aber auch hier die Zahl der Armutsbetroffenen erhöhen. Wohnen und Energie seien für ärmere Haushalte die grössten Budgetposten, gefolgt von Gesundheitskosten und Nahrungsmitteln. Und gerade diese Kosten sind in den letzten Jahren gestiegen. «Ärmere Haushalte haben kaum Sparpotenzial», so Furrer.

Konsumausgaben wie Nahrungsmittel, Kleider, Wohnen und Energie würden bei einem Durchschnittshaushalt etwas mehr als die Hälfte der monatlichen Ausgaben ausmachen. «Ein Haushalt im untersten Einkommensfünftel hingegen gibt praktisch sein gesamtes Einkommen für Konsumgüter aus. Das heisst, wenn Konsumpreise teurer werden, dann belastet das Haushalte mit tiefen Einkommen viel stärker.»

Die Caritas Luzern forderte bereits, dass die schwarze Liste – also die Liste säumiger Krankenkassenprämienzahler – in Luzern abgeschafft gehöre und der Kanton mehr Geld in die Prämienverbilligung stecken soll (zentralplus berichtete).

Verwendete Quellen
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