Gesellschaft
Pro Integral muss Lebenswerk abtreten

Luzerner Architekt will Hirnzentrum auf eigene Faust realisieren

CAS-Inhaber und Architekt René Chappuis in seinem Büro an der Obergrundstrasse.

(Bild: lru)

Das Hirnzentrum, das die zahlungsunfähige Pro Integral in Roggwil vorantreiben wollte, kommt in neue Hände: Das Luzerner Architekturbüro CAS hat das Projekt übernommen. Es sucht nun selber nach Geldgebern und Betreibern. Doch das Konzept kommt nicht überall gut an.

Ein Nottwil für Hirnverletzte zu eröffnen – das war die Vision des Hochdorfers Michel Bätscher und seiner Frau. Der ehemalige Versicherungsangestellte gründete deshalb Pro Integral und wollte in Roggwil BE ein Pflegezentrum bauen, wo junge Hirnverletzte die Betreuung erhalten, die sie brauchen.

Pro Integral: Finanzloch geht in die Millionen

Von der Vision geblendet, vernachlässigte man bei Pro Integral das seriöse Wirtschaften. AHV-Beiträge, Lieferantenrechnungen, Löhne, Bankdarlehen und Versicherungsprämien blieb man schuldig (zentralplus berichtete). Aus aktuellen Betreibungsregisterauszügen, die zentralplus vorliegen, geht hervor, dass gegen die verschiedenen Gesellschaften der Pro Integral Betreibungen über insgesamt mindestens 1,8 Millionen Franken hängig sind. Auf Betreiben der Zürcher Kantonalbank ist die Gönnervereinigung Pro Integral mit Sitz in Sursee im Konkurs (siehe Box).

Von ihrer grössten Gläubigerin wird Pro Integral hingegen nicht mehr betrieben: Die Luzerner CAS Architektur AG hat sich mit der Organisation geeinigt. CAS entwarf für Pro Integral das geplante Pflegezentrum für Menschen mit einer Hirnverletzung.

Eine Visualisierung des geplanten Hirnzentrums – die Pläne sind dieselben wie bei Pro Integral (Visualisierung: CAS Architektur).

Eine Visualisierung des geplanten Hirnzentrums – die Pläne sind dieselben wie bei Pro Integral (Visualisierung: CAS Architektur).

(Bild: CAS Architektur)

Luzerner Architekten machen alleine weiter

Pro Integral ficht Konkurs an

Pro Integral hat drei im Handelsregister eingetragene Gesellschaften: eine Stiftung, eine AG und eine Gönnervereinigung. Alle drei sind stark verschuldet, die Betreibungsregisterauszüge ziehen sich über mehrere Seiten. Die Gönnervereinigung befindet sich im Moment im Konkurs, gegen welchen Pro Integral jedoch eine Beschwerde eingelegt hat. Das Kantonsgericht bestätigte den Eingang auf Anfrage. Es wird in den nächsten Tagen bis Wochen über die Beschwerde befinden müssen.

Bereits im Februar waren AG und Gönnervereinigung in Konkurs, nach Bezahlung offener Schulden bei der Ausgleichskasse hob das Kantonsgericht diesen jedoch auf. Andere Betreibungen blieben offen. Seither hat sich Pro Integral weiter verschuldet: Laut Betreibungsregisterauszug sind seit der Aufhebung des ersten Konkurses Betreibungen über mehr als 200’000 Franken dazugekommen. Mehrere ehemalige Mitarbeiterinnen haben den Lohn nicht mehr erhalten und auch die Ausgleichskasse Luzern betreibt Pro Integral wieder.

Statt die offenbar zahlungsunfähige Pro Integral weiter zu betreiben, hat CAS nun einen anderen Weg gefunden, um die eigene Arbeit nicht ganz abzuschreiben: «Ich habe mir die Rechte am Projekt gesichert», sagt René Chappuis, Verwaltungsratspräsident und Inhaber der CAS Architektur AG. «Wir wollen das Kompetenzzentrum für Hirngeschädigte eigenständig vorantreiben.» zentralplus konnte die Vereinbarung zwischen CAS und Pro Integral, die auf den 14. Juli datiert ist, einsehen.

Nicht mehr dabei ist das Team rund um Initiant Michel Bätscher: «Pro Integral zieht sich aus dem Projekt vollständig zurück. Mit diesem Namen kann man nicht mehr viel bewegen», sagt René Chappuis. Auch personelle Kontinuitäten gebe es keine, versichert er. «Das Projekt war für Pro Integral nicht finanzierbar.»

Auch CAS muss Geld auftreiben

Dass es den CAS Architekten auch darum geht, die eigene Arbeit am Projekt zu retten, stellt Chappuis nicht in Abrede. Er betont aber, dass die Idee von Pro Integral auch ihm ein Anliegen sei: «Es gibt wieder Hoffnung für Hirngeschädigte.»

Nun sucht Chappuis, wie vor ihm Bätscher, Investoren für das Hirnzentrum. Denkbar seien zwei Modelle: «Entweder wir schaffen es, die benötigten 62.5 Millionen Franken mit Spenden aufzubringen und das Zentrum dann einer Stiftung zu übergeben.» Oder aber, man gehe eine Partnerschaft mit einem Investor ein, um den Bau zu finanzieren.

Auch mit möglichen Betreiber-Gesellschaften wird momentan verhandelt. René Chappuis: «Ich habe ein kompetentes Team von Fachleuten engagiert, die das Projekt jetzt bearbeiten.»

Eine Risikoanalyse für das neue Projekt – die Vorgeschichte der Stiftung Pro Integral sehen die neuen Herren als Schwäche.

Eine Risikoanalyse für das neue Projekt – die Vorgeschichte der Stiftung Pro Integral sehen die neuen Bauherren als Schwäche.

(Bild: lru)

Projekt wird nicht angetastet

Trotz neuem Projektteam: Bau und Konzept bleiben gleich. Geplant ist ein Zentrum mit drei Gebäuden für 75 Menschen mit einer Hirnverletzung: 56 in der Pflegeabteilung, 15 in Wohngruppen und vier in Ferienzimmern. Dazu sollen zehn Hotelzimmer für Angehörige bereitstehen. Bis zu 150 Arbeitsplätze könnten dadurch entstehen.

Auch der Standort soll bleiben: Chappuis will das Hirnzentrum wie schon Bätscher in der bernischen Gemeinde Roggwil an der Kantonsgrenze zu Luzern realisieren. Dort gibt es für das Projekt bereits eine gültige Baubewilligung, der Kanton Bern hat eine Betriebsbewilligung in Aussicht gestellt.

René Chappuis zeigt die Pläne fürs Hirnzentrum – das Modell steht noch bei Pro Integral in Sursee.

René Chappuis zeigt die Pläne fürs Hirnzentrum – das Modell steht noch bei Pro Integral in Sursee.

(Bild: lru)

In Roggwil freut man sich

Gemeindepräsidentin Marianne Burkhard (SP) ist froh über die neue Trägerschaft: «Damit bietet sich für unser Dorf nun die grosse Chance, dass in einem ersten Schritt vor allem das Vertrauen sowohl in der Gemeinde als auch bei den Grundeigentümern und der Bevölkerung neu aufgebaut werden kann.» Sie sieht durch den Trägerschaftswechsel eine grosse Chance: «Ich habe Vertrauen in Herrn Chappuis und sein Team.»

«Ohne die Vision von Herrn Bätscher würden wir uns heute kaum Gedanken über ein Hirnzentrum in Roggwil machen.»

Marianne Burkhard, Gemeindepräsidentin Roggwil

Marianne Burkhard

Marianne Burkhard

(Bild: zvg)

Mit Pro Integral hatte Burkhard laut eigenen Angaben schon länger keinen Kontakt mehr. Den Stab über Pro Integral und Michel Bätscher brechen will die Roggwiler Gemeindepräsidentin dennoch nicht: «Ohne die Idee und Vision von Herrn Bätscher würden wir uns heute kaum Gedanken über ein Hirnzentrum in Roggwil machen. Herr Bätscher hat viele gute Vorarbeiten fürs Projekt geleistet und ganz viel Herzblut und Zeit in das ganze Projekt gesteckt. Sollte das Projekt realisiert werden, dann haben wir ihm viel zu verdanken.» Dass Pro Integral erneut in finanziellen Schwierigkeiten sei, bedauere sie.

Pro Integral will weitermachen

Die Baugenehmigung für das Pflegezentrum läuft Ende Jahr aus. «Diese Frist ist für den Baubeginn wohl zu knapp», sagt René Chappuis. «Die Baubewilligung kann aber verlängert werden.» Die Roggwiler Gemeindepräsidentin Marianne Burkhard bestätigte das auf Anfrage. So oder so soll es jetzt rasch vorwärts gehen mit dem Zentrum.

Eine Chance gibt es noch für Pro Integral: Wenn die Stiftung bis Ende September ihre offenen Rechnungen von rund 1,6 Millionen Franken bei der CAS Architektur AG begleicht, erhält sie die Rechte am Hirnzentrum zurück. René Chappuis glaubt nicht daran: «Das ist ein Luftanker.»

Pro Integral nahm auf Anfrage keine Stellung, scheint aber das eigene Hirnzentrum noch nicht abschreiben zu wollen. Das Projekt findet sich weiterhin auf der Webseite der Organisation: «Für das pro integral Pflege-, Wohn- und Beschäftigungszentrum suchen wir ab Herbst 2016 Pflegefachpersonen.»

Hirnverletzten-Organisation ist skeptisch

Mit dem Trägerschaftswechsel beim geplanten Hirnzentrum in Roggwil ist die Chance auf dessen Realisierung deutlich gestiegen. Bei Fragile Suisse, einer Vereinigung für Menschen mit Hirnverletzung und ihre Angehörige, reagiert man vorsichtig. Zu Pro Integral wolle man sich grundsätzlich nicht äussern, sagt Geschäftsführer Martin Rosenfeld. Die beiden Organisationen sind Konkurrentinnen auf dem Spendenmarkt.

«Wir sind nicht gegen das Zentrum. Aber unsere Erfahrung sagt uns etwas anderes.»

Martin Rosenfeld, Geschäftsführer Fragile Suisse

Martin Rosenfeld von Fragile Suisse

Martin Rosenfeld von Fragile Suisse

Grundsätzlich stellten sie immer wieder fest, dass eine Unterbringung in der Nähe der Angehörigen für Hirnverletzte von Vorteil sei. «Für die Rehabilitation ist das persönliche Umfeld extrem wichtig. Es macht beispielsweise keinen Sinn, wenn ein junger Hirnverletzter aus St. Gallen in Bern wohnen muss.» Fragile Suisse wolle sich daher nicht auf ein Zentrum festlegen, sondern arbeite mit dezentralen Organisationen zusammen. «Wenn immer möglich ist ein begleitetes Wohnen unser Ziel, damit Betroffene nicht in ein Heim müssen, sondern ein selbstbestimmtes Leben führen können.» Rosenfeld hält fest: «Wir sind nicht gegen dieses Zentrum. Aber unsere Erfahrung sagt uns etwas anderes.»

So soll es im Pflegezentrum für Hirnverletzte aussehen (Visualisierung: CAS Architektur).

So soll es im Pflegezentrum für Hirnverletzte aussehen (Visualisierung: CAS Architektur).

(Bild: CAS Architektur)

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