Gesellschaft
Bevölkerung hat mit Religion immer weniger am Hut

Luzern 2040: Übernehmen die «Gottlosen» das Zepter?

Immer mehr Luzerner wenden sich von den Religionen ab, immer weniger gehen in die Kirche (im Bild die Luzerner Hofkirche).

(Bild: Luzern.com/Fotolia.com)

Innerhalb von 14 Jahren hat sich im Kanton Luzern der Anteil von Leuten, die sich keiner Religion mehr zugehörig fühlen, verfünffacht. zentralplus orakelt: Kann es sein, dass bereits ab 2040 die Hälfte der Bevölkerung gar keinen Glauben mehr hat? Ein Experte hat dazu spannende Ansichten.

Mal vorneweg: Die Mehrheit der Luzerner Wohnbevölkerung gehört der römisch–katholischen Landeskirche an. Dazu bekennen sich im Jahr 2014 noch immer 64 Prozent. Das sind zwar 13 Prozent weniger als vor 14 Jahren, aber noch deutlich mehr als im schweizerischen Durchschnitt (38 Prozent).

Dafür gehören in Luzern mit 10 Prozent deutlich weniger Menschen zu den Evangelisch–Reformierten als in der übrigen Schweiz (26 Prozent) – daran hat sich in den letzten Jahren kaum etwas verändert.

Die soeben veröffentlichten Zahlen von Luzern Statistik bezüglich Religionszugehörigkeit zeigen vor allem zwei Punkte auf, die überraschen: Der Anteil von Leuten, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, steigt frappant. Und nur sehr wenige gehören einer islamischen Glaubensgemeinschaft an.

Entwicklung der Religionszugehörigkeit im Kanton Luzern gemäss Luzern Statistik.

Entwicklung der Religionszugehörigkeit im Kanton Luzern gemäss Luzern Statistik.

Schleichende Islamisierung? Nicht in Sicht

In der Schweiz und auch in Luzern wird teils suggeriert, der Islam konkurrenziere schleichend das Christentum. Dem ist gemäss Statistik nicht so. Gerade mal vier Prozent der Bevölkerung gehören im Kanton Luzern einer muslimischen Glaubensgemeinschaft an. «Ob und wie stark dieser Anteil gestiegen ist, wurde in dieser Erhebung nicht detailliert aufgeschlüsselt», sagt Isabelle Brunner von Luzern Statistik.

Generell lasse sich feststellen, dass mit der verstärkten Zuwanderung auch die Zugehörigkeit zu anderen Religionsgemeinschaften steige. So gehören weitere vier Prozent einer anderen Religion an, die nicht zu den Schweizer Landeskirchen zählt. «Dazu gehören unter anderen die Orthodoxen und die christlichen Freikirchen», sagt Brunner.

«In Luzern gibt es eine beruhigende Normalität bezüglich Religionsfreiheit.»
Professor Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern

Dass sowohl die muslimischen Glaubensgemeinschaften wie auch andere Religionen einen so kleinen Anteil ausweisen, erstaunt Antonius Liedhegener nicht, der an der Universität Luzern im Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) forscht.  «Allerdings ist das eine trockene Zahl, die man so nicht 1:1 anschauen sollte», sagt er und ergänzt, dass bei einer solchen Erhebung nicht alle Gruppierungen erfasst würden. «In diesem Fall fehlen etwa die Zuwanderer ohne gute Sprachkenntnisse und Kinder unter 15 Jahren. Würden diese mitgezählt, wäre dieser Anteil vermutlich etwas höher.»

Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur

Das Bundesamt für Statistik (BFS) liefert aufgrund von Stichproben statistische Informationen zu den sprachlichen, religiösen und kulturellen Verhaltensweisen der Schweizer Wohnbevölkerung.

Der Kanton Luzern hat diese Stichprobe erweitert, um aussagekräftigere kantonale Ergebnisse zu erhalten. Durchgeführt wird die Erhebung alle 5 Jahre durch das BFS; zum ersten Mal im Jahr 2014 (Erstveröffentlichung: 2016). Sie ergänzt die jährlich durchgeführte Strukturerhebung des Bundes. Hier gehts zur Seite von LUSTAT.

Liedhegener liest vor allem eines aus den vorliegenden Zahlen zu der Religionszugehörigkeit heraus: «In Luzern gibt es eine beruhigende Normalität bezüglich Religionsfreiheit, und die Leute sind insgesamt tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen und Traditionen.»

Das zeige sich nebst der gelebten Glaubensvielfalt auch daran, dass fast alle der Befragten (81 Prozent) es wichtig finden, über andere Religionen Bescheid zu wissen. Gutgeheissen wird mehrheitlich (79 Prozent) auch, dass alle religiösen und spirituellen Gemeinschaften ihre eigenen Riten wie etwa bei Begräbnissen durchführen dürfen.

Mehr Luzerner kehren Glauben den Rücken zu

Die grösste Veränderung in den letzten Jahren hat es bei jenen gegeben, die an nichts – oder jedenfalls an keine der gängigen Ideologien – glauben: 16 Prozent der Luzernerinnen und Luzerner ordnen sich gar keiner Religionsgemeinschaft zu. Bei der Erhebung von 1990 gaben erst drei Prozent an, dass sie mit keiner Religion etwas am Hut haben, im Jahr 2000 waren es dann schon sieben Prozent.

Der Anteil von konfessionslosen Leuten hat sich also in den letzten Jahren verfünffacht. Ein rein hypothetisches Rechenbeispiel zeigt: Wenn diese Entwicklung anhalten würde – alle vier Jahre steigt der Anteil an Konfessionslosen um einen Fünftel – wäre 2040 die Hälfte der Luzerner Bevölkerung ohne konkreten Glauben.

Ist es möglich, dass dieses Szenario eintrifft und ein grosser Teil der Leute nicht mehr religiös ist und keinen Glauben mehr praktiziert? «Als Wissenschaftler sind solche Prognosen natürlich schwierig», sagt Liedhegener. «Im Allgemeinen kehren sich aber Trends nicht gänzlich um: Glaube und Religion sind im Wandel, und es wird sich erst mit den Jahren zeigen, wo und wie sich das einpendelt.»

Dass sich Menschen vermehrt von den grossen Religionen verabschieden, sei in mehreren europäischen Ländern eine Tendenz und lasse sich teils auch erklären. «Die moderne Gesellschaft wird immer wie individualisierter. Früher ist man in einer bestimmten Konfession aufgewachsen und dabei geblieben. Der Stellenwert der Religion hat sich geändert: Heute kann sich jeder und jede frei entscheiden, ob und welche Religion man leben will.»

Europaweiter Trend: Ich glaube nichts

Dass dabei die grossen christlichen Religionen zu den Verlierern gehören, lässt sich nicht bestreiten: Katholiken und Reformierte verlieren europaweit ihre Schäfchen. Trotzdem, Liedhegener sieht darin nicht nur die Schattenseite, sondern auch positive Aspekte: «Wer sich heute zum christlichen Glauben bekennt, tut dies aus Überzeugung und ist entsprechend engagiert. Wer Ja zum gewählten Glauben sagt, ist dann auch wirklich dabei.»

Zwar brauche ein moderner Staat heute grundsätzlich die Religion nicht mehr zwingend, meint Liedhegener und nennt als Beispiel die Niederlande: Dort ist bereits heute der grösste Teil konfessionslos. «Aber es stellt sich die Frage, was ginge verloren ohne die Religion und das Christentum? Und da würde natürlich viel wegfallen, was den Menschen wichtig ist. Nebst Traditionen und Bräuchen zum Beispiel auch das Engagement in vielen sozialen Bereichen.»

«Grundsätzlich sollte man sich auf das besinnen, was die Kirche und der Glauben bewirken können.»
Professor Antonius Liedhegener

Dafür, wie die katholische Kirche dem Mitgliederschwund trotzen kann, gibt es keine Patentrezepte. «Grundsätzlich sollte man sich auf das besinnen, was die Kirche und der Glauben bewirken können», meint Liedhegener. Gerade im lokalen Bereich, wie städtischen Quartieren oder dörflichen Strukturen, gebe es gute Möglichkeiten, eine lebendige Gemeinschaft zu gestalten. «Am wichtigsten ist die Interaktion: Die Leute einladen zum Mitmachen, sich austauschen und bei verschiedenen Anlässen begegnen – das führt dann auch zu einer lebendigen Kirche.»

Die Zahlen aus der aktuellen Erhebung geben den Aussagen von Professor Antonius Liedhegener Recht: Von den Menschen, die sich dem Katholizismus zuordnen, gibt eine Mehrheit an, regelmässig und mehr oder weniger aktiv am Leben rund um die Kirche teilzunehmen.

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