Weinst du auch nur heimlich?

Lass es raus! Im Inseli kannst du ganz Mann sein

Roman Rieder spricht mit den Luzernern im Inseli über den «modernen Mann». (Bild: ida)

Das Luzerner Mannebüro ist derzeit mit einem Mitmachmobil im Luzerner Inseli aktiv. Roman Rieder erklärt, worum es dabei geht.

«Männer nehm’n in den Arm
Männer geben Geborgenheit
Männer weinen heimlich …»

Schon Herbert Grönemeyer fragte sich 1984: Wann ist ein Mann ein Mann? Eine Diskussion, die in den letzten Jahren neu entfacht wurde. In TV-Talksendungen stritt man sich darüber, ob Männlichkeit in der Krise stünde, man diskutierte über toxische Männlichkeit – und welche Rolle dem Mann noch bleibt. Nicht selten sind diese Genderdebatten emotionsgeladen. Man schüttelte die Köpfe, fiel einander ins Wort – und sprach aneinander vorbei.

«Reparierst du noch oder putzt du schon?»

Ganz anders wird derzeit im Luzerner Inseli übers Thema Männlichkeit diskutiert. Seit Juli ist die Zwischennutzung «Universum» vor Ort, wo früher Cars ein- und ausfuhren (zentralplus berichtete).

An diesem Donnerstagabend ist es ruhig. Von der Bar, einem ausrangierten Bus, brummt Popmusik, aus der Ferne hört man das Hupen vorbeidampfender Schiffe. Im hinteren Teil des Inseli ragt ein hölzernes Gebäude in die Höhe. Neben Bistrotischen mit Stühlen gibt’s einen Töggelikasten und Plakate mit provokanten Sprüchen. «Kann Mann beim Rasenmähen auch Gefühle trimmen?» steht darauf. Oder «Reparierst du noch oder putzt du schon?» Dahinter steht das Luzerner Mannebüro. Diese betreiben mit dem «M2-Mitmachmobil» im Rahmen der Zwischennutzung eine niederschwellige Anlaufstelle. Hier soll die «moderne Männlichkeit» im Fokus stehen.

Mit diesen Sprüchen versucht das Luzerner Mannebüro die Aufmerksamkeit der Luzerner zu gewinnen. (Bild: ida)

Sie sagen nicht, wie der «moderne Mann» zu sein hat

Doch was zeichnet den «modernen Mann» überhaupt aus? Und warum lockt das Mannebüro mit dem selbst gezimmerten Holzkabäuschen und dem Töggelikasten? Werkeln und Fussball – Dinge, die zum traditionellen Männerbild passen.

«Es ist nicht unser Ziel, anderen zu sagen, wie der moderne Mann zu sein hat. Wir wollen vor allem den Raum schaffen, um über diese Frage zu diskutieren», sagt Roman Rieder. Er leitet gemeinsam mit Livius Steiner das Mitmachmobil. Sie wollen also vielmehr Fragen mit auf den Weg geben, zum Diskutieren und Reflektieren anregen.

«Zudem haben wir uns viele Gedanken darüber gemacht, wie wir möglichst viele Menschen erreichen – gerade auch jene, die sich noch nicht mit Männerbildern und Genderstereotypen auseinandergesetzt haben.» Sie wollten bewusst mit Klischees und typisch männlich und typisch weiblich konnotierten Eigenschaften – wie eben «reparieren» und «putzen» – spielen, um andere abzuholen, diese aber auch zu hinterfragen. Mit Blick ins Mitmachmobil sagt Rieder, dass darin auch ein rosaroter Schrank steht. «Auch dieser wurde sehr bewusst gewählt.»

Sozialarbeiter Roman Rieder beim Mitmachmobil des Mannebüros Luzern. (Bild: ida)

Es kann auch wehtun

Im Inseli kommen viele Themen auf den Tisch. Laut Rieder zeige sich, dass sich viele Männer nicht mit den gängigen Geschlechterrollen identifizieren könnten. Oder sie mit den Erwartungen hadern, die an sie gestellt werden. Sei es in der Rolle als Berufstätiger, als Vater oder als Partner. Auch das Thema Beziehungen treibe viele um. Sei es die Beziehung zu den eigenen Kindern oder die Beziehung zum eigenen Vater.

«Oder sie haben Mühe, ihre Emotionen zu zeigen und darüber zu sprechen – weil sie das nie gelernt haben», so Rieder. «Sprüche wie ‹Wann hast du deinen Sohn das letzte Mal umarmt?› oder ‹Weinst du auch nur alleine?› machen weh und lösen wohl in den meisten etwas aus», sagt Rieder dazu.

Das Mannebüro Luzern existiert bereits seit 1995. (Bild: ida)

Gegen – oder mit der Frauenbewegung?

In den letzten Jahren gewann die feministische Bewegung an Aufwind. So gingen am 14. Juni 2019 – dem zweiten nationalen Frauenstreik nach 1991 – eine halbe Million Frauen auf die Strasse, um für die tatsächliche Gleichstellung zwischen Mann und Frau zu kämpfen. Ziel der Feministinnen ist die Gleichstellung aller Menschen.

«Über Gefühle und Ängste zu reden, bedeutet, sich verletzlich und ein Stück weit nackt zu zeigen.»

Roman Rieder

Wie Roman Rieder sagt, würden sie mit ihrem Angebot nicht gegen feministische Aktivitäten arbeiten. Vielmehr verstehen sie sich als Teil davon – nur dass sie die Diskussion aus der weniger beachteten Position des Mannes beleuchten. «Wir kämpfen für dieselben Anliegen wie der Feminismus», so Rieder. Unter anderem die Befreiung von veralteten Geschlechtervorstellungen und patriarchalen Strukturen. Ziel wäre es seiner Meinung nach, dass sich Frauen und Männer gemeinsam, Hand in Hand, für mehr Gleichstellung und gegen Diskriminierung einsetzen.

Hier findest du Hilfe

Reden hilft. Wähle die Nummer 143 der «Dargebotenen Hand», wenn es dir nicht gut geht oder du dir Sorgen um jemand anderen machst. Kostenlos und rund um die Uhr wird dir auch über die Nummer 147 (Pro Juventute) geholfen.

Das Mannebüro hat eine Mannehotline, die sich spezifisch an Männer richtet, die Fragen haben zu Beziehung, Familie, Sexualität, Gewalt etc. Mehr Infos findest du hier.

Männer schätzen das Angebot

Die meisten Passanten würden neugierig reagieren und seien auch offen. Mit vielen kommt er ins Gespräch. «Viele sagen zu uns: Schön, dass es so etwas auch für Männer gibt.» Für viele Männer sei es ermutigend, zu erfahren, dass sie nicht alleine seien mit ihren Fragen oder Gefühlen.

Etwas, was laut dem Sozialarbeiter unglaublich wichtig ist. Mit Blick auf die gefüllten Psychiatrien, die ausgelasteten Psychologinnen und die hohe Suizidrate bei Männern – 2020 handelte es sich bei 7 von 10 Selbstmorden um Männer – sagt er: «Ich glaube, es kann dramatische Auswüchse annehmen, wenn Männer nicht lernen, ihre Emotionen zuzulassen und darüber zu sprechen. Wenn sie sie immer unterdrücken, sich alleine damit fühlen und immer leistungsbereit sein müssen.»

Bei sich selbst hinzuschauen, könne schmerzhaft sein. «Über Gefühle und Ängste zu reden, bedeutet, sich verletzlich und ein Stück weit nackt zu zeigen», so Rieder. «Vielen Männern fehlt diese Fähigkeit – aber dies zu erleben, tut unglaublich gut.»

Hinweis: Das Mitmachmobil kann noch bis am 15. September im Inseli besucht werden. Es finden zudem mehrere Veranstaltungen statt. Mehr dazu findest du hier.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Roman Rieder
  • Lied «Männer» von Herbert Grönemeyer
  • Website «M2-Mitmachmobil»
  • Website manne.ch
  • Zahlen vom Bfs
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