Gesellschaft
Viele Unfälle wegen missachtetem Vortritt

Kaum Bussen für Luzerner Velofahrer – das ist gefährlich

Velofahrer, die einen Unfall verursachen, kommen dabei meist selbst zu Schaden. (Bild: Symbolbild / Adobe Stock)

Selbstüberschätzung, Bequemlichkeit und Angst: Eine neue Analyse zeigt, weshalb Velofahrerinnen Unfälle verursachen. Eines der Hauptprobleme: Fehlverhalten auf dem Zweirad hat vielfach keine Konsequenzen. Die Luzerner Polizei schaut zwar auch beim Velo genau hin – ihr bereitet jedoch noch ein anderes Thema Sorgen.

Velofahrer gefährden sich oft selbst, weil sie die Vortrittsregeln missachten. Zu dieser vermeintlich banalen Erkenntnis gelangt eine neue Studie der nationalen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Die Zahlen dahinter zeigen jedoch auch, welch brutale Konsequenzen die augenscheinliche Banalität hat.

Velofahrerinnen und Velofahrer, die gegen Verkehrsregeln verstossen, verursachen jedes Jahr rund 200 Kollisionen mit Schwerverletzten oder Toten. Durch den Veloboom der letzten Jahre ist die Tendenz dieser Zahl steigend. Das bestätigt auch die Versicherung Suva, die 2020 alleine in der Stadt Luzern 1200 Unfälle mit Velos registrierte. Dies entspricht einer Zunahme von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr (zentralplus berichtete).

Die «typischen» Fehler sind nicht massgebend

Grund genug, sich das Problem mit den Regelverstössen genauer anzuschauen. Die BFU kommt zum Schluss, dass die «typischen» und oft kritisierten Fehlverhalten von Velofahrern – rote Ampeln und Einbahnstrassen ignorieren, auf dem Trottoir fahren, nachts ohne Licht unterwegs sein – zwar keine Sympathiepunkte gewinnen, aber zu relativ wenig Unfällen führen.

Gemäss den Zahlen der BFU wurden in den Jahren 2016 bis 2020 auf Schweizer Strassen 4411 Velofahrerinnen schwer oder tödlich verletzt. 2956 von ihnen wurden als Hauptverursacher ihres Unfalls registriert. Nur 1,7 Prozent dieser Unfälle konnten auf die Missachtung von Lichtsignalen zurückgeführt werden. Unerlaubtes Befahren des Trottoirs führte zu noch weniger Kollisionen (1,2 Prozent), während Fahren in die verbotene Richtung gerade mal 0,3 Prozent dieser Unfälle auslöste.

Viel wesentlicher waren zwei andere Ursachen, die oftmals zusammenhängen: Überhöhte Geschwindigkeit und Vortrittmissachtungen. Zusammen machen sie deutlich über 20 Prozent der Unfallursachen aus. Beides erfolge oftmals unbeabsichtigt, gerade in der Kombination kann es jedoch tödlich sein – und zwar meistens für die Unfallverursacher selbst.

Problem: Oftmals keine Konsequenzen

Wie kommt es dazu? Wird beim Velounterricht einfach nicht gut genug aufgepasst? Die Studie beruft sich auf eine von der BFU durchgeführte Bevölkerungsbefragung, um diese Frage zu beantworten. Demnach werden die genannten Regelverstösse oftmals begangen aus Bequemlichkeit oder weil die Velofahrer «Zeit sparen wollen, manchmal aber auch, weil sie sich durch den motorisierten Verkehr gefährdet fühlen oder weil sie die Infrastruktur anderweitig als unangenehm oder benachteiligend empfinden».

Ein weiterer wichtiger Faktor: Oft hat das regelwidrige Verhalten keine negativen Konsequenzen. Also kein Polizist, der die Szene beobachtet hat, kein Unfall, keine Schelte von anderen Verkehrsteilnehmern. Dies führe wiederum dazu, dass das Verhalten verstärkt an den Tag gelegt wird.

Dieser Punkt wird auch vom Zuger Verkehrspsychologen Gianclaudio Casutt bestätigt. Registriert das Hirn, dass man mit seinem Fahrverhalten einen persönlichen Vorteil erreicht – etwa schneller am Ziel sein, weil man bei der Kreuzung nicht gebremst hat – wird das Verhalten vom Gehirn als positiv abgespeichert und führt zur Entwicklung bestimmter Verhaltensmuster (zentralplus berichtete).

Aufklärung, Infrastruktur und Überwachung

Die Analyse der BFU macht drei Vorschläge für Massnahmen, um dem Trend zu mehr veloverursachten Unfällen entgegenzuwirken.

  1. Aufklärungs- und Sensibilisierung: Bessere Kenntnisse der Regeln könnten nicht nur bei Kindern, sondern auch bei einigen erwachsenen Velofahrerinnen angezeigt sein, wie der Analyse zu entnehmen ist. Vor allem aber würden die eigenen «Kontrollmöglichkeiten um Unfälle zu verhindern» überschätzt. Dem müsse mittels Aufklärungskampagnen entgegengewirkt werden. Weiter wird vorgeschlagen, dass in Sensibilisierungsbotschaften darauf hingewiesen wird, dass andere Verkehrsteilnehmende nicht mit Regelverletzungen rechnen, sodass die betreffenden Velofahrer leicht übersehen werden.
  2. Infrastruktur: Bei den Bevölkerungsbefragungen der BFU begründen Velofahrer ihr Fehlverhalten häufig mit Infrastrukturdesign. Unübersichtliche Kreuzungen sowie enge oder fehlende Velospuren sind Beispiele dafür. «Ein sicheres, zusammenhängendes und attraktives Velowegnetz mit wenig Umwegen und Wartezeiten dürfte dafür sorgen, dass Velofahrerinnen und Velofahrer die vorgesehenen Wege nutzen und sich regelkonform verhalten», lautet das Fazit der BFU. In Luzern wurde diesbezüglich die von Pro Velo lancierte Initiative «Luzerner Velonetz jetzt!» eingereicht. Sie fordert innert zehn Jahren in der Stadt Luzern ein Netz aus Velobahnen (zentralplus berichtete). Gemäss heutigem Zeitplan kann die Bevölkerung voraussichtlich im Herbst 2022 über die Initiative abstimmen.
  3. Polizeikontrollen und Bussen: Für die BFU ist klar, dass Aufklärung und Sensibilisierung alleine nicht ausreichen werden, um Velofahrer zur konsequenten Regeleinhaltung zu bewegen. Wie oben erwähnt, wird regelwidriges Verhalten nur selten sanktioniert und dadurch weiter befeuert. «Polizeiliche Überwachung und Sanktionierung könnten dem ein Stück weit entgegenwirken», schreibt die BFU dazu. Und weiter: «Die Erfahrungen im Strassenverkehr generell zeigen, dass dies eine sehr wirksame Massnahme ist, um die Regeleinhaltung zu fördern. Illegales Verkehrsverhalten wird dann am wirkungsvollsten verhindert, wenn das Individuum die Wahrscheinlichkeit, entdeckt und bestraft zu werden, als hoch einschätzt.»

Kontrollen mit Fokus auf Velofahrer

Mehr Kontrollen – ist das aus Kapazitätsgründen für die Luzerner Polizei überhaupt umsetzbar? Tatsache sei, dass die Polizei wiederholt auch bei Velofahrerinnen genau hinschaut, hält Mediensprecher Urs Wigger auf Anfrage fest. «Die Luzerner Polizei führt in regelmässigen Abständen Schwerpunktkontrollen durch. So auch bei Radfahrern.»

Das von der Analyse gezeichnete Bild wird von der Luzerner Polizei aber insgesamt bestätigt. «Gemäss Einschätzung kann man sicherlich sagen, dass auch im Kanton Luzern die Missachtung des Vortritts zu den Hauptursachen gehören.»

Keine klaren Hotspots, dafür mehr Betrunkene

Gefährliche Hotspots für Velounfälle kann die Polizei nicht direkt benennen: «Die Analyse spricht von den Ursachen bei Kollisionen von Radfahrern. Diesbezüglich müssten wir eine vertiefte Recherche zum Kanton Luzern machen lassen, um Aussagen zu den Unfallursachen mit beteiligten Radfahrern und den Unfallorten zu machen», so Wigger.

«Wir stellen gerade bei den Fahrradfahrenden eine zunehmende Anzahl von ‹Fahren in angetrunkenem Zustand› fest.» 

Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei

Dafür bereitet der Polizei in jüngster Vergangenheit eine andere Beobachtung mehr Arbeit: «Wir stellen gerade bei den Fahrradfahrenden eine zunehmende Anzahl von ‹Fahren in angetrunkenem Zustand› fest», wie Mediensprecher Urs Wigger schreibt. Die rechtlichen Konsequenzen sind den Velofahrern oft nicht klar (zentralplus berichtete).

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