Gesellschaft
Luzerner Künstlerin klärt auf

Jlona lebt mit Borderline: «Das Chaos im Kopf bleibt»

Wir haben Jlona Dreyer – oder Cat Velvet, wie sich die Künstlerin nennt – auf einen Kaffee im Café Nord in Luzern getroffen. (Bild: ida)

Jlona Dreyer leidet an der Persönlichkeitsstörung Borderline. Ihre Gedankenwelt verarbeitet sie mit ihrer Kunst. Im Gespräch erzählt die 32-Jährige, wie sie mit der psychischen Erkrankung lebt – und warum das Ganze auch gute Seiten hat.

Über dem Kopf der Frau schweben düstere Wolken und Sonnen. Fast alle möglichen Wetterszenarien sind über ihr zu sehen: von sonnig zu bewölkt, regnerisch, gewitterig – und wieder sonnig.

Die Illustration gezeichnet hat Jlona Dreyer. Dazu hat sie folgende Worte geschrieben: «Borderline ist so wie das Wetter. Ein ständiger Wechsel. Ein Wechsel der Gefühle und Emotionen. Jeder Tag, nein, jede Stunde ist anders.»

Die gebürtige Obwaldnerin ist besser bekannt unter ihrem Künstlerinnennamen Cat Velvet. Seit gut fünf Jahren postet sie ihre Kunst auf Instagram.

(Bild: Jlona Dreyer/Cat Velvet)

So, wie sich die gezeichnete Frau fühlt, so fühlt sich auch Jlona oft. Vor vier Jahren wurde bei ihr die Persönlichkeitsstörung Borderline und ADHS diagnostiziert. Typisch für Betroffene sind starke Stimmungsschwankungen und Gefühlsstürme. Im einen Moment können sie sich euphorisch fühlen, nur Sekunden später stinkwütend oder niedergeschlagen sein. Aber auch das Gefühl der Leere gehört dazu, selbstverletzendes Verhalten oder nur schwarz-weiss zu sehen.

Kunst, die unter die Haut geht

Wir wollen mehr über Jlona erfahren, die in der Stadt Luzern keine Unbekannte ist. An drei Tagen die Woche trifft man sie im Secondhand-Laden «Marta» an der Bundesstrasse an. Seit einigen Monaten tätowiert sie im Studio «Il Gatto & la Volpe» an der Luzerner Bergstrasse.

Man kennt sie aber auch, weil sie immer wieder offen über ihre psychischen Erkrankungen spricht. Denn die 32-Jährige ist als «Mental Health Aktivistin» an Podiumsdiskussionen anzutreffen, in Podcasts zu hören oder marschierte an der Mad-Pride mit.

Damit will sie ein Zeichen gegen die Stigmatisierung psychischer Krankheiten setzen. Und Aufklärungsarbeit leisten. «Denn wenn psychische Krankheiten nicht so stark tabuisiert wären, hätte ich mir vielleicht auch Jahre früher eingestanden, dass ich Hilfe brauche», sagt Jlona.

Wir treffen Jlona auf einen Eiskaffee im Café Nord am Bundesplatz. Heute scheint die Sonne – auch bei ihr. «Momentan geht's mir sehr gut», sagt sie. «Ich habe einen Alltag, der mir enorm gut gefällt.» Zuvor arbeitete sie in einem Reinigungsunternehmen, habe sich gefühlt jede Sekunde gefragt, was sie da eigentlich genau suche. «Irgendwie wusste ich immer: Ich kann mehr. Zugleich war eine Stimme in meinem Kopf, die sich das selbst nicht zugetraut hat.»

Mit 14 Jahren verletzte sie sich das erste Mal selbst

Ihre Diagnose erhielt Jlona spät. Obwohl es bereits früh Anzeichen dafür gab, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Beispielsweise verletzte sie sich das erste Mal mit 14 Jahren. Grund: Liebeskummer. Jlona kratzte sich damals mit ihren Fingernägel die Haut auf, bis sie blutete. «Ich dachte, es sei normal, so etwas zu tun», sagt Jlona heute.

Schon als Teenager haderte sie mit vielem. «Ich hatte das Gefühl, das Leben sei für nichts.» Alles war doof. Als sie mit Freundinnen und Familie ihren 26. Geburtstag feierte, fragte ihre Mutter ihre beste Freundin: «Warum sieht Jlona immer alles so negativ?» Das löste in der jungen Frau viel aus. «Denn ich realisierte, dass das nicht nur mir, sondern auch anderen auffällt.»

Starke Stimmungsschwankungen haben schon lange ihr Leben begleitet. Sie erzählt, wie sie zufrieden mit ihren Eltern am Tisch gegessen hat und eine kleine Aussage sie derart wütend machte, dass es in ihrem Kopf ratterte, sie explodierte und das Besteck auf den Tisch geschmissen hat, fluchtartig aufstand und die Tür ihres Zimmers zuschlug.

Das Zeichnen entspannt Jlona

Schliesslich fühlt Jlona sich immer depressiver. Bei einem Bekannten, der an starken Depressionen leidet, erlebt sie schliesslich mit, wie sich das anfühlen könnte. Schliesslich schaut sie auch bei sich selbst genauer hin. «Ich realisierte, dass auch ich mich öffnen kann, wenn mein dieser Bekannte so offen über seine psychischen Probleme erzählt. Und ich realisierte, dass ich auch in vielen Dingen ähnlich fühlte wie er.»

Jlona ruft ihren Hausarzt an, er überweist sie an eine Psychologin. Schliesslich googelt Jlona auch selbst – bis eine zweite Psychologin schliesslich auch Borderline und ADHS diagnostiziert.

Das Zeichnen entspannt Jlona. (Bild: ida)

2019 verbringt Jlona schliesslich mehr als drei Monate in einer stationären Klinik. Rückblickend habe das ihr Leben gerettet. Jlona lernt, wie sie ihre Emotionen besser regulieren kann. Und sie findet zurück zum Zeichnen – etwas, was sie schon ihr ganzes Leben lang begleitet habe.

«Ich begann, meine Gefühle aufs Papier zu bringen», erzählt Jlona. Über die düsteren Tage. Über die Leere oder das Chaos im Kopf. Dreyer malt aber auch über Genesung und darüber, selber zu wachsen – und sich selber zu lieben.

Patienten gehen mit Illustrationen von Cat Velvet zum Therapeuten

«Die Kunst bedeutet mir enorm viel. Ich identifiziere mich ja auch darüber», sagt Jlona und trinkt einen Schluck ihres kalten Kaffees. Mit ihrer Kunst berührt sie auch andere Menschen.

Jlona kriegt Nachrichten von Therapeutinnen, die ihre Bilder in den Therapiesitzungen verwenden. Oder Menschen schreiben ihr, die mit einer Illustration von ihr zu einem Therapeuten gegangen sind, mit den Worten: «Genau so fühle ich mich.»

«Das berührt mich enorm», sagt Jlona. Auch die Tatsache, dass Menschen sich ihre Kunst auf der Haut verewigen lassen.

Ein Tattoo, dass Jlona Dreyer kürzlich gestochen hat. (Bild: Jlona Dreyer/Cat Velvet)

Sie hat gelernt, mit Borderline umzugehen

Jlona hat einen Weg gefunden, mit Borderline umzugehen. Sie hat alle zwei Wochen eine Therapiestunde. Medikamente nimmt sie noch. Etwas gegen das ADHS, um sich besser zu konzentrieren. Und ein leichtes Antidepressivum. «Aktuell arbeite ich daran, dass ich gut genug bin», sagt Jlona. «Denn ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht gut genug wäre oder schwach bin. Das ist ein Glaubenssatz, der tief in mir verankert ist.»

Aber natürlich gibt es Tage, an denen Jlona zu kämpfen hat. Sie sich down fühlt, mit dem Gedanken spielt, sich selbst etwas anzutun. «Diese Gedanken gehen wohl nie ganz weg», sagt Jlona. «Auch das Chaos im Kopf bleibt.» Aber sie hat gelernt, dies einzuschätzen und welche Hebel sie in Gang setzen muss, damit ihr nichts passiert.

Einerseits sind das ganz praktische Dinge. Beispielsweise hat Jlona keine Rasierklingen zu Hause, weil sie das triggere.

Die junge Frau hat sich auch Skills angeeignet. Dinge, die sie tut, um sich zu entspannen – wenn die Emotionen mit ihr durchgehen und sie sich angespannt fühlt. «Wenn ich zeichne, bringt mich das für den Moment in eine andere Welt.»

Es hilft ihr aber auch, an Sudokus zu knobeln. Oder kalt zu duschen, damit andere Sinne angeregt werden. Und wenn die Anspannung ganz hoch ist, dann läuft Jlona. Sie läuft und läuft – solange, bis sie müde wird.

Die schöne Seite von psychischen Erkrankungen

Die Persönlichkeitsstörung hat aber auch viele positive Aspekte. «Sie hat mir viele Türen geöffnet», sagt Jlona. «Einerseits habe ich mich dadurch selbst gezwungenermassen viel besser kennengelernt.» Und sie hat den Mut gefunden, Jobs nachzugehen, die ihr einen Sinn geben, die sie erfüllen. «Es stabilisiert mich enorm, wenn ich dem nachgehe, was ich gerne mache.»

Und durch Borderline nimmt Jlona ja auch nicht nur die negativen Emotionen viel stärker wahr. Sondern auch die schönen. Jlona erzählt, wie ihr letztens eine unbekannte Frau ein vierblättriges Kleeblatt geschenkt hat. Mit den Worten: «Du hast ein wenig Glück verdient.»

Jlona sagt: «Ich habe mich unglaublich fest gefreut. Ich kriegte Gänsehaut, diese kleine Geste hat meinen Tag total versüsst.»

Es ist, wie es Jlona treffend unter eine andere Illustration von ihr zum Thema Borderline schreibt: «Fachleute nennen es emotional instabil. Aber machen mich diese Gefühle nicht auch zu dem Menschen, der ich bin? Ein Mensch, der ganz stark liebt, sich ganz stark freut und auch ganz stark lebt. Das bin ich.»

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Jlona Dreyer
  • Instagram-Account von Cat Velvet
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